Training im Terrarium
Was einst Rückzugsort war, ist heute Bühne: Im Fitnessstudio verdichtet sich die Logik der Transparenzgesellschaft zur Reinform – sichtbar, teilbar und unter permanenter Beobachtung.
Der Philosoph Byung-Chul Han neigt zu alarmistischen Diagnosen. Die westliche Moderne, insbesondere die westliche Gegenwart, scheint ihm ein einziges Jammertal zu sein: Müdigkeitsgesellschaft! Burn-out-Gesellschaft! Palliativgesellschaft! Krise der Demokratie! Soziale Krise! Das sind nur einige Versatzstücke aus den Titeln der viel gelesenen Schriften des koreanisch-deutschen Denkers, der als wandelnder Kummerkasten gewieft den Schwarzmalereimarkt bedient.
Mit einem Befund überzeugt Byung-Chul Han jedoch: Wir lebten in einer «Transparenzgesellschaft». In dieser stehe das Subjekt unter permanentem Druck zur Selbstoffenbarung, zur Preisgabe des Intimen und Privaten – sei es in den sozialen Medien, in einer personalisierten und dauerskandalisierten Politik oder, meist unfreiwillig, im Griff der omnipräsenten Datenkraken. An wenigen anderen Orten wird diese Gesellschaftsform sinnfälliger als in heutigen Fitnesscentern.
Waren Fitnesscenter früher meist gegen die Aussenwelt abgeschirmte Rückzugsräume, in denen Kunden von der Öffentlichkeit unbeobachtet an ihren Körpern arbeiteten, öffnen sich viele Fitnesscenter nun mit grossflächigen Fensterfronten zur Strasse, wobei die Passanten dem Selbstoptimierungstreiben wie einem Theaterstück oder einer Kunstperformance beiwohnen können. Wer hinter diesen Glasscheiben trainiert, schliesst zugleich eine Mitgliedschaft in der Transparenzgesellschaft ab. Verstärkend hinzu kommen die allgegenwärtigen Smartphones auf den Trainingsflächen, über die weitere Bilder in die (virtuelle) Aussenwelt gelangen. Die Produktion von Bilderkörpern, die Reproduktion von Körperbildern und deren Verbreitung bilden so einen geschlossenen Kreislauf.
«Wer hinter diesen Glasscheiben trainiert, schliesst zugleich eine Mitgliedschaft in der Transparenzgesellschaft ab.»
Aquajogging im Fussschweiss
Diese Situation verstärkt den sozialen Druck, der ohnehin auf den Körpern der Gegenwart lastet – auch wenn manche ihn bewusst suchen, weil es ihnen an Selbstmotivation gebricht. Schaute Gott einst streng auf die Seele des Menschen, so blickt heute die anonyme Öffentlichkeit auf die getrimmten, designten und ästhetisierten Körper. Im Trainingsterrarium der Transparenzgesellschaft gilt es, eine gute Figur zu machen – man weiss ja nie, wer durch die Glasscheiben blickt oder ob jemand heimlich ein Foto schiesst und online stellt. Das transparente Regime der Blicke wird so zum Animator und Trainer. Zugleich ist es angesagt, natürlich, authentisch und unkompliziert zu wirken – als befände man sich zu Hause statt in der Öffentlichkeit.
«Schaute Gott einst streng auf die Seele des Menschen, so blickt heute die anonyme Öffentlichkeit auf die getrimmten, designten und ästhetisierten Körper.»
Je mehr die Grenzen zwischen Öffentlichem und Privatem, zwischen «Safe Space» und «Public Space», zwischen Trainingsraum und Terrarium verschwimmen, desto eher übernehmen Menschen auch ausserhalb des trauten Heimes Verhaltensweisen, die sich bislang auf das Private beschränkten. So grassiert seit einigen Jahren in Fitnesscentern der Trend, für bestimmte Übungen die Schuhe auszuziehen und in Socken zu trainieren – für ein besseres Körpergefühl. Die Mitglieder watscheln bestrumpft durch die Gyms wie durch ihre Wohnzimmer und tragen dazu gerne auch semitransparente, eher ent- als verhüllende Stretchklamotten – man hat ja nichts zu verbergen. Die Folge: Wer ein Gym mit hoher Sockenpumperdichte frequentiert, watet knietief durch Fussschweiss, noch bevor er das erste Trainingsgerät erreicht. Immerhin kommt man so ohne Zusatzgebühr in den Genuss gelenkschonenden Aquajoggings. Die Transparenzgesellschaft macht’s möglich.