Schweizer Nati oder Marokko? Mein Herz schlägt für beide – aber aus unterschiedlichen Gründen
An jeder Weltmeisterschaft die gleiche Frage: Welchem Land drückst du die Daumen? Die einen wollen wissen, ob ich noch einer von ihnen bin, die anderen, ob ich es schon bin. Ein Dilemma zwischen Herkunft und Gegenwart.
Loyalität zum Staat ist eine politische Haltung. Sie beruht auf den Werten der Aufklärung: der Freiheit des Einzelnen, sein Leben nach eigener Vernunft zu führen, und der Pflicht, diese Freiheit auch dort zu verteidigen, wo sie einem selbst missfällt. Diese Loyalität wird nicht vererbt, sie ist eine Entscheidung, die jede Generation neu treffen muss – gerade heute, wo die Aufklärung von den Rändern des politischen Spektrums her belagert wird: von rechts, wo man die universellen Rechte wieder an Herkunft binden möchte, und von links, wo man sie als westliches Herrschaftsinstrument denunziert und im Namen der Empfindlichkeit dem kollektiven Urteil unterwirft.
Wer diese Werte verächtlich macht, ist kein loyaler Bürger, so makellos sein Stammbaum auch sein mag. Umgekehrt hat, wer sich die Aufklärung bewusst angeeignet hat, weil er aus Erfahrung weiss, was ihre Abwesenheit kostet, oft ein präziseres Verhältnis zu ihr als jene, für die sie bloss Kulisse ist. Der deutsche Philosoph Habermas nannte das «Verfassungspatriotismus»; die Schweiz nennt es seit je Willensnation.
Erzählungen werden gemacht
Nun kenne ich den nicht dummen Einwand: Der nackte Verfassungspatriotismus wärmt nicht. Der deutsche Jurist Böckenförde hat klassisch formuliert: Der freiheitliche Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Niemand weint bei der Lektüre der Bundesverfassung. Gemeinschaften brauchen Erzählungen, ein «Wir». Auch die Willensnation hat ihre Mythen: Rütlischwur, Tell, Marignano.
«Die Schweizer Mythen erzählen von Bund und Widerstand, nicht von Blut.»
Nur: Man muss diese Mythen einmal wirklich lesen. Der Rütlischwur erzählt von einem Vertrag – Männer verschiedener Talschaften schwören einander Beistand gegen fremde Willkür. Die Szene ist Legende, aber das Dokument, das hinter ihr steht, der Bundesbrief von 1291, ist tatsächlich ein Vertrag: Wo andere Nationen sich einen Stammvater erfinden, erfindet sich die Schweiz eine Vertragsunterzeichnung. Tell erzählt von einem Einzelnen, der sich weigert, vor dem Hut eines Vogts zu kuschen. Und Marignano als Geburtsstunde der Neutralität ist bekanntlich eine Rückprojektion des 19. Jahrhunderts, was zeigt, dass nationale Erzählungen gemacht werden – und was gemacht ist, kann man sich aneignen, auch als Eingebürgerter. Die Schweizer Mythen erzählen von Bund und Widerstand, nicht von Blut.
Das langweiligste Spiel meines Lebens
Und der Fussball? Der ist weder Verfassung noch Mythos, sondern etwas Drittes: Erinnerung. Was für Proust die Madeleine war, ist für mich ein WM-Spiel Marokkos: ein unwillkürlicher Auslöser, der eine versunkene Welt zurückholt. Was genau da zurückkehrt, tut nichts zur Sache; es genügt zu wissen, dass es einer Kindheit gehört und keiner Politik. Darum schaue ich Marokkos Spiele mit Freude, und ja, ich würde mich freuen, wenn die Mannschaft weiterkommt. Der Dichter Jean Paul nannte die Erinnerung das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können – kein Pass der Welt verlangt, dass man es verlässt. Diese Freude ist Nostalgie, und sie hat mit meiner staatsbürgerlichen Loyalität zur Schweiz so viel zu tun wie das Essen meiner Grossmutter mit dem Steuerrecht.
Ein Spiel Schweiz gegen Marokko wäre für mich kein Loyalitätskonflikt, sondern eine Begegnung, an dem meine Kindheit gegen meine Gegenwart antritt. Als Drama taugt das wenig, das gebe ich zu – es wäre das langweiligste Spiel meines Lebens. Denn egal, wer gewinnt: Ich gewinne mit.