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Ich habe mich getäuscht: Die freie Marktwirtschaft funktioniert erstaunlich gut

Jahrelang kritisierte ich die Ideologie des Neoliberalismus. Javier Mileis Experiment in Argentinien hat mich eines Besseren belehrt.

Ich habe mich getäuscht: Die freie Marktwirtschaft funktioniert erstaunlich gut
Javier Milei, Bild: WikiMedia.

Vorbemerkung: Noah Smith gehört zu den spannendsten und lesenswertesten Ökonomen der Gegenwart. Der US-Amerikaner hat eine akademische Karriere ausgeschlagen und schreibt stattdessen in seinem Blog über ökonomische und geopolitische Themen. Er kniet sich dabei tief in die Materie und analysiert scharf und nüchtern. Politisch steht er auf der linken Seite des politischen Spektrums – ist sich aber nicht zu schade, die eigenen Annahmen zu revidieren, wie der vorliegende Beitrag über die Wirtschaftspolitik Javier Mileis zeigt.

Ein Bereich, in dem es in den USA in den letzten zehn Jahren einen Konsens zwischen den Parteien zu geben scheint, ist die Idee, dass die freie Marktwirtschaft – oder der «Neoliberalismus» – gescheitert sei und dass unser Wirtschaftssystem überarbeitet werden müsse. Linke haben das natürlich schon immer geglaubt, und in den letzten Jahren haben sich ihnen immer mehr Mainstream-Progressive angeschlossen. Auf der rechten Seite haben dank Donald Trump Zölle und Einwanderungsbeschränkungen den Freihandel als vorherrschende Orthodoxie abgelöst. Und die Republikaner scheinen die fossile Industrie und andere traditionelle Sektoren unterstützen zu wollen.

Und, ja: Ich bin einer derjenigen, die ein neues Wirtschaftssystem fordern. Seit Jahren kritisiere ich die Ideologie des freien Marktes, mache mir Sorgen über den Niedergang des Rust Belt, äussere mich skeptisch gegenüber dem Freihandel und fordere eine Industriepolitik zur Wiederbelebung des verarbeitenden Gewerbes. Ich habe oft geschrieben, dass die Industriepolitik der Biden-Regierung einen notwendigen Bruch mit den Dogmen der Vergangenheit darstelle und dass Trump diesen notwendigen Wandel ermöglicht habe, indem er den politischen Konsens über den Freihandel zerstört habe. Ich warne immer wieder davor, dass die USA und ihre Verbündeten ohne die Berücksichtigung strategischer Industrien einen Krieg gegen China verlieren würden.

Um es klar zu sagen: Wenn ich sage, dass die Kritik an der freien Marktwirtschaft übertrieben worden sei, meine ich damit zum Teil auch mich selbst. Vor ein paar Monaten habe ich, entsetzt über Trumps Zollpolitik, eine Entschuldigung an die Libertären geschrieben und zugegeben, dass ich den politischen Nutzen ihres Projekts für die Aufrechterhaltung einer wirtschaftlichen Vernunft auf der rechten Seite nicht erkannt hätte.

Aber es sind nicht nur die politischen Vorteile des freien Marktes, die unterschätzt werden; ich denke, auch die rein wirtschaftlichen Vorteile werden zu oft ignoriert.

«Wenn ich sage, dass die Kritik an der freien Marktwirtschaft übertrieben worden sei, meine ich damit zum Teil auch mich selbst.»

Düstere Warnungen

Der beste Beweis ist die Erfolgsbilanz von Javier Milei in Argentinien. Als Milei vor anderthalb Jahren zum Präsidenten Argentiniens gewählt wurde, warnten eine Reihe linker Ökonomen düster, dass sein radikales Programm des freien Marktes zu einer wirtschaftlichen Katastrophe führen würde.

Milei gewann trotzdem. Seine erste grosse politische Massnahme, die den linken Ökonomen am meisten Sorgen bereitete, war eine strenge Austeritätspolitik. Das langjährige Wirtschaftsmodell Argentiniens, das in den 1950er-Jahren von Diktator Juan Perón geschaffen wurde, umfasste eine Vielzahl komplexer staatlicher Aufträge und Subventionen für verschiedene Konsumgüter wie Energie und Verkehr. Milei strich viele davon und kürzte ausserdem Renten, Jobs in der Verwaltung und Transferzahlungen an die Provinzen. Insgesamt senkte er die öffentlichen Ausgaben um etwa 31 Prozent, wodurch das chronische Haushaltsdefizit Argentiniens fast vollständig beseitigt wurde.

Der Zweck dieser Kürzungen bestand nicht nur darin, staatliche Eingriffe in die Wirtschaft zu beseitigen, sondern auch die Inflation zu stoppen. Grundsätzlich besagt die makroökonomische Theorie, dass hohe und anhaltende Defizite alle davon überzeugen, dass die Regierung ihre Schulden letztendlich durch Gelddrucken weginflationieren wird (was zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung wird). Und die meisten oder sogar alle Staaten, die eine Hyperinflation erleben, können sich letztendlich nur dann davon befreien, wenn sie ihren Haushalt in Ordnung bringen. Permanente Defizite waren Teil des peronistischen Systems Argentiniens, und es ist wahrscheinlich, dass sie für die periodischen Hyperinflationsphasen verantwortlich waren, die das Land erlebt hat.

Trendwende nach schmerzhaftem Beginn

Mileis Schocktherapie der Sparmassnahmen war also ebenso sehr makroökonomisch wie mikroökonomisch. Bislang scheint sie zu funktionieren. Die Inflation, die vor Mileis Amtsantritt gefährlich angestiegen war und wieder in den «Hyper»-Bereich zurückzukehren schien, ist eingebrochen.

Zwar handelt es sich immer noch um eine Inflationsrate, die uns auf die Barrikaden bringen würde – 2,4 Prozent monatlich entsprechen einer Jahresrate von 33 Prozent! Aber für Argentinien ist dies eine unglaubliche Erleichterung.

Milei hat auch eine Reihe von Deregulierungen, Privatisierungen, gewerkschaftsfeindlichen Massnahmen und anderen libertären Politiken durchgeführt, meist per Dekret. Er hat die Einstellung und Entlassung von Arbeitnehmern erleichtert, Streiks für Gewerkschaften erschwert, Schritte zur Privatisierung staatlicher Industrien unternommen sowie den Finanzsektor, das Gesundheitswesen und den Flugverkehr dereguliert. Ausserdem hat er die Mietpreisbindung abgeschafft.

Schliesslich nahm Milei einige Änderungen an der Währungspolitik vor. Argentinien ist in erster Linie ein Rohstoffexporteur und hat wie viele andere Rohstoffexporteure seine Währung (den Peso) lange Zeit überbewertet gehalten. Um die Währung überbewertet zu halten, mussten eine Reihe restriktiver Gesetze aufrechterhalten werden, die sowohl Argentinier als auch ausländische Investoren daran hinderten, ihre Pesos in US-Dollar umzutauschen (was den Peso gegenüber dem Dollar abgewertet hätte). Diese Gesetze ermöglichten den Argentiniern einen übermässigen Konsum, aber nur, indem sie Banken schadeten und ausländische Investitionen erschwerten. Milei schaffte einige dieser Regeln ab, versprach, weitere abzuschaffen, und liess die Währung um über 50 Prozent abwerten.

Die linken Ökonomen dachten, dass all dies eine Katastrophe für die einfache Bevölkerung Argentiniens sein würde. Sparmassnahmen bedeuten vorübergehende Schmerzen – sie zerstören kurzfristig die Gesamtnachfrage und erhöhen Armut und Arbeitslosigkeit. Kürzungen bei Sozialprogrammen und Konsumsubventionen schmerzen. Die Aufhebung der Mietpreisbindung könnte zu höheren Mieten führen. Und tatsächlich stieg die Armutsquote im ersten Jahr von Mileis Amtszeit von bereits extrem hohen 42 Prozent auf 53 Prozent. Auch die Arbeitslosigkeit stieg auf über 7 Prozent, als die Wirtschaft 2024 in eine Rezession geriet.

Dann passierte etwas Seltsames. Die Rezession endete und Argentinien erholte sich wieder. Das Bruttoinlandsprodukt wuchs im ersten Quartal um 5,8 Prozent – so stark wie seit 2022 nicht mehr. Der private Konsum nahm gegenüber dem Vorjahr um 11,6 Prozent zu.

Die Armutsquote sinkt ebenfalls, da das Wachstum anzieht. Sie ging im ersten Amtsjahr Mileis auf 38,1 Prozent zurück.

Linke bestreiten die Realität des Rückgangs der Armut, stützen sich dabei aber ausschliesslich auf Anekdoten statt auf Daten. Die Arbeitslosigkeit ist immer noch hoch, aber das anhaltende Wachstum dürfte sie wieder sinken lassen – J.P. Morgan prognostiziert für Argentinien für das nächste Jahr eine weitere Beschleunigung der Wirtschaft.

«Das Bruttoinlandsprodukt wuchs im ersten Quartal um 5,8 Prozent – so stark wie seit 2022 nicht mehr.»

Eher IWF-Orthodoxie als Libertarismus

Ist dies ein grosser Sieg für die freie Marktwirtschaft? Es ist verlockend, dies zu behaupten, aber die Realität ist nicht so einfach. Sparmassnahmen sind nicht grundsätzlich eine Politik der freien Marktwirtschaft; sozialistische Länder können Haushaltsüberschüsse erzielen, und die kapitalistischsten Länder der Welt können Defizite einfahren. Wie Tyler Cowen aufgezeigt hat, ähneln Mileis makroökonomische Massnahmen eher der orthodoxen Stabilisierungspolitik des IWF als einem reinen Libertarismus. Alle mikroökonomischen Vorteile einer Verkleinerung des argentinischen Staates werden sich nur langsam einstellen; derzeit besteht der Haupteffekt lediglich in der Eindämmung der Inflation.

Erwähnenswert ist auch, dass die linken Ökonomen, die Milei fürchteten, auch Bedenken gegen einen Plan hatten, den er gar nicht umgesetzt hat – nämlich die Einführung des US-Dollars als Zahlungsmittel für Inlandsgeschäfte. Das hätte nicht funktioniert, weil es schlicht nicht genug Dollars im Land gibt. Zum Glück hatte Milei nicht genug politisches Kapital, um den Plan umzusetzen.

Trotzdem sollte uns Mileis bisheriger Erfolg etwas überzeugter von der freien Marktwirtschaft machen – vor allem, wenn wir sie mit den neuen sozialistischen Ideen vergleichen, die in den USA an Bedeutung gewinnen. Früher haben Sozialisten und andere linksgerichtete Ökonomen eine zentrale Planung und die Verstaatlichung der Industrie befürwortet; in den letzten Jahren befürworteten sie eine Ausweitung des Staates durch die Fiskalpolitik und vermischten dabei makroökonomische mit mikroökonomischen Begründungen. Sie fordern stets eine defizitfinanzierte Ausweitung der Sozialprogramme; wenn Politiker die Defizite eindämmen wollen, warnen die Linken vor den kurzfristigen makroökonomischen Schäden der Sparpolitik.

Wenn man mehr Angst vor Sparmassnahmen hat als vor Defiziten, wird die Ausweitung des Staates – und des Defizits – zu einer Einbahnstrasse. Dieser Ansatz unterscheidet sich stark vom Keynesianismus, der Konjunkturimpulse zur Überwindung von Rezessionen und Sparmassnahmen in Boomzeiten befürwortet.

Mileis Erfolg bei der Senkung der Inflation und die Rückkehr zum Wachstum nach einem schmerzhaften Jahr zeigen, dass die ständigen düsteren Warnungen der Linken vor Sparmassnahmen zumindest manchmal übertrieben sind. Eine restriktive Fiskalpolitik ist nicht immer wünschenswert, aber Milei zeigt, dass die Kosten oft nicht so hoch sind, wie viele Progressive glauben.

Derweil sind Mileis mikroökonomische Massnahmen – die Deregulierung, die Schritte in Richtung Privatisierung, die gewerkschaftsfeindliche Politik – der Hund, der nicht gebellt hat. Angesichts der sinkenden Armut und des steigenden Konsums in Argentinien scheint es nicht so, als hätten diese marktwirtschaftlichen Massnahmen die Mittelschicht zerstört. Bislang gibt es auch keine Anzeichen für eine wesentliche Zunahme der Ungleichheit; der Gini-Koeffizient scheint stabil zu sein.

Und in einigen Fällen bringt Mileis marktliberale Politik tatsächlich Ergebnisse. Die Abschaffung der nationalen Mietpreisbindung löste anscheinend einen derart grossen Boom beim Wohnungsangebot aus, dass die Mieten tatsächlich gesunken sind. In Buenos Aires stieg das Angebot an Mietwohnungen innerhalb weniger Monate um 195 Prozent, und die mittleren Angebotspreise sanken um etwa 10 Prozent.

Es ist noch zu früh, um die vollständigen Auswirkungen all dieser Massnahmen zu beurteilen. Vielleicht wird die Ungleichheit durch Mileis Deregulierungen letztendlich zunehmen; vielleicht wird sich die Armut auf einem inakzeptabel hohen Niveau stabilisieren. Aber im Moment sieht es viel besser aus, als selbst viele Libertäre gehofft hatten.

Und wenn wir Milei mit den lateinamerikanischen Regierungen vergleichen, die Sozialisten und Progressive in den letzten Jahren unterstützt haben, ist seine Bilanz noch eindrücklicher. In den 2000er-Jahren war der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz voller Lob für Venezuelas Präsidenten Hugo Chávez. So sagte er 2007, das Wirtschaftswachstum des Landes sei «sehr beeindruckend», und Chávez sei «offenbar erfolgreich darin, den Menschen in den armen Vierteln von Caracas Gesundheit und Bildung zu bringen».

Wir alle wissen, wie die Geschichte ausgegangen ist: Venezuela erlitt einen der schlimmsten wirtschaftlichen Zusammenbrüche, die jemals ausserhalb von Kriegszeiten verzeichnet wurden. Dennoch lobte Stiglitz 2022 Mileis Vorgängerregierung in Argentinien dafür, dass sie sich nach der Pandemie gegen Sparmassnahmen gewehrt hatte. Zwei Jahre später lag die jährliche Inflationsrate Argentiniens bei 1500 Prozent.

Stiglitz wurde für diese dramatischen Fehleinschätzungen nie zur Rechenschaft gezogen. Aber wenn libertäre Ansätze in der Wirtschaftspolitik in Lateinamerika so viel weniger katastrophal sind als linke Ansätze, sollte uns das zeigen, dass wir uns zu sehr in Richtung Antineoliberalismus verschossen haben.

Milei ist kaum das einzige Beispiel für den Erfolg des Neoliberalismus in den vergangenen Jahren. Obwohl China nominell kommunistisch ist und heute eine umfassende Industriepolitik betreibt, war sein Ansatz von den 1980er- bis Anfang der 2000er-Jahre fast ausschliesslich auf Privatisierung ausgerichtet. Indien hat durch die Liberalisierung in den 1990er- und 2000er-Jahren einen grossen Wachstumsschub erlebt, ebenso wie Vietnam. Das Entwicklungswunder Polens ist grösstenteils eine Frucht neoliberaler Politik – seine Industriepolitik konzentrierte sich hauptsächlich auf die Förderung ausländischer Direktinvestitionen, während seine anderen politischen Massnahmen eine Mischung aus institutionellen Verbesserungen und Freihandel waren.

«Wenn libertäre Ansätze in der Wirtschaftspolitik in Lateinamerika so viel weniger katastrophal sind als linke Ansätze, sollte uns das zeigen, dass wir uns zu sehr in Richtung Antineoliberalismus verschossen haben.»

Das optimale Gleichgewicht

Heisst das, dass die Hardcore-Libertären recht haben und alle Länder der Welt den Staat verkleinern und die Marktkräfte entfesseln sollten? Nein. Die kompliziertere Wahrheit ist, dass die beste Wirtschaftspolitik stark davon abhängt, wo man startet. Argentinien vor Milei war ein peronistisches Chaos, China vor Deng war eine maoistische Katastrophe.

Im Laufe der Geschichte haben viele staatliche Expansionen die Armut reduziert, ohne das Wirtschaftswachstum zu ruinieren, wie der New Deal oder die Industriepolitik Südkoreas in den 1970er-Jahren zeigen. Die langweilige Wahrheit ist, dass die ideale Wirtschaft eine gemischte Wirtschaft ist, die auf Märkten basiert, aber auch einen erheblichen Anteil an Umverteilung, Bereitstellung öffentlicher Güter und Industriepolitik beinhaltet.

Das optimale Gleichgewicht hängt vom jeweiligen Land und von der jeweiligen Zeit ab. Selbst wenn man es für eine Weile genau richtig hinbekommt, wird sich die optimale Mischung im Laufe der Zeit ändern, wenn sich Länder entwickeln, Technologien sich verändern, Handelsstrukturen sich verschieben und so weiter. Wenn Argentinien Mileis frühen Erfolgen zu sehr nacheifert, könnte es eines Tages durchaus zu stark laisser-faire-orientiert werden.

Anstatt sich für eine Ideologie zu entscheiden und daran festzuhalten, sollten Länder erkennen, wenn sie zu weit in eine Richtung gegangen sind, und Schritte unternehmen, um den Kurs zu ändern. Wenn ein Teil der Bevölkerung in Armut lebt, während ein anderer Teil Wohlstand geniesst, sollte ein soziales Sicherheitsnetz geschaffen werden. Wenn die Umweltverschmutzung durch unregulierte Industrien zum Problem wird, sollten Umweltschutzmassnahmen ergriffen werden. Wenn Industrien verstaatlicht wurden und nicht gut laufen, sollten sie privatisiert werden. Wenn man technologisch hinterherhinkt, sollte man es mit Industriepolitik versuchen. Wenn man die Wirtschaft mit ineffizienten Subventionen und Sozialleistungen gefesselt hat, sollte man deregulieren.

Evolution ist nicht so sexy wie Revolution; es macht Spass, mit einer Kettensäge herumzuwedeln und zu schreien, man werde die Ideologie seiner Feinde auf den Friedhof der Geschichte schicken. Aber Evolution ist das, was funktioniert.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Substack-Kanal Noahpinion. Aus dem Englischen übersetzt von Lukas Leuzinger.

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