Die Schweiz als
Informationsparadies

Die steile These des Monats

 

Im Jahre 1970 wurde in den USA ein Mann wegen Besitzes von zwei Joints zu zehn Jahren Haft ver­urteilt. Dr. Timothy Leary: Westpoint-Absolvent, Harvard-Dozent, Hippie-Ikone und Zukunftsphilosoph, floh aus dem kalifornischen Gefängnis und fand zeitweise unter anderem Zuflucht in Basel.

Sein eigentliches Verbrechen war eher seine Botschaft, nämlich dass sich das Bewusstsein durch chemische Unterstützung erweitern lässt. Eine für Mächtige un­gemütliche Vorstellung. Viele halten Leary heute wohl immer noch für durchgeknallt, aber sein Anliegen war auch ein aufklärerisches, libertäres: Über meinen Körper und was ich ihm zuführe, bestimme ich alleine. Auch dank der Aktivität Learys experimentieren heute wieder Ärzte mit den Substanzen der 70er, um psychische Krankheiten zu behandeln. Auch in der Schweiz.

Leary war ein Aktivist der 60er und 70er, ein chemischer Dissident. Die heutigen Dissidenten sind solche der Information, und sie heissen Chelsea Manning, Edward Snowden und Julian Assange. Zugunsten von letzterem hat die Stadt Genf im Februar ein humanitäres Asyl bewilligt. Der Wikileaks-Gründer sitzt derweil in Abschiebehaft in Grossbritannien, wo ihm eine Auslieferung in die USA droht.

Die Schweiz hat eine lange Tradition als Zufluchtsort für Dissidenten. Sie hatte mit dem Bankgeheimnis auch eine Tradition der Vertraulichkeit für den einzelnen gegenüber dem Staat. Warum nicht daran anknüpfen? Im Informationszeitalter bedeutet Information immer auch Geld und freie Information Zugang zur Quelle der Wahrheitsfindung. Die Schweiz könnte zum Informationsparadies werden, mit der freiesten Presse, der besten Absicherung der Privatsphäre, der besten Transparenz für Mandatsträger und der besten Gesetzgebung zugunsten von Whistleblowern.

Die Architekten einer neuen Kryptowelt hat die Schweiz bereits im Crypto Valley in Zug. Jetzt kann sie, wie einst Island es andachte, auch ein Paradies für Publizisten werden, eine kleine mediale Supermacht aus dem Herzen Europas. Cryptoleaks wäre schnell vergessen.

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
über den «Schweizer Monat»