Tabula rasa – und dann die Kunst

Der Künstler Valentin Hauri

Tabula rasa – und dann die Kunst

Tabula rasa. Das unbeschriebene Blatt. Die weisse Leinwand. Das leere Atelier.

Weissgekalkte Wände. Weiss auch die breiten Papierbahnen, die statt eines Teppichs ausgelegt sind. Grosse Fenster mit Blick auf Brachland, viel Licht. An den Wänden nur zwei, drei Bilder.

Der erste Entwurf gilt. Und wenn er nichts wird? Dann wird die Leinwand vom Holzrahmen gelöst, um die Rolle mit den anderen verworfenen Versuchen gewickelt, die bemalte Seite immer nach innen. Altpapier.

Valentin Hauri gibt sich jeweils nur eine Chance. Daher nimmt er sich zuvor viel Zeit, um die Idee für das Bild zu entwickeln. Während er nachdenkt und sucht, grundiert er eine Leinwand. Pinselstrich um Pinselstrich. Weiss auf Weiss. Ist die Schicht getrocknet, schleift er sie von Hand mit Schmirgelpapier ab. Dann trägt er die zweite Schicht auf. Pinselstrich um Pinselstrich. Weiss auf Weiss. Und beginnt wieder zu schleifen. Viermal wiederholt er die beiden Arbeitsgänge, bis die Leinwand glatt ist und keine Unebenheiten mehr zu fühlen sind. Er meditiert und holt die nächste Leinwand zur Bearbeitung hervor. Grundieren, schmirgeln, grundieren, schmirgeln. Tagelang. Der Stapel vorbereiteter Leinwände wächst. Neun von zehn werden irgendwann, als Altpapier aufgerollt, in der Ecke stehen.

Tabula rasa. Ob Scheitern oder Gelingen. Noch ist es offen. Die abgeschmirgelte Farbe liegt als weisser Staub auf dem Maler und in jedem Winkel des Ateliers. Ein Stapel weisser Leinwände. Eine wird überdauern. Trägerin des Bildes.

Alla-prima-Malerei wird die nur selten verwendete Technik genannt, eine vom Maler sich selbst auferlegte Begrenzung, das Gemälde in einem einzigen, raschen Arbeitsgang entstehen zu lassen. Valentin Hauri korrigiert, retuschiert oder übermalt niemals. Dabei wäre das so einfach, ist die Ölfarbe erst einmal getrocknet. Man kann seine Arbeitsweise auch als genau geplantes Experiment ansehen. Das mal gelingt, mal nicht. Wie die Experimente eines Naturwissenschafters, der seine Thesen testet – mit offenem Ausgang. Zum wissenschaftlichen Fortschritt oder gar Durchbruch verhilft nur eines von vielen.

Experimente haben Vorgänger: andere Experimente, bei denen oft nur ein Parameter variiert wird. Die Vorgänger von Valentin Hauris Alla-prima-Malerei sind in Schuhschachteln versammelt. Postkarten, Ausrisse aus Zeitschriften, Katalogen oder Büchern, vieles abgegriffen, meist Reproduktionen von Kunst. Fast keine akademische Malerei, dafür Werke von Aussenseitern, das ist ihm wichtig. Darunter gemischt finden sich Umschläge von Büchern oder Titelblätter von Zeitschriften1). In der langen Vorbereitungsphase, in der Valentin Hauri grundiert und schleift, denkt er über die abstrakte Umsetzung einer dieser Vorlagen nach.

Besonders wichtig sind für den Künstler die Werke der Sammlung Prinzhorn in Heidelberg und der Collection de l’Art Brut in Lausanne, alles Arbeiten autodidaktischer Einzelgänger, häufig in der Psychiatrie oder in Strafanstalten entstanden, lange Zeit bevor die Kunsttherapie eingeführt wurde. «Authentisch, kunstfern, visionär» nennt Valentin Hauri sie und beschreibt, wie die Bilder des Konditors Francis Palanc, der diese mit Gebäckspritze und Sieb herstellte und sie bisweilen im Wutanfall auch wieder zerstörte, seine Augen zum Leuchten gebracht hätten.

Schon die Avantgardisten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, etwa André Breton, Jean Dubuffet, Paul Eluard, Max Ernst, Wassily Kandinsky oder Paul Klee, faszinierte an der Kunst der Autodidakten, auf die man damals erst aufmerksam zu werden begann, dass sie von den Erwartungen der Gesellschaft und den Prägungen der Kultur unberührt schien. Jean Dubuffet, der den Ausdruck «art brut» prägte und dessen Sammlung in der Collection de l’Art Brut aufbewahrt wird, schrieb 1945 über die «Zeichnungen, Gemälde, Kunstwerke aller Art», sie seien «von Unbekannten, von Besessenen geschaffen, durch spontane Impulse entstanden, von Phantasie und Tollheit beseelt und nicht an die alten Gleise der katalogisierten Kunst gebunden».

Valentin Hauris Kunst ist eine Hommage an die Aussenseiter, eine Huldigung…