«Wir Schweizer sind zu wenig mutig»
Saskia Bilang will mit dem Start-up Simpletrain Bahnreisen in Europa zu einem neuen Höhenflug verhelfen. Mit 22 Jahren stieg sie in die Firma ein, heute steht sie auf der Liste «30 under 30» von Forbes.
Warum reist du gerne mit dem Zug?
Ich liebe es, mit dem Nachtzug unterwegs zu sein. Für mich hat es etwas Magisches, am nächsten Morgen an einem völlig anderen Ort aufzuwachen. Langsames Reisen finde ich megaschön und ich geniesse das andere Gefühl von Distanz.
Deine Lieblingsdestination ist Vieste. Wo liegt das?
Im Süden Italiens, oberhalb des Stiefelabsatzes an der Adriaküste. Dieses verschlafene, herzige Städtchen ist mit Nachtzug und Bus gut erreichbar.
Hast du Flugscham?
Nein. Wir haben absolut kein Problem, wenn Menschen drei Monate reisen und dabei aufs Flugzeug setzen – man kommt schliesslich nicht überall mit dem Zug hin. Uns geht es vielmehr darum, in Europa eine effiziente Lösung anzubieten, die auf den Zug setzt. Wir wollen dazu beitragen, den Zug als Reiseoption in den Köpfen der Menschen zu verankern – und so Flugreisen zu verringern.
Warum ist die Buchung einer Zugreise im Vergleich zu einem Flug so kompliziert?
Gerade bei internationalen Bahnreisen sind die Grenzen immer noch «scharf», die Abläufe teils befremdlich. Hauptursache ist das fragmentierte und politisierte Angebot in Europa: unzählige Länder, staatliche wie private Bahngesellschaften, die kaum miteinander kommunizieren und noch weniger kooperieren. Ausserdem hinkt die Digitalisierung im Ticketing von Bahnreisen der Flugbranche leider hinterher.
Was ist das Tolle und Erstrebenswerte daran, Unternehmerin zu sein?
Für mich ist es die Mischung aus Unabhängigkeit und Wirkung, die den Reiz ausmacht. Man kann enorm viel bewegen, wenn man eine sinnvolle Lösung für ein konkretes Problem gefunden hat. Ein klares Ziel vor Augen zu haben, hat zudem den Vorteil, dass alle Arbeiten sinnvoll erscheinen. Die Frage «Warum mache ich eine gewisse Aufgabe eigentlich?» musste ich mir jedenfalls noch nie stellen. Ausserdem bin ich als Unternehmerin gezwungen, auf die grösstmögliche Wirkung zu fokussieren.
Ist es toll, keinen Chef zu haben?
Das ist ein Mythos. Der Druck, den viele Angestellte von ihrem Chef kennen, kommt bei uns schlicht von anderer Seite – von den Mitarbeitern, Geldgebern oder Kunden. Aber genau das hat auch etwas Lässiges. Zudem bin ich nicht allein. Wir sind zu dritt in der Geschäftsleitung.
Was sind die Schattenseiten? Die Steuererklärung wird sicher nicht einfacher …
Nein (lacht). Insgesamt gibt es eigentlich wenig Nachteile. Man muss sich aber bewusst sein: Es gibt extreme emotionale Höhen und Tiefen. Wenn alles läuft, wir mediale Aufmerksamkeit erhalten, auf der Forbes-Liste stehen, einen starken Dezember haben, macht das enorm Spass. Man muss es aber auch aushalten, wenn etwa wichtige Fördergelder ausbleiben oder die Sorge entsteht, die Lohnsumme am Ende des Monats nicht stemmen zu können.
Wie sieht dein persönliches Sorgenbarometer aus?
Ziemlich ausgeglichen. Wir müssen dieses Jahr deutlich höhere Umsatzziele erreichen. Entsprechend haben wir auch personell aufgestockt. Aber wir schreiben jeden Monat bessere Zahlen als ein Jahr zuvor, was enorm erfreulich ist.
Gibt es schlaflose Nächte?
Nein. Hätte ich welche, würde ich mir externe Hilfe holen.
Hast du vor Simpletrain auch andere Business-Ideen evaluiert?
Nein, es war Liebe auf den ersten Blick (lacht).
Gab es Schlüsselerlebnisse auf dem Weg in die Selbstständigkeit?
Bei mir war es eher ein Hineinrutschen und das Realisieren, dass ich da eine Lücke füllen kann. Wenn ich das Gefühl habe, wenig bis nichts bewirken zu können, dann muss ich weiterziehen. Als mich die Simpletrain-Gründer anfragten, ob ich einsteigen wolle, war für mich sofort klar: Das mache ich jetzt! Ich war damals 22 Jahre alt.
Du bist nach der Gründung als Unternehmerin quasi quer eingestiegen?
Genau – als Mitinhaberin und Geschäftsführerin.
Online-Buchungsplattformen gibt es zuhauf. Wie unterscheidet ihr euch?
Wir punkten mit unserer Beratungskompetenz. Wir arbeiten grenzenlos – nicht nur, was die Destinationen in Europa anbelangt, sondern auch hinsichtlich Gruppengrösse und spezieller Anforderungen wie Gepäck, Tiere oder die Bedürfnisse von Menschen mit eingeschränkter Mobilität betreffend. Genau daran scheitern die meisten Plattformen.
Ist das Geschäft profitabel?
Ja. Die Margen sind insgesamt eher tief und setzen sich aus mehreren Komponenten zusammen. So erhalten wir für jedes gekaufte Ticket eine Provision der Bahngesellschaften. Hinzu kommen dann noch die Gebühren der Kunden. Im Schnitt liegen wir bei einer Bruttomarge von 15 bis 20 Prozent. Einfache Anfragen wie von Zürich nach Mailand haben wir inzwischen automatisiert, denn an solchen Reisen verdienen wir am wenigsten. Wir verstehen das eher als Kundenservice und hoffen, dass diese Kunden später vielleicht auch mal eine umfangreiche Reise nach Oslo mit uns buchen.
Wäre ich Investor, würde ich sagen: Das Geschäftsmodell ist nicht skalierbar und zu leicht kopierbar.
Da muss ich widersprechen! Unser Alleinstellungsmerkmal ist unser vertieftes Wissen über internationale Zugreisen – das lässt sich nicht so einfach kopieren. Zudem gibt es eine technische Komponente unseres Geschäfts: Wir haben den Ticketerwerb verschiedener Bahngesellschaften auf einer eigens dafür entwickelten Plattform gebündelt. Die Skalierbarkeit ist tatsächlich begrenzt, da wir kein klassischer Risikokapital-Case sind. Unser Fokus liegt bewusst auf organischem Wachstum.
Welche Tipps hast du für künftige Neounternehmer?
Einfach mal anfangen. Das ist entscheidend. Dann ist wichtig, Hypothesen aufzustellen, also sich damit zu befassen, was es braucht, damit das eigene Modell funktioniert. Diese Annahmen sollte man dann möglichst früh testen und bei Bedarf anpassen. Voraussetzung ist, ein reales Marktbedürfnis zu identifizieren. Das Wichtigste beim Gründen ist jedoch das Team. Man muss bereit sein, die nächsten Jahre seines Lebens in die Firma zu investieren. Und ebenso wichtig: loslassen, wenn es nicht funktioniert.
Wo habt ihr euch Hilfe geholt?
Gerade für jüngere Menschen ist es ratsam, sich ein «Advisory Board» aufzubauen und sich so externes Wissen hereinzuholen. In unserem Fall sind das Personen mit Expertise in Finanzen oder Recht, aber auch Start-up- oder Reiseexperten mit einem breiten Netzwerk und viel Erfahrung.
Wo hast du welche Unterstützung vermisst?
Wir haben wenig echte Lücken erlebt. Sobald wir Unterstützung brauchen, fordern wir sie aktiv ein bei Mentoren, Investoren oder Partnern aus unserem Netzwerk. Dieses Umfeld ist für uns extrem wertvoll und hat uns bisher in allen entscheidenden Phasen getragen.
Dein Tipp für das perfekte Pitchdeck?
Je kürzer, desto besser. Ein gutes Pitchdeck erzählt eine einfache, klare Geschichte. Man sollte in kürzester Zeit verstehen, welches Problem die Firma lösen kann und warum genau dieses Team dafür prädestiniert ist.
Was sind verbreitete Fehlannahmen über das Unternehmertum?
Oft hält sich das falsche Narrativ, dass man eine Idee hat, eine Firma gründet und diese dann fünf Jahre später für einen Millionenbetrag verkauft. Das hat mit der Realität wenig zu tun. Die allermeisten scheitern.
Gab es bereits Übernahmeangebote?
Nein.
Wo lauerten die Stolpersteine für Simpletrain?
Eine grosse Herausforderung war und ist die Saisonalität des Geschäfts. Die Schweizer buchen ihre Zugreisen im Schnitt drei bis vier Monate vor Reiseantritt. Im Frühling sind wir immer sehr gut ausgelastet. Rund 65 Prozent unseres Umsatzes erzielen wir im ersten Halbjahr. Die zweite Jahreshälfte ist dagegen oft von mehr Unsicherheit geprägt, bietet aber auch mehr Raum für strategische und marketingbezogene Aktivitäten. Daneben gab es viele kleinere Hürden. So war es uns zu Beginn etwa nicht möglich, bei einer Bank eine Firmenkreditkarte zu erhalten, weil unsere Umsätze noch zu gering waren.
Welche Fehler hast du gemacht?
Vor zwei Jahren hatten wir mehrere Mitarbeiter eingestellt, die zwar perfekt zu unserer Vision gepasst und einen grossartigen Job gemacht haben. Aber wir haben zu wenig darauf geachtet, ob unser Kernmodell mit so hohen Fixkosten noch tragfähig ist. Wir haben uns stärker von der Vision als von den wirtschaftlichen Realitäten leiten lassen. Das mussten wir korrigieren, was nicht nur ärgerlich, sondern auch emotional sehr belastend war.
Viele Ideen scheitern an der Finanzierung. Wie ist Simpletrain finanziert?
Der Migros-Pionierfonds hat uns noch vor der Gründung gefunden. Das war eine Traumförderung und in der Welt der Start-ups alles andere als die Regel. Heute unterstützen uns auch die Klimastiftung Schweiz und Stadtwerk Winterthur. Die Zahlungen erfolgen in Tranchen und sind an konkrete Ziele geknüpft. Generell ist die Finanzierung extrem zeitaufwändig. Und meistens wird man abgelehnt.
Habt ihr Schulden?
Nein. Auch das ist wohl eher untypisch für Neugründungen. Wir hatten zeitweise Darlehen, diese sind inzwischen jedoch vollständig zurückbezahlt.
Simpletrain gibt es seit fünf Jahren. Seid ihr über den Berg?
Ganz ehrlich: Als Start-up ist man nie wirklich über den Berg. Wir sind heute deutlich stabiler aufgestellt als in den ersten Jahren, verbessern unsere Prozesse laufend und wachsen kontinuierlich. Den steilsten Teil des Aufstiegs haben wir hinter uns, aber Gipfelstürmer bleibt man eigentlich immer, und das mag ich.
Welche persönlichen Qualitäten braucht es, um als Unternehmerin erfolgreich zu sein?
Hartnäckigkeit, Freude an dem, was man macht, und Resilienz – auch gegenüber den eigenen Gefühlen.
Wünschst du dir manchmal, eine normale Angestellte zu sein?
Ja, solche Gedanken gibt es gelegentlich. Zum Beispiel, wenn man wieder mal grosse Probleme wälzt und die Verwaltungsangestellten bei uns um fünf Uhr die Lichter löschen.
Bist du persönlich voll ins Risiko gegangen?
Finanziell nicht. Wir konnten uns von Beginn an Löhne ausbezahlen, allerdings rund 30 Prozent unter Marktwert. Das spürt man durchaus.
Das klingt nach einem Luxus-Start-up-Leben. Gesicherte Finanzierung, kein persönliches finanzielles Risiko, ein Lohn …
Wir sind da sicher eher die Ausnahme. Aber es ist eben auch ein möglicher Weg.
Wo siehst du die grössten Risiken für Simpletrain?
Wenn die EU morgen mit einem einheitlichen Bahnbuchungssystem live ginge, gäbe es uns wohl nicht mehr lange. Aber das wird nicht passieren. Künstliche Intelligenz sehe ich hingegen als grosse Chance – nicht als Gefahr.
Hat sich dein Entscheidungsverhalten oder deine Herangehensweise an Probleme verändert, seit du Unternehmerin bist?
Ich denke schon. Ich beobachte Probleme heute viel länger, hole mir mehr Meinungen ein und will das Problem zuerst genau verstehen, bevor ich mit einer Lösung reinschiesse. Ich fälle heute bewusstere und hoffentlich auch bessere Entscheidungen (schmunzelt).
Gibt es Möglichkeiten, eure Lösungen auf andere Problemfelder anzuwenden?
Bereits heute ergänzen wir das Angebot um Busse und Fähren, nicht aber um Hotels. Ideen haben wir viele, doch es ist auch wichtig, den Fokus nicht zu verlieren. Wir bleiben unserem Kerngeschäft vorerst treu. Ebenfalls verzichten wir bewusst darauf, die von uns gesammelten Daten zum Nutzungsverhalten der Bahn zu kommerzialisieren.
Wie ist der Standort Schweiz aus deiner Sicht aufgestellt?
Grundsätzlich macht die Schweiz einen hervorragenden Job. Gerade im Start-up-Bereich gibt es ein riesiges Angebot – ja fast schon ein Überangebot – an Veranstaltungen und Plattformen. Ich bin ein Fan der dualen Bildung und des durchlässigen Bildungssystems. Bei grossen, kapitalintensiven Ideen hingegen hinkt ganz Europa, inklusive der Schweiz, den USA deutlich hinterher. US-Amerikaner haben kein Problem damit, zuerst einmal stark zu wachsen und erst später damit Geld zu verdienen. Schweizer tun sich damit schwer. Wir sind zu wenig mutig!
Du hast ein Jahr in Südkorea verbracht. Was hast du dort gelernt?
Nach Korea geht man eigentlich nur aus zwei Gründen: K-Pop oder die Wirtschaft. Bei mir war klar Letzteres ausschlaggebend. Ich habe dort gelernt, dass es sehr unterschiedliche Wege gibt, Wirtschaftswachstum zu generieren, und gleichzeitig gesehen, was der enorme Leistungsdruck mit einer Gesellschaft machen kann. Durch die rasante Entwicklung lebt dort praktisch jede Generation in einer komplett anderen Welt. Das fasziniert mich.