Eine Chance für den Schweizer Finanzplatz

Warum Nachhaltigkeit auch im Finanzwesen kein Modewort ist, sondern handfestes Bedürfnis einer rasant wachsenden Zahl von Anlegern.

Eine Chance für den Schweizer Finanzplatz
Sabine Döbeli, zvg.

Würde man in der Schweiz eine Umfrage dazu durchführen, welche Branche mit ihren Produkten besonders zu einer nachhaltigen Entwicklung beiträgt, wäre die Finanzwirtschaft kaum auf einem der Spitzenplätze positioniert. Die noch nicht allzu weit zurückliegende Finanzkrise mit den anhaltenden Spätfolgen oder die Rolle des Schweizer Finanzplatzes bei der Steueroptimierung von internationalen vermögenden Privatkunden tragen dazu bei, dass die Finanzwirtschaft eher als Teil des Problems denn als Teil der Lösung empfunden wird, wenn es um umweltbezogene, soziale oder gesellschaftliche Fragen geht. Aber wird diese Sichtweise der tatsächlichen Rolle von Finanzdienstleistern gerecht? Und welche Rolle kann die Finanzwirtschaft überhaupt spielen, wenn es um die Förderung einer nachhaltigen Wirtschaft geht?

Seit der Verabschiedung der UNO-Ziele für eine nachhaltige Entwicklung im September 2015 und des Pariser Klimaabkommens hat sich die Nachhaltigkeitsdiskussion verändert. Nachhaltigkeitsthemen werden heute mit deutlich mehr Dringlichkeit angegangen als noch vor ein paar Jahren und sie werden nicht mehr als isolierte Herausforderungen behandelt, sondern als relevant für eine langfristig positive wirtschaftliche Entwicklung eingeschätzt. Während die Ratifizierung des Kyoto-Protokolls ganze 8 Jahre in Anspruch genommen hat, dauerte es beim Pariser Klimaabkommen gerade noch 11 Monate. Und wenn die «Millennium Development Goals» (MDGs) als Ziele für die ärmsten Länder dieser Welt formuliert waren, für deren Erreichung in erster Linie die Industrieländer über Entwicklungshilfe zu sorgen hatten, so hat das Folgeregelwerk, die «Sustainable Development Goals» (SDGs), die in einem globalen Multistakeholderprozess erarbeitet wurden, alle Länder im Fokus, und die Verantwortung für die Erreichung der entsprechenden Ziele liegt nicht nur bei Staaten, sondern auch bei anderen Akteuren wie der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft.

Sowohl die Umsetzung des Klimaabkommens wie auch die Realisierung der SDGs bedingen die Bereitstellung finanzieller Mittel in einem Umfang, der weit über die Finanzkapazitäten von Staaten hinausgeht. Die Finanzierung muss folglich zu wesentlichen Teilen durch die Privatwirtschaft erfolgen. Und dabei spielt auch die Finanzindustrie – und insbesondere nachhaltige Finanzdienstleistungen – eine zentrale Rolle.

Bevor nun die Rolle der Schweiz in diesem Bereich beleuchtet wird, gilt es erst mal zu klären, was «nachhaltige Finanzdienstleistungen» überhaupt sind.

 

Was bedeutet hier Nachhaltigkeit?

Gemäss der Definition von Swiss Sustainable Finance bezeichnet der Begriff «nachhaltige Finanzen» sämtliche Finanzdienstleistungen, die nebst den üblichen finanziellen Kriterien auch Umwelt- und Sozialkriterien sowie Kriterien zu guter Unternehmensführung bzw. Governance (ESG-Kriterien) in einer strukturierten Form in den Entscheidungsprozess einbeziehen. Diese Definition ist zugegebenermassen sehr allgemein und bedarf weiterer Erläuterungen. Was also steckt alles hinter dem Sammelbegriff ESG-Kriterien – und weshalb sind solche Faktoren für Finanzentscheide relevant?

Zu den Umweltfaktoren (das E von ESG), die im Rahmen von Finanzentscheidungen betrachtet werden, gehören unter anderem der ökologische Fussabdruck einer Unternehmung oder eines Lands (z.B. Energie- und Wasserverbrauch) und die ökologische Produktverantwortung (z.B. Entwicklung von Elektroautos). Soziale Faktoren (das S von ESG) beinhalten beispielsweise die Arbeitssicherheit, die Diversität der Belegschaft, Ausbildungsprogramme für Arbeitnehmende und Zuliefererstandards. Auch wie ein Unternehmen mit verschiedenen Anspruchsgruppen – insbesondere: mit Kritikern – einen Dialog führt oder ob Menschenrechte in der Produktionskette verletzt werden, ist Teil der Betrachtung sozialer Kriterien. Bezüglich guter Unternehmensführung bzw. Governance (das G von ESG) wird untersucht, wie die Regeln und Kontrollmechanismen für die Unternehmensleitung ausgestaltet sind. Dazu gehören unter anderem Kriterien wie die Transparenz der Verwaltungsratslöhne, die Unabhängigkeit von Verwaltungsräten oder die Ausgestaltung von Aktionärsrechten.

Die Berücksichtigung solcher Faktoren erlaubt es, ein umfassenderes Bild zu Chancen und Risiken eines Investments zu gewinnen, was durch zahlreiche Studien belegt wird. Eine Metastudie, die mehr als 2200 wissenschaftliche Studien zu solchen Themen durchleuchtete, die von den 1970er Jahren bis heute publiziert wurden, ergab, dass über 50 Prozent dieser Studien einen positiven Zusammenhang zwischen Nachhaltigkeitsfaktoren und Finanzperformance nachwiesen und nochmals rund 40 Prozent der Studien einen neutralen. Nur gerade…