Sichere Renten: List, Lüge, Täuschung

Das Geschäft mit populären Illusionen List, Lüge oder Täuschung sind als Rechtsbruch kaum je dingfest zu machen. Übertreibung und Fehlwahrnehmung gehören zum Wesen der Politik, die mit dem Ungewissen ringt und in einer Demokratie auf die Zustimmung durch Mehrheiten angewiesen ist.

Wenigstens die anspruchsvolleren Lügen zählen im strengen Wortsinn zum Genre politischer Utopien. Man denke an die mit dem Timbre der Ehrlichkeit vorgetragene Litanei eines Norbert Blüm von den sicheren Renten, obwohl die Bevölkerung längst schrumpfte. Ähnliches haben die politisch Verantwortlichen zur Verteidigung des nicht nachhaltig praktizierbaren Umlageverfahrens in allen westeuropäischen Wohlfahrtsstaaten verlauten lassen. Wer es als Politiker wagt, die «sichere Rente» als Illusion zu entlarven und seinen Wählern klaren Wein einzuschenken, wird in den Massenmedien als Sozialabbauer angeprangert und muss mit empfindlichen Wählerverlusten rechnen.

Das Wahlvolk hört am liebsten, dass alles wie geschmiert läuft. Die Rede von Reformen provoziert den erschrockenen Griff zur Geldbörse. Wahlwerbung muss sich in Realitätsvermeidung üben, obschon jedermann ahnt, dass sich im parteipolitischen Gerangel der Unterschied von Propaganda und Wirklichkeit verwischt, Schaumschlägerei hingegen triumphiert. Es wirkt daher müssig, im Getümmel um Anerkennung ringender Vorstellungen kritisch über Begriffe wie Lüge, Täuschung oder List zu richten. Ein Gegenufer ist nicht mehr in Sicht. Gleicht doch der politische Raum zunehmend anderen Tätigkeitsfeldern wie Diplomatie oder Werbung, in denen schon immer der Erfolg das ausschlaggebende Kriterium war, nicht aber das Handeln nach Anstandsregeln, wie der gute Geschmack sie lehrt.

Wahrheitsbewirtschaftung

Nun ist ein Recht auf Wahrheit in keiner Verfassung verankert, es besteht höchstens ein Anspruch, das Staatswohl gefördert zu sehen. Aber Ehrlichkeit zählt nach gängiger Ansicht zu jenen Tugenden, die das Gemeinwesen zusammenhalten. Rechenschaft und Sachlichkeit, nicht jedoch Anmassung oder Schwindelei werden von den Amtsträgern erwartet, obschon sie formell nur zur Einhaltung der Gesetze genötigt sind. Entsprechend unterliegt die Machtgestaltung der Wahrheitsbewirtschaftung. Oder anders: Während im Privatverkehr Lügen, Listen und Täuschungen nicht nur deshalb problematisch sind, weil sie als unanständig gelten, sondern auch zur Isolation der Mundwerker führen, sind Wahrhaftigkeit oder Offenherzigkeit im Sozialverkehr keineswegs Verhaltensweisen, auf die sich eine komplexe Gesellschaft gründen lässt.

Sicherlich, die Reifung der Individuen fusst auf dem kindlichen Urvertrauen, wie wir seit Erik Erikson wissen. Und auch in ihrem Sozialverhalten benötigen die Menschen zur Orientierung einige Verlässlichkeit. Traditionelle Morallehren des Abendlandes haben daher seit Augustin der Lügenhaftigkeit mitsamt ihren Listen den Kampf angesagt. Und ist es schon schwierig, jeweils die Wahrheit herauszufinden, wie wetteifernde Theorien zeigen, so wirkt dieses Unterfangen in Sachen Lüge oder mit Blick auf das Böse noch verzwickter. Was als List, Lüge oder Täuschung angesehen wird, wechselt je nach Epoche, Sichtweise oder Betroffenheit. Folglich schillert die Verwendungsweise der Begriffe im Zeitstrom, auch wenn nicht weiter darüber gesprochen wird.

So beruht die Moderne zwar auf der Kredit-Wirtschaft, diese aber ist zeitübergreifend durch strafbewehrte Verträge geregelt und verlässt sich keineswegs auf die Ehrlichkeit der Akteure. Das ist nur eine der Lebenslügen der Epoche. In Wahrheit verlangt die Neuzeit keineswegs mehr Vertrauen als früher, wie der Soziologe Georg Simmel noch annahm. Vielmehr durchwirkt die Lüge, zumindest aber die gelenkte oder geschönte Wahrheit in Gestalt von Werbung, Verstellung oder Propaganda mehr denn je die Zeitläufte, nicht zuletzt im Schlepptau der Medienkarriere.

Image-Management als Verhüllen, Beschönigen, Auslassen, sprich Täuschung samt Arglist der Ich-Agenten im härter werdenden Wettkampf um verknappte Wohlstandschancen, bestimmen den Ton. Und das mit zunehmender Schärfe, seit unter Stichworten wie Individualisierung oder Selbstverwirklichung der Einzelne und sein Eigentum zum Bezugspunkt der ausschlaggebenden Durchsetzungsmoral geraten sind.

Aufklärung durch Lüge

Wir haben es kulturgeschichtlich also mit einer paradoxen Ausgangslage zu tun. Nichts wünschen sich die Menschen laut demoskopischen Erhebungen mehr als Zuverlässigkeit in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Natur des Sozialen aber weiss es besser. Denn es sind gerade Widersprüchlichkeiten und Konflikte, die eine unerlässliche und positive Rolle im Zusammenleben spielen. Lüge, Täuschung und List scheinen widerwärtig und sind allemal derbe Kommunikationsverschmutzungen. Doch derartige Fehltritte belehren nicht nur über die Kosten blinden Vertrauens, sie bieten zugleich eine Art von Aufklärung wider Willen. Gesellschaften bedürfen zu ihrem Wohlergehen nicht nur des Zusammenwirkens und der Gegenseitigkeit, sondern ebenso der Distanz, Abstossung und Durchbrechung. Dazu aber stellen – gemessen an der herrschenden Normalität – auch Lüge, List und Täuschung ein irritierendes, nichtsdestoweniger aber offenbar notwendiges Instrumentarium bereit.

Vor diesem Hintergrund definiert Hannah Arendt die Lüge als Neigung, die Wirklichkeit zu verleugnen, um Freiraum für Neues zu schaffen. Danach ist es nicht die Lüge, die kulturgeschichtlich Probleme schafft, sondern die Realitätsverleugnung durch Zustandsverwalter in welcher Rolle auch immer. Übungen in den Spielarten des Verstellens, Täuschens oder Lügens gehören zu den Glanzleistungen des Verstandes. Sie müssen zudem erfahren werden, damit das Individuum sozialfähig wird.

Der Hang zur Vortäuschung von Tatsachen oder zum Verschweigen des wirklich Gewussten findet sich in jeder Kommunikation. Nicht etwa nur deswegen, weil eine Gesellschaft, in der alle sagen würden, was sie meinen oder wissen, einer Hölle gliche. Die Ausdruckskontrolle hat zugleich das Interpretationsvermögen geschärft. Laut Sprachtheorie beruht alle Verständigung auf Missverständnissen, die aber die Auslegungsfreiheit des Empfängers ausmachen. In der Menschheitsgeschichte hat nicht zuletzt dieser Sachverhalt die Handlungsspielräume erweitert. Die Freiheit zur Lüge, die die Gattung auszeichnet, schliesst die Selbsttäuschung ein. Das betrifft auch das Wahrheitsverständnis. Seit langem wird über die Dimensionen der Wahrheit gestritten. Neben Vorstellungswahrheiten und Gefühlswahrheiten gibt es etwa Verstandeswahrheiten und Tatsachenwahrheiten. Bei Strafe der Seinsuntüchtigkeit haben sie sich allesamt dem Realitätstest zu stellen.

Gesellschaften gleichen grossen Halluzinationsräumen. Ihre jeweiligen «Wahrheiten» sind Zeiterscheinungen; zumindest vorübergehend legen sie in Bild und Ton fest, was gerade denk-, sag- oder machbar sein soll. Mit Blick auf ein solches Ausdrucksdilemma heisst die eigentliche Frage daher nie: Was ist Lüge, was Wahrheit? Sie lautet vielmehr: Wer oder was ist jeweils der Wächter der Meinungen oder Worte?

Wieviel Verstellung erträgt die Gesellschaft?

Tatsächlich lehrt uns die Erfahrung, Wahrheit oder Wirklichkeit aus dem Wust von Undurchsichtigkeiten oder Vertuschungen auszufiltern. Und wir versuchen unsererseits, durch Mimikry und Vorsicht den Fallstricken eingespielter Überlistungen zu entgehen. Das ist nicht immer einfach oder gar möglich. Die Kunst der Verstellung samt Meinungs- und Kleiderwechsel gehört aber zum Überlebens- und Erfolgsrezept in einer sich verkomplizierenden, da durch Unberechenbarkeit bestimmten Sozialwelt. Damit werden Fehlverhaltensweisen wie Lüge, Täuschung oder List nicht sympathischer. Im Alltag bleiben sie Risiken, die wir kontern lernen müssen. Im lebensweltlichen Verkehr der Menschen sind es allerdings andere Umgangsstile wie Sympathie, Zusammenarbeit oder auch Werkstolz, die die Sozialgebilde tragen, übrigens durchaus auch aus egoistischen Motiven, wie es sich bei Charles Darwin nachlesen lässt.

Darüber hinaus aber, in den Weiten der Systeme, ist auf private Tugenden kaum Verlass. Dort beginnt das Reich der Kontrolle und des Rechts, und damit eben auch die Relevanz von Lüge, List und Täuschung. Diese sind im öffentlichen Raum nicht zu vermeiden und daher durchaus Qualitäten der Effizienz. In der Politik ist Durchsetzung der Gradmesser jeder Wirksamkeit, damit überhaupt Ziele verfolgt werden können. Im Listenparadies der Politik ringen also sehr unterschiedliche Sichtweisen um deren Auslegung. Oder handelt es sich um «Abarten der Poesie», wie Friedrich Hebbel meinte?

Sven Papcke, geb. 1939 in Hamburg, ist Professor für Soziologie an der Universität Münster. Er ist u.a. Autor von «Gesellschaft der Eliten», Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2001.

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