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Intelligenz hat keine Ideologie

Politische Aktivisten und Medien unterstellen oft, die Vertreter ihrer eigenen Ausrichtung seien klüger. Eine Langzeitstudie zu Hochbegabung bringt dazu überraschende Erkenntnisse.

Intelligenz hat keine Ideologie
Kluge Köpfe gibt es unter Konservativen – wie Winston Churchill –, Liberalen und Sozialdemokraten gleichermassen. Bild: Unsplash.

Ich glaube an Intelligenz. Nicht im naiven Sinne, dass schlaue Menschen immer recht haben, sondern im empirischen: Intelligenz ist messbar, stabil und folgenreich – für Lebensläufe, für Gesellschaften, für die Art, wie Menschen mit Komplexität umgehen. Jahrzehntelange Forschung zeigt, dass sie der stärkste Einzelprädiktor für die gängigsten Erfolgsmetriken ist – gewichtiger als Persönlichkeit, sozialer Hintergrund oder Fleiss allein.

Umso mehr hat mich eine Frage jahrelang beschäftigt: Denken intelligentere Menschen anders? Und inwiefern hängt das mit ihrer politischen Orientierung zusammen? Diese Frage berührt ein Narrativ, das im öffentlichen Diskurs mitschwingt, aber selten offen ausgesprochen wird: die Vorstellung, dass politische Überzeugungen Rückschlüsse auf die kognitive Leistungsfähigkeit zulassen. Die Antwort einer Studie, die wir kürzlich in der Fachzeitschrift «Intelligence» veröffentlicht haben, ist ernüchternd – zumindest für jene, die sich eine einfache Geschichte erhofften.

«Intelligenz ist messbar, stabil und folgenreich – für Lebensläufe, für Gesellschaften, für die Art, wie Menschen mit Komplexität umgehen. Jahrzehntelange Forschung zeigt, dass sie der stärkste Einzelprädiktor für die gängigsten Erfolgsmetriken ist – gewichtiger als Persönlichkeit, sozialer Hintergrund oder Fleiss allein.»

Der Mythos des linksliberalen Hochbegabten

Im akademischen Milieu hält sich hartnäckig die Überzeugung, wer wirklich intelligent sei, gelange früher oder später zwangsläufig zu progressiven Ansichten. Konservatismus erscheint dort als Erkenntnisschwäche, als Spielart von Angst, Rigidität oder mangelnder Reflexionsfähigkeit. Mit dem Aufstieg rechtspopulistischer Bewegungen hat sich diese Lesart verfestigt. Zustimmung zu rechten Positionen gilt als Beleg mangelnder Reflexionstiefe oder schlichter Unfähigkeit, mit der Komplexität moderner Gesellschaften umzugehen. In diesem Deutungsmuster wird das politische Gegenüber nicht bloß als im Irrtum, sondern als kognitiv überfordert gezeichnet. Wer die «einfachen Antworten» wählt, müsse – so der mitschwingende Subtext – zwangsläufig an den eigenen kognitiven Grenzen gescheitert sein. Diese Logik mag für manche schmeichelhaft klingen, doch sie hält der empirischen Prüfung nicht stand.

Ein Blick in die liberale Ideengeschichte genügt zur Widerlegung. Friedrich August von Hayek vertritt eine anspruchsvolle liberalkonservative Tradition. Seine Skepsis gegenüber konstruktivistischen Gesellschaftsentwürfen hat nichts von ihrer analytischen Schärfe verloren. Dabei ist die Unterscheidung wesentlich: Hayeks Plädoyer für Freiheit und organisch gewachsene Ordnungen speist sich gerade aus seiner Skepsis gegenüber jeglicher zentralen Anmassung von Wissen. Dies grenzt ihn scharf von einem reaktiven Konservatismus ab, der den Status quo lediglich um seiner selbst willen bewahren will. Man muss Hayeks Schlüsse nicht teilen. Wer aber behauptet, konservative oder libertäre Überzeugungen schlössen Hochbegabung aus, ignoriert nicht nur die geistesgeschichtliche Realität, sondern auch die neueste empirische Forschung.

Untersuchung über fast vier Jahrzehnte

Das Marburger Hochbegabtenprojekt, initiiert von Detlef H. Rost, ist die umfassendste Längsschnittstudie zur Hochbegabung im deutschsprachigen Raum. Über Jahrzehnte hinweg wurden Teilnehmer begleitet, was uns nun erstmals eine systematische Untersuchung ihrer politischen Überzeugungen ermöglicht hat. Die Ausgangsstichprobe bildeten Ende der 1980er-Jahre über 7000 nicht vorselektierte Drittklässler im damaligen Westdeutschland. Mit standardisierten Intelligenztests wurden eine Gruppe von Hochbegabten (IQ ≥ 130) sowie eine sorgfältig gematchte Kontrollgruppe durchschnittlich Begabter (IQ ≈ 100) identifiziert und sechs Jahre später, in der neunten Klasse, erneut validiert.

Nach Jahrzehnten erhoben wir ihre politischen Überzeugungen im Erwachsenenalter – sowohl auf einer einfachen Links-rechts-Skala als auch über ein differenziertes Instrument, das vier Dimensionen erfasst: wirtschaftlicher Libertarismus, Sozialismus, gesellschaftlicher Liberalismus und gesellschaftlicher Konservatismus. Diese Differenzierung mittels vier Dimensionen ist methodisch entscheidend: Wer politische Überzeugungen eindimensional misst, produziert Rauschen statt Erkenntnis.

«Hochbegabung produziert keine politische Ideologie. Kluge Köpfe finden sich unter Libertären und Sozialdemokraten, unter Konservativen und Liberalen – in nahezu denselben Verhältnissen wie im Rest der Bevölkerung.»

Die Zahlen sprechen eine klare und eindeutige Sprache. Auf der Links-rechts-Selbsteinstufung zeigen sich keine Unterschiede. Hochbegabte und durchschnittlich Begabte verorten sich gleichermassen in der Mitte. Auch bei den vier Dimensionen fehlen statistisch bedeutsame Gruppenunterschiede. Damit enttäuscht die Studie die Erwartung jener, die Intelligenz mit progressiven Überzeugungen gleichsetzen. Fakt ist: Hochbegabung produziert keine politische Ideologie. Kluge Köpfe finden sich unter Libertären und Sozialdemokraten, unter Konservativen und Liberalen – in nahezu denselben Verhältnissen wie im Rest der Bevölkerung.

Die grosse Ausnahme: Männer und Konservatismus

Und doch gibt es eine Ausnahme. Bei der Dimension Konservatismus zeigt sich ein Interaktionseffekt: Durchschnittlich begabte Männer weisen signifikant höhere Werte auf als hochbegabte Männer. In der Gruppe der durchschnittlich begabten Männer ist die Präferenz für gesellschaftliche Stabilität und Tradition stärker ausgeprägt. Bei Frauen ist dieser Unterschied nicht zu beobachten. In unserer Publikation diskutieren wir diesen Befund anhand verschiedener Hypothesen, etwa zur kognitiven Komplexität, zur Offenheit oder zur kulturellen Vermittlung politischer Werte. Dies geschieht, um der Vielschichtigkeit der Interaktion gerecht zu werden.

Folgt aus einem höheren Mittelwert durchschnittlich begabter Männer beim Konservatismus eine kognitive Minderwertigkeit konservativer Überzeugungen? Keineswegs. Der Befund beschreibt Gruppenmittelwerte, keine Eigenschaften einzelner Politiker. Winston Churchill war nicht nur ein strategischer Kopf von historischem Rang, sondern als Literaturnobelpreisträger auch ein intellektuelles Schwergewicht. Friedrich Merz gehört zu den profiliertesten Wirtschaftsjuristen seiner Generation. Giorgia Meloni beweist in Debatten eine argumentative Präzision, die ihrer Verortung im angeblich bildungsfernen Lager widerspricht. Und Javier Milei war über zwei Jahrzehnte als Professor für Ökonomie tätig und publizierte einschlägig zu geldpolitischen Themen. Wer von Durchschnittswerten auf Individuen schliesst, begeht einen elementaren statistischen Fehler. Dennoch pflegen Medien und öffentliche Diskurse genau diese Fehlschlüsse. Erstens: Korrelation ist keine Kausalität. Zweitens: Die Messung beruht auf Selbstauskunft, die in akademisch dominierten Milieus sozialen Erwünschtheiten unterliegen kann. Drittens: Wer aus einem statistisch zwar signifikanten, im Endeffekt jedoch einzigen Gruppenunterschied auf Einzelpersonen schliesst, betreibt keine Wissenschaft, sondern pflegt Stereotype.

Dogmatismus unterlaufen

Hayek warnte vor übergriffigen Planungsfantasien und vertraute auf die Weisheit gewachsener Ordnungen. Geprägt von ihm glaube ich an Wettbewerb, Regelbindung, persönliche Verantwortung und die Überlegenheit freier Ordnungen. Denn eine Gesellschaft, in der Hochbegabung automatisch zu einer bestimmten politischen Überzeugung führte, wäre intellektuell ärmer, nicht reicher.

Hochbegabung und Intelligenz verhindern keinen Konservatismus und fördern keinen Sozialismus. Das Gegenteil ist der Fall. Sie erschweren die ideologische Verhärtung und unterlaufen damit den Dogmatismus. Und das ist gut so, denn eine freie Gesellschaft benötigt diese kognitive Leistung auf allen Seiten des politischen Spektrums.

Es wäre ein Gewinn für den Diskurs, wenn alle Seiten aufhörten, Intelligenz als Hausausweis zu beanspruchen oder der anderen Seite per Konstruktion abzusprechen. Die Daten geben das nicht her. Wer das dennoch behauptet, zieht politische Schlüsse, wo nur statistische erlaubt sind.

Das wäre, mit Verlaub, keine besonders kluge Leistung.

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