Mehr ökonomische Bescheidenheit!

Die Wirtschaftswissenschaften pflegen ein mechanisches Denken. Dabei wissen wir nicht erst seit der letzten Krise: jede Intervention hat unbeabsichtigte Nebenwirkungen. Der ökonomische Mainstream kommt uns teuer zu stehen.

Mehr ökonomische Bescheidenheit!
Das Nachdenken über die Gestaltung und Lenkung von Wirtschaft und Gesellschaft findet nicht im luftleeren Raum statt. Erfahrungen aus anderen Lebensbereichen formen unsere Vorstellungen auch in der Wirtschaftspolitik. Dabei stossen immer wieder zwei unvereinbare Sichtweisen aufeinander, die man die mechanische (I) und die biologische (II) nennen könnte.

(I) Ursache und Wirkung

Die mechanische Sichtweise scheint uns Menschen näher zu sein, sie entspricht einem Denken in Ursache-Wirkung-Zusammenhängen. Wenn ich beim Skifahren den Bergski belaste, stürze ich; wenn ich an der Stellschraube drehe, verschiebt sich der Zeiger nach links; wenn ich eine Tablette einnehme, verschwindet das Kopfweh, ja selbst auf der psychologischen Ebene: wie man in den Wald hineinruft, so tönt es heraus. Das Streben der Menschen, sich die Erde untertan zu machen, die natürliche Umwelt und die Beziehungen zu den Mitmenschen in den Griff zu bekommen, läuft darauf hinaus, zu verstehen, welches Handeln genau was bewirkt, und auf dieser Basis dann folgerichtig die Entscheide zu treffen, um ein Ziel zu erreichen. Kennt man alle Fakten und Einflussfaktoren, braucht es mit Blick auf ein einmal gesetztes Ziel gar keinen Entscheid mehr. Es gibt nur einen Weg, der zum Ziel führt – oder zumindest am besten zum Ziel führt. Der Computer könnte den Menschen ersetzen.

Dabei können die Zusammenhänge ausgesprochen kompliziert sein, so kompliziert, dass sie nur grosse Geister überhaupt erkennen und begreifen können. Auch im kompliziertesten Uhrwerk gilt aber, dass der Ablauf prognostizierbar ist, dass man also weiss: wenn dieses eine Rädchen sich etwas schneller bewegt, dann löst das eine ganz bestimmte, vielleicht unglaublich komplizierte Kettenreaktion aus. Diese mechanischen Zusammenhänge kommen uns Menschen auf vielfältige Weise entgegen: sie entsprechen unserem Wunsch nach Steuerbarkeit, nach Kontrolle; sie befriedigen unser Streben nach Prognostizierbarkeit; sie garantieren, dass, wenn wir etwas tun, am Schluss ein Resultat herauskommt, dass also überhaupt etwas passiert, und sie zeichnen sich meist durch eine gewisse Schnelligkeit aus – die Ergebnisse lassen nur selten Jahrzehnte auf sich warten.

Auch in Wirtschaft und Gesellschaft möchten wir gerne so mechanisch denken und operieren können, nach dem Motto: wenn wir das tun, dann wird das die Folge sein. Die Wirtschaftswissenschaften haben seit ihren Anfängen versucht, zu verstehen, wie die Wirtschaft funktioniert, um auf dieser Basis dann entsprechende Handlungsempfehlungen abgeben zu können. Am Anfang, vor allem bei Adam Smith, standen dabei eher psychologische Beobachtungen im Vordergrund, wie Menschen sich im wirtschaftlichen Kontext verhalten, wie sie auf Anreize reagieren, etwa auf Gewinnmöglichkeiten oder auf höhere Preise. Der Wunsch nach Beherrschbarkeit der Wirtschaft, ganzer Volkswirtschaften, ja der Weltwirtschaft, hat jedoch die ökonomische Wissenschaft zunehmend in die Irre geführt. Sie strebte viel zu sehr einem naturwissenschaftlichen Wissenschaftsideal nach, ruhend auf den beiden Pfeilern Gesetze und Genauigkeit.

(II) Komplexe Systeme

Die Ökonomie ist jedoch eine Sozialwissenschaft. Soziale Gebilde und ihre Untersuchung unterscheiden sich grundsätzlich vom Untersuchungsgegenstand der Naturwissenschaften. Es ist nicht so sehr die Unzahl von Faktoren, die man kennen und beobachten müsste, um gültige Aussagen zu treffen, es ist auch nicht die Tatsache, dass man in der Ökonomie nur reine Wahrscheinlichkeits-aussagen machen kann. Es ist vor allem die Tatsache, dass das Zusammenspiel von Millionen und Abermillionen von Individuen nicht einfach kompliziert ist, sondern komplex.

Was ist damit gemeint? Selbst wenn man alle Einflussfaktoren kennen und erfassen würde, könnte man in der Ökonomie keine wirklich treffsicheren Vorhersagen machen, weil die einzelnen Faktoren unberechenbar sind, weil sie zufällig reagieren, einmal so und einmal so. Das entspricht viel eher biologischen Zusammenhängen als mechanischen.

Trotzdem dominieren in unseren Vorstellungen von Wirtschaft und Gesellschaft Etatismus und Interventionismus. Der Staat soll es richten, heisst es, es brauche ihn als ordnende und kontrollierende Kraft, die sich dem Chaos der Wirtschaft entgegenstelle, die die egoistischen…

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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