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Ohne Disziplin gibt es keine Fürsorge

Eine Kultur, die Stärke vergisst, verliert am Ende auch die Solidarität.

Wer anderen hilft, so wie Tom Hanks im Film «Forrest Gump», muss selbst stark genug sein. Bild: Rotten Tomatoes.
Wer anderen hilft, so wie Tom Hanks im Film «Forrest Gump», muss selbst stark genug sein. Bild: Rotten Tomatoes.

Kürzlich war ich aufgrund meines neuen Buches «Live Bold» zu Gast in einem Podcast. Der Moderator stellte mir eine Aufgabe: Er nannte Wortpaare, und ich sollte mich jeweils spontan für eines entscheiden. Bei den meisten fiel mir das leicht. Doch bei einem Paar musste ich kurz innehalten: Fürsorge oder Disziplin? Ich entschied mich für Disziplin. Nicht, weil mir Fürsorge unwichtig wäre – im Gegenteil. Doch wer Fürsorge wirklich ernst nimmt, muss zuerst über Disziplin sprechen.

Wer selbst im Schlamm steckt, kann niemanden herausziehen. Wer selbst kaum stehen kann, kann niemanden stützen. Das gilt körperlich, mental und auch finanziell. Stärke entsteht nicht zufällig – sie entsteht durch Übung, durch Selbstführung, durch Disziplin. Nur wer Ressourcen aufgebaut hat, kann sie auch anderen zur Verfügung stellen.

Das gilt auch für eine Gesellschaft. Fürsorge braucht zuerst eine leistungsfähige Wirtschaft und eine produktive Gesellschaft. Umverteilung setzt Wertschöpfung voraus. Eine Kultur, die nur Schwäche wertschätzt, produziert mehr Schwäche. Eine Kultur hingegen, die Stärke anerkennt, bringt mehr Menschen hervor, die Verantwortung übernehmen können. Der starke Mensch ist nicht jener, der andere klein macht – sondern jener, der andere aufrichten kann.

Natürlich hat jeder Mensch Stärken und Schwächen. Wir alle sind in bestimmten Lebensphasen auf Hilfe angewiesen: als Kinder, im Alter, nach Krankheit oder Unfall. Gerade deshalb brauchen wir Menschen, die tragfähig sind. Fürsorge kann jedoch sehr unterschiedliche Formen annehmen. Es gibt die ermöglichende Fürsorge: Ein Vater hält das Fahrrad seines Kindes – und lässt irgendwann los. Eltern stehen im Hintergrund bereit, räumen aber nicht jeden Stein aus dem Weg. Auch ein Sozialstaat kann überbrücken und unterstützen, ohne die Eigenverantwortung abzuschaffen.

«Eine Kultur, die nur Schwäche wertschätzt, produziert mehr Schwäche. Eine Kultur hingegen, die Stärke anerkennt, bringt mehr Menschen hervor, die Verantwortung übernehmen können.»

Doch zunehmend bewegen wir uns in eine andere Richtung: hin zur entlastenden Fürsorge. Sie nimmt Verantwortung dauerhaft ab, verhindert Reibung und senkt Erwartungen. In Familien kennt man dieses Muster als Helikopter- oder Schneepflug-Eltern – Eltern, die jedes Hindernis aus dem Weg räumen, damit das Kind nie stolpert.

Verantwortung wird beiseitegeschoben

Übertragen auf die Gesellschaft geschieht Ähnliches, wenn der Staat versucht, jedes Risiko zu eliminieren und jede Schwierigkeit zu regulieren. Was als Fürsorge beginnt, endet leicht in einer Kultur der Entlastung. Die Folgen sind bekannt: Verantwortungsdiffusion, Auslagerung der Moral und Kompetenzverlust. Wenn immer jemand anderes zuständig ist, fühlt sich irgendwann niemand mehr zuständig. Und wenn der Staat jedes Problem lösen soll, verlieren Bürger nach und nach die Gewohnheit, Probleme selbst zu lösen.

Meine Sorge ist deshalb weniger fiskalischer als kultureller Natur. Ich fürchte nicht, dass wir helfen. Ich fürchte, dass wir falsch helfen. Wenn Hilfe nicht mehr aktiviert, sondern entlastet, nicht mehr befähigt, sondern versorgt, dann verliert eine Gesellschaft ihre Spannkraft. Der argentinische Präsident Javier Milei formulierte es einmal sinngemäss so: Ein übergewichtiger Staat schafft schwache Bürger – ein schlanker Staat hingegen starke Menschen. Der Gedanke trifft einen wichtigen Punkt.

Dabei ist Disziplin kein kaltes Konzept. Sie ist Selbstführung. Sie ist die Fähigkeit, heute etwas zu leisten, um morgen etwas geben zu können. Fürsorge ohne Disziplin bleibt wohlmeinend, aber kraftlos. Disziplin ohne Fürsorge wäre hart. Eine freie und humane Gesellschaft braucht beides. Doch der Anfang liegt bei der Disziplin. Denn nur wer Kraft entwickelt, kann Kraft verschenken.

«Disziplin ist die Fähigkeit, heute etwas zu leisten, um morgen etwas geben zu können. »

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