Zerstörerische Scham
Bild: Crown, 2022.

Zerstörerische Scham

Cathy O’Neil mit Stephen Baker: The Shame Machine. Who Profits in the New Age of Humiliation.

 

Im Mai 2020 führte Amy Cooper, eine weisse Hundebesitzerin, ihren Hund im Central Park Gassi. Als sie von einem älteren, schwarzen Vogelbeobachter darum ­gebeten wurde, den Hund an die Leine zu nehmen, weigerte sie sich. Es kam zum Streit, die 40-Jährige rief die Polizei an und behauptete, von ­einem «Afroamerikaner» bedroht zu werden. Der Gemeinte filmte das Telefonat, das anschliessend ins Netz gelangte und einen weltweiten Protest auslöste. Amy Cooper wurde zum Inbegriff der privilegierten, rassistischen Weissen, die den strukturellen ­Rassismus zu ihrem Vorteil nutzt, um sich an einem unschuldigen schwarzen Mann auszulassen. Sie wurde angeklagt und von ihrem Arbeitgeber entlassen.

Im Zeitalter von Social Media könne ignorante Dummheit eine Person zerstören, stellt Cathy O’Neil in «The Shame Machine» fest, einem persönlichen Buch, das auf das Thema Scham fokussiert. Ausgehend von ihrer eigenen Erfahrung mit Übergewicht erklärt sie, dass Scham als gesellschaftliches Korrektiv, aber auch als Spirale der (Selbst-)Zerstörung wirken könne. O’Neil zeigt, dass Tech-Konzerne auf diese Wirkung setzen, um die Nutzer auf ihren Plattformen zu halten und Werbeeinnahmen abzuschöpfen. Der Fall Amy Cooper ist exemplarisch. Als der Online-Mob sie öffentlich demütigte und als Rassistin brandmarkte, löste er prompt eine Gegenreaktion der konservativen Blase aus, die ihr zu Hilfe eilte. So setzte sich ein selbstverstärkender Mechanismus in Gang – grosszügig unterstützt durch die Algorithmen von ­Facebook, Twitter und Co., die wütende und polarisierende Posts höher gewichten. Sie zeigen den Nutzern gezielt Inhalte, die mit Schamgefühlen spielen: etwa solche, die auf unsere eigene Scham zielen (Fotos perfekter Körper, die bei jungen Mädchen Essens­störungen auslösen können), und solche, mit denen wir uns über andere erheben können (das neueste Video von Boris Johnson oder Annalena Baerbock). Angesichts der realen Folgen der digitalen Beschämungsmaschine fordert O’Neil einen offeneren Umgang mit Scham, der die Würde des einzelnen ins Zentrum stellt.

«Ein intellektuelles Bollwerk
gegen Informationsflut und Mainstream –
anregend, genüsslich und ganz einfach anders.»
Jobst Wagner, Unternehmer,
über den «Schweizer Monat»