monsieur murmelstein

(für ilja richter)

seit er entlassen wurde, hatte er nur ein ziel: lügen. denn er hatte angst vor seiner eigenen geschichte. er hatte angst, seine wahrheit würde zum sandpapier und riebe ihn völlig ab. er wußte, gegen diese angst helfe nur die lüge.

er hatte nichts mitgenommen von jener zeit, von jenem ort; keine kleider, keine erinnerung. nichts. außer einem kieselstein. vom appellhof, am tag der befreiung. dieser stein müßte alles gehört haben, hier. er hatte den stein lange angeschaut, bis er für ihn einen namen hatte. seither trug er ihn mit sich. wann immer ihn die kraft zum lügen verließ, steckte er seine hand in die tasche, griff nach seinem trauerstein, bis er seine kraft wiedergewonnen hatte.

im feldlazarett, bei den ersten befragungen der alliierten, verschwieg er alles, bis auf die angaben zur person. er sei noch nicht so weit, sagte er sich, er wisse, wann er beginnen müsse. er brauche diese zeit des schweigens, um distanz zu gewinnen – für seine zukunft. er aß wenig, trank viel wasser und schlief, so lange es ging.

er kehrte in seine stadt zurück, allein; nur diese stadt kam für ihn in frage. er kämpfte so lange, bis er seine wohnung zurückbekommen hatte. sie war ihm zu groß ohne seine frau. doch er wollte in seine wohnung einkehren. er wollte nie mehr weg. nie mehr packen und gehen müssen. er wollte bleiben. er glaubte, nur so könne er seine mission erfüllen. er brauchte diese wohnung, er brauchte jene nachbarn. jene, die ihn denunziert hatten, die dann seine wohnung besetzt hatten. in seiner abwesenheit vorgewärmt hatten, wie er zu sich sagte. er brauchte sie.

als alle bürokratischen gänge erledigt waren, schloß er sich für zwei tage und zwei nächte in seiner wohnung ein. die wohnung war noch nicht eingerichtet. er meinte, er brauche kein mobiliar. er brauche noch die kahlheit. er brauche die wände, er brauche das weiß.

er aß nicht, trank nicht, betete nicht – er hatte nie in seinem leben gebetet. er legte sich auf den boden und deckte sich mit seinem mantel zu.

er schlief kaum. er kämpfte gegen die bilder in seinem kopf. als diese zu siegen drohten, griff er auf einen alten trick zurück, den er seit der kindheit kannte. er rief sich noch ältere bilder auf. bilder aus der zeit vor dem grauen. bilder aus der zeit, als er seine frau kennenlernte. er ging noch weiter zurück – bis zu seiner kindheit. von bild zu bild. zu seiner unbeschwerten kindheit. erst als er hier angelangt war, fiel er in schlaf.

am tag darauf brach er auf. er fuhr in ein anderes land. ein land, in dem alles billig zu haben war.

dort fand er einen alten tätowierer, dem er viel geld bot. der trennte ihn von der nummer auf seinem linken arm. der tätowierer zog ihm die haut vom fleisch. die nummer mußte lesbar bleiben – so war die abmachung.

«die haut wächst nach», sagte der tätowierer «so ist der mensch». er verarbeitete die haut: er enthaarte sie, glättete sie, bis sie geschmeidig und durchsichtig, bis sie zu pergament wurde.

monsieur murmelstein nahm seine haut und kehrte nach hause zurück. dann besorgte er sich eine dünne kapsel aus bakelit, rollte seine haut zusammen, steckte sie in die kapsel, verschloß sie fest und legte sie auf den boden im wohnzimmer. nun ging er zum fenster und schaute hinaus, so lange er konnte. schließlich drehte er sich um, lehnte sich an das fenster, breitete seine arme aus und legte sie auf das sims. er blickte an sich hinunter; sein blick blieb an den schuhen haften. ohne seinen platz zu verlassen, schlüpfte er aus den schuhen, ging einen schritt nach links und betrachtete sie, bis er wußte: er würde keine schuhe mehr brauchen. dann entledigte er sich seiner socken und warf sie zu den schuhen.

er ging in die apotheke und holte sich vaseline. er rieb die kapsel gut ein und steckte sie dann behutsam in seinen after. er ging im zimmer auf und ab, setzte sich auf den boden, legte sich auf den rücken, ging hinaus, setzte sich in ein café, auf einen stuhl. die kapsel blieb in seinem after.

am tag darauf kaufte er als erstes ein messingschild für seine wohnungstür. darauf stand:

monsieur murmelstein.

dann richtete er seine wohnung ein, so schlicht wie möglich. den spiegel im bad verhängte er.

er meinte, spiegel könnten nicht mehr neutral sein. er beschloß, auf dem boden zu schlafen, um die alte gewohnheit nicht zu verlieren, die ihn in den letzten jahren begleitet hatte. er ließ an der wand, links neben der matratze, ein schmales holzbrett anbringen. sehr niedrig, so daß er jederzeit hingreifen konnte, ohne aufstehen zu müssen.

in der ersten nacht holte er seine haut heraus, glättete sie, betrachtete sie und vergewisserte sich, daß die nummer lesbar war. er legte sie auf das brett und betete zu ihr. er hatte noch nie gebetet; doch er hatte gesehen, wie man betet. er nahm ein handtuch, irgendeins, breitete es um seine schulter, ging in die knie und betete – zu seiner tätowierung. er erzählte ihr von seiner frau. auch rief er sie beim namen. er wußte natürlich, für den kaddisch braucht man 10 männliche personen. aber er brauchte jetzt niemanden mehr. er betete, bis er in seinen kleidern in schlaf fiel. den tag darauf erklärte monsieur murmelstein zu seinem geburtstag.

alsbald arbeitete er als vertreter, er verkaufte seife, kernseife – barfuß. er ging von tür zu tür: «ich bin monsieur murmelstein und verkaufe seife. seife braucht man immer, nicht wahr?» dann log er. vom krieg, von der gefangenschaft, von seiner verwundung. und er sprach auch von seinem vaterland, auch von den nöten der menschen. wenn ihn jemand fragte, wie er denn richtig heiße, antwortete er, er heiße nur monsieur murmelstein. seinen vornamen habe er unterwegs verloren – auf der flucht.

monsieur murmelstein verkaufte nicht nur seife, er lebte auch davon. er aß seife und behauptete, sie sei gut für den stuhlgang, er könne dann auch gut schlafen; und er trank viel wasser.

seife und wasser, ein guter stuhlgang, geregelter schlaf – mehr braucht der mensch nicht.

er behauptete auch, nachts, seiner tätowierung gegenüber, seife halte sein gedächtnis frisch. dieses brauche er, um zu lügen. dazu sei er verpflichtet. schon allein seiner frau wegen, schon allein dieser einen person wegen.

abends kam er nach hause, zog die schuhe an, legte sich das handtuch um die schulter und betete – zu seiner haut. manchmal sprach er auch zu einem gott, zu irgendeinem.

«herr, ich bin nicht gerecht, ich weiß; denn ich lüge ausnahmslos. aber ich kann nicht mehr unterscheiden. zuviel seife ist dazwischengekommen.»

monsieur murmelstein lief seit seiner rückkehr barfuß und meinte, er könne barfuß besser lügen.

nachts, wenn er allein war, trug er schuhe. er schlief auch mit schuhen – wer weiß, wann der nächste transport kommt.

er meinte, seit er entlassen sei, brauche er keinen wirklichen ort. er sei ortlos geworden. und er fand dies seinem schicksal gemäß. seit er entlassen sei, ständen überflüssige schatten neben ihm, ortlos gewordene. seit er entlassen sei, lüge er. bis seine lügen einen ort für die wahrheit gefunden hätten – zwischen seife und vernunft.

wer zerrissenes nicht lieben kann, der kann nicht lieben – meinte er. und er betete zu seiner tätowierung. sie möge ihn lange leben lassen – auf daß er lüge. er log und achtete nicht darauf, was die leute erzählten. er hatte beschlossen, taub zu sein.

und er log so lange, bis ihm seine zunge nicht mehr gehorchte. er konnte keine wahren sätze mehr sprechen. nachts, wenn er allein war mit seiner tätowierung, mit seiner frau; auch hier log er. er belog seine frau und auch seine haut, die nun auf dem holzbrett lag. er log in bildern. so viele bilder, die sich bedingten. und mit jedem bild entfernte sich monsieur murmelstein von sich selbst. bis er am ende nicht einmal mehr sicher war, ob seine frau ihn wiedererkennen würde.

sonntags ging er in den zoo, barfuß. er kaufte so viele nüsse, wie er konnte, setzte sich vor den käfig der affen und gestand ihnen flüsternd seine lügen. zuweilen murmelte er auch von seiner frau und verriet auch gelegentlich ihren kosenamen. er meinte, den affen könne er so viel verraten.

eines tages, an einem sonntag, im frühling, kam monsieur murmelstein wieder in den zoo, mit einer tüte voller nüsse in der hand, barfuß. und er sah, daß die affen auf ihn warteten. sie freuten sich über ihn; als ob sie seine geschichten bräuchten.

er blieb vor dem käfig stehen und starrte auf die schreienden affen. dann legte er die tüte mit den nüssen auf die erde, drehte sich um und verließ den zoo.

danach beschloß monsieur murmelstein, überhaupt nicht mehr zu sprechen.

(august 2002)

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