Ein Manifest gegen die Bildungsmisere
Die Schweizer Schüler verlieren den Anschluss. Ein privates Komitee will nun richten, was die Politik nicht wahrhaben will.
Schon Johann Heinrich Pestalozzi formulierte ein Prinzip, das bis heute gilt: Jedes Lernen beginnt beim Einfachsten. Seine Elementarmethode – vom Buchstaben zum Wort, von der Eins zur Zehn – ist die Grundlage jedes verstehenden Unterrichts. Genau daran fehlt es heute. Die Leidtragenden sind die Schülerinnen und Schüler. Denn sie sind es, die um ihre Zukunftschancen betrogen werden.
«Ein Viertel der Jugendlichen in der Schweiz verfügt nur über rudimentäre Lesefähigkeiten.»
Lesen, Schreiben, Rechnen. Drei Fähigkeiten. Ein Massstab. Und eine Bildungspolitik, die sich um vieles kümmert – nur nicht um das, was wirklich zählt. Denn im internationalen Vergleich fällt die Schweiz immer weiter zurück. Die PISA-Studie 2022 zeigt, dass Schweizer Fünfzehnjährige im Lesen den tiefsten Wert seit Messbeginn erreicht haben. Ein Rückgang von 18 Punkten gegenüber 2018. Noch gravierender ist der Abstand zu Spitzenländern wie Estland oder Irland: Deren Schüler sind um mehr als ein halbes Schuljahr voraus. Auch in Mathematik und Naturwissenschaften stagnieren die Resultate, während Länder wie Polen oder Dänemark aufholen. Die OECD warnt: Ein Viertel der Jugendlichen in der Schweiz verfügt nur über rudimentäre Lesefähigkeiten. Die Folgen? Wer einen einfachen Text nicht sicher versteht, findet kaum eine Lehrstelle. Und das in der Schweiz, wo ein grosser Teil des Wohlstands auf dem Modell der dualen Berufsbildung fusst.
«Wendepunkt Bildung»
Dass sich die Schweiz vom Musterschüler zum Mittelmass entwickelt, ist seit Jahren bekannt. Denn die Daten der internationalen PISA-Erhebung decken sich mit kantonalen Zahlen und Rückmeldungen aus der Schulpraxis. Das Bild, das sich daraus ergibt, könnte nicht konsistenter und klarer sein. Unklar ist jedoch, weswegen keine Reaktion auf die offenkundige Fehlentwicklung folgt. Die Probleme sind benannt, doch die überfällige Korrektur bleibt aus. Und genau das hat weitreichende Folgen.
«In der Bildungspolitik zählt vieles – aber nicht das, was im Klassenzimmer tatsächlich den Lernerfolg ausmacht.»
Nun soll ein privates Komitee richten, was die Politik nicht wahrhaben will. Das kürzlich konstituierte Komitee «Wendepunkt Bildung», ein Zusammenschluss von Bildungsexperten und Praktikern, greift auf, was die öffentliche Hand liegen lässt. Es hat ein Bildungsmanifest vorgelegt. Dessen Kernaussage ist ebenso einfach wie unbequem: In der Bildungspolitik zählt vieles – aber nicht das, was im Klassenzimmer tatsächlich den Lernerfolg ausmacht. Gemeint sind die Grundfähigkeiten Lesen, Schreiben und Rechnen. Und diese entscheiden sich nicht in Planungsgremien, sondern im täglichen Unterricht.
Die stille Verschiebung der Prioritäten
Die Entwicklung der letzten Jahre lässt sich als schleichende Verschiebung beschreiben. Die Volksschule ist systematisch ausgebaut worden: mehr Inhalte, mehr Ansprüche, mehr Koordination. Der Lehrplan 21, koordiniert von der Schweizer Erziehungsdirektorenkonferenz EDK, bündelt diesen Anspruch in einem umfassenden Kompetenzkatalog. Was als Harmonisierung gedacht war, hat vielerorts zu einer Verdichtung geführt, die den Unterricht überfordert. Die Zeit bleibt gleich, die Anforderungen wachsen – und mit ihnen die Tendenz zur Verzettelung.
Gerade jene Fähigkeiten, auf denen alles andere aufbaut, geraten dabei unter Druck: Lesen, Schreiben, Rechnen. Wenn uns die grundlegenden Kulturtechniken abhandenkommen, ist das kein Randproblem, sondern ein Hinweis auf verschobene Prioritäten. Die Folgen dieser Fehlentwicklung zeigen sich später in der Ausbildung und im Berufsleben – und damit weit über die Schule hinaus. Die Bildungspolitik reagiert darauf immer gleich: mit zusätzlichen Programmen, neuen Fördermassnahmen und weiteren Steuerungsebenen. Man bekämpft die Folgen und stabilisiert gleichzeitig die Ursachen. Ein Teufelskreis. Und ein ziemlich teurer noch dazu.
Gut gemeint – falsch gewichtet
Besonders deutlich wird diese Logik beim Fremdsprachenunterricht. In vielen Kantonen beginnen Kinder früh mit zwei Fremdsprachen, oft bevor sie die Unterrichtssprache sicher beherrschen. Die Idee ist plausibel, die Reihenfolge nicht. Wer die eigene Sprache nicht beherrscht, lernt andere langsamer. Dass dennoch am Modell festgehalten wird, ist weniger pädagogisch als politisch erklärbar. Fehlentwicklungen benennt man nicht, sie werden beschönigt.
Ein zweiter blinder Fleck betrifft das Lernen selbst. Lernen folgt einer Struktur: aufbauen, verstehen, festigen, üben, anwenden. Diese Abfolge ist unspektakulär, aber sie ist die Voraussetzung von Können. Gerade diese Verbindlichkeit ist vielerorts geschwächt worden. Üben gilt rasch als überholt, während Selbstständigkeit früh eingefordert wird, etwa im selbstorganisierten Lernen. Damit wird ein Ziel zum Ausgangspunkt erklärt. Selbstständigkeit entsteht jedoch nicht am Anfang, sondern am Ende eines gelungenen Lernprozesses. Wo sie vorausgesetzt wird, ohne dass die Grundlagen gesichert sind, entsteht Unsicherheit, und diese trifft vor allem jene Schülerinnen und Schüler, die auf verstehende, aber konsequente Führung angewiesen sind.
Die diskrete Entmachtung der Lehrperson
Parallel dazu hat sich das Rollenverständnis der Lehrperson verändert. Aus dem Lehren ist ein Begleiten geworden, ein «Coaching». Das mag konzeptionell anschlussfähig sein, im Unterricht zeigt es seine Grenzen. Kinder brauchen klare fachliche Führung, Struktur und Rückmeldung. Wo Lehren unter Rechtfertigungsdruck gerät, verlieren die Lernenden die Orientierung. Darunter leiden vor allem lernschwächere Kinder. Gerade in heterogenen Klassen, wie sie durch die integrative Schule zur Regel geworden sind, ist eine aktiv steuernde und führende Lehrperson entscheidend.
Diese Heterogenität ist auch eine Folge der zunehmenden Ausdifferenzierung des Systems. Neben der Klassenlehrperson wirken heute zahlreiche Fachpersonen: Heilpädagogen, Sozialarbeiter, Therapeuten. Alle für sich sinnvoll, in der Summe jedoch oft schwer zu koordinieren. Verantwortung verteilt sich, Beziehungen werden diffuser. Für Schülerinnen und Schüler ist nicht mehr selbstverständlich, wer ihre zentrale Bezugsperson ist. Doch gerade diese Verlässlichkeit ist eine Voraussetzung für erfolgreiches Lernen.
«Gerade in heterogenen Klassen, wie sie durch die integrative Schule zur Regel geworden sind, ist eine aktiv steuernde und führende Lehrperson entscheidend.»
Wenn Theorie den Takt vorgibt
Auch die Lehrerbildung bleibt von dieser Entwicklung nicht unberührt. Die Pädagogischen Hochschulen sind akademischer geworden, was grundsätzlich zu begrüssen ist – fundiertes Wissen schadet nicht. Problematisch wird es dort, wo sich die Ausbildung vom Klassenzimmer entfernt. Wer Unterricht primär konzeptionell denkt, riskiert, die realen Gegebenheiten des Schulalltags aus dem Blick zu verlieren. Die Praxis wird zum Anwendungsfall der Theorie, statt deren Ausgangspunkt zu sein.
«Problematisch wird es dort, wo sich die Ausbildung vom Klassenzimmer entfernt.»
«Wendepunkt Bildung» fordert deshalb keine Abkehr von der Akademisierung, sondern ihre stärkere Anbindung an die Praxis: Lehrpersonen sollen wieder mehr Gewicht erhalten, und der Unterricht sollte sich wieder mehr an dem orientieren, was wirklich zählt – nach Pestalozzi an dem, was Kopf, Herz und Hand erreicht.
Die Grundfähigkeiten zählen
Am Ende zählt nicht, was beschlossen wird, sondern was gelernt wird. Ob ein Kind lesen kann. Schreiben kann. Rechnen kann. Das ist der Massstab – und kein anderer. Oder noch einfacher: Das, was wirkt, zählt auch.
Dass die Bildungspolitik das nicht tut, ist kein Versehen. Es ist ein Versäumnis. Die Probleme sind bekannt. Die Befunde liegen auf dem Tisch. Die Warnsignale sind seit Jahren unübersehbar. Bildung beginnt nicht beim Komplizierten, sondern beim Einfachen: beim Lesen, Schreiben und Rechnen. Auf diesen Fundamenten baut alles Weitere auf – jedes Fach, jede Ausbildung, jeder Lebensweg. Bei diesen Grundfähigkeiten beginnt Bildung. Und genau bei ihnen muss sie wieder beginnen.