Zwischen Stillstand und Aufbruch

Wen immer man hier fragt: Bildung hat einen hohen Stellenwert. Hält die Realität diesen Beteuerungen stand?

Zwischen Stillstand und Aufbruch
Studentinnen der Artsakh State University, fotografiert von Lukas Rühli.

Vor uns steht sie: die Artsakh State University. Symmetrisch, Fassade aus grau schimmernden Steinplatten, in der Mitte drei imposante Fensterbögen. Doch ist sie alles andere als majestätisch: Die Fensterrahmen sind rausgerissen, aus schwarzen Löchern starrt das ausgeweidete Gebäude in die Gegend. «Under construction», erklärt unser Guide Tarchan – und beschreibt damit unwillentlich den Grundzustand dieses kleinen Landes.

Daher werden wir von Rektor Armen Sargsjan im Nebengebäude empfangen, wo bis zur Fertigstellung des zu renovierenden Hauptgebäudes auch die meisten Vorlesungen und Kurse stattfinden. Es ist 11 Uhr vormittags. Man tischt uns ein Sortiment an Backwaren sowie Maulbeerschnaps auf und erklärt die Fakten: 4 Jahre Bachelor, 2 Jahre Master, 3 Jahre PhD; 2600 Studierende; 500 Angestellte, davon 300 Dozenten; 5 Fakultäten: Naturwissenschaft, Geschichte und Recht, Wirtschaft, Sprach- und Literaturwissenschaft, Pädagogik und Sport; Schlafräume für 200 Studenten aus den ländlichen Gebieten; 500 bis 1000 US-Dollar Studiengebühren pro Jahr. Angesichts eines Medianeinkommens von knapp 300 USD pro Monat ist das nicht wenig, allerdings kennt die Uni ein flexibles, differenziertes Stipendiensystem, das sowohl Leistungen als auch Bedürfnisse berücksichtigt.

Studentenleben

Die fehlende Anerkennung der Republik Arzach erschwert oder verunmöglicht einiges, was für Universitäten essenziell ist: Austauschprogramme können nur in sehr beschränktem Ausmass mit ganz wenigen Unis durchgeführt werden, ein Anschluss ans Bologna-System ist unmöglich (trotzdem orientiert man sich daran), und internationale Forschungskooperationen existieren nicht. Dennoch ist man optimistisch und ambitioniert. Das zeigt vor allem das anschliessende Gespräch mit einer Gruppe von etwa 20 Studierenden. Sie loben das Studentenleben – es gibt Summercamps, Zeltlager, diverse weitere ausserschulische Aktivitäten: Im Rückblick auf die eigene Studienzeit, die wenig von Zusammengehörigkeitsgefühl geprägt war, macht das fast ein bisschen neidisch. Was schon beim Überqueren des Vorplatzes aufgefallen ist, wird in dieser Gruppe bestätigt: der drastische Frauenüberschuss. Zwei Gründe dafür sind schnell klar: Alle jungen Männer absolvieren von 18 bis 20 zwei Jahre Pflichtmilitärdienst und viele davon verfolgen danach eine berufliche Laufbahn ohne Ter­tiärausbildung. Und: Viele Männer studieren an der technischen «Universität» im benachbarten Schuschi. Die Frage, wie man mit der Diskrepanz umgehe, dass die jungen Frauen in Arzach scheinbar besser gebildet seien als die jungen Männer, während die Gesellschaft immer noch patriarchalisch und von traditionellem Familienbild geprägt sei, wird mit Unverständnis und Stirnrunzeln quittiert. Erstens sei da kein Bildungsgefälle, wenden die Studentinnen ein, als müssten sie die Männer verteidigen, und zweitens sei es ganz selbstverständlich, dass Frauen nach ihrer Ausbildung pragmatisch nach den besten beruflichen Chancen griffen, sei dies im In- oder im Ausland. Wir glauben es ihnen gerne – nur schon weil das meist perfekte Englisch beeindruckt.

Dass wohl doch nicht alles ganz so einfach ist, wird uns erst in den folgenden Tagen im Zuge weiterer Gespräche bewusst. Mehrmals wird uns ein dritter Grund für den Frauenüberschuss an der Artsakh State University angedeutet: Die wirklich vielversprechenden jungen Männer absolvierten ihre Tertiärausbildung meist direkt in der Grossstadt Jerewan. Eine Tochter «in der Ferne» ohne elterliche Obhut studieren zu lassen, sei dagegen für die meisten Familien undenkbar. Das Ausbildungsniveau in Jerewan ist deutlich höher, obwohl auch dort weder die staatliche Uni Jerewan noch die American University of Armenia in irgendeinem der internationalen Uni-Rankings (Top-1000) klassiert sind. Das wirft kein gutes Licht auf die Ausbildungsinhalte an der staatlichen Universität Arzach.

Postsowjetische, kreative und ländliche Schule

Die obligatorische Schule (9 Jahre, wie in der Schweiz) ist noch von gewissen sowjetischen Charakteristika geprägt. Hajk Abgarjan, Leiter des TUMO-Centers in Stepanakert, eines speziellen Freizeitprogramms für Kinder zwischen 12 und 18 Jahren, sagt: «Die staatliche Schule ist rigide, streng und ohne Förderung der Kreativität. Eben typisch postsowjetisch.» Nicht so TUMO – ein Projekt mit mehreren Ablegern in ganz Armenien, das uns schon aus Jerewan bekannt…

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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