Terrorkrieg und Schreckensherrschaft

Der «Islamische Staat» erscheint den Westlern als wilde Barbarenhorde. Doch der Schein trügt. Mit den Mitteln brutalster Gewalt verfolgen die Kämpfer eine rigide Strategie: Stufenweise soll der Schrecken des Kampfes zum Terror des Staates führen.

Terrorkrieg und Schreckensherrschaft
© Wolfrgang Sofsky

Sie überrannten die Millionenstadt Mosul, töteten tausende Christen und Schiiten und begannen, das Volk der Yesiden auszulöschen. Erst als Bilder von Massakern und Exekutionen auftauchten, wurde man in Europa auf den «Islamischen Staat» (IS) aufmerksam. Eine Zeitlang hielt man die Bewegung für eine Horde wilder Barbaren, angetrieben von blindem Fanatismus und tumber Mordlust. Mittlerweile zeigt sich, dass IS einer rationalen Strategie der Eroberung folgt, deren Kern der unbegrenzte Einsatz von Terror ist.

IS ist kein Netz von Einzelzellen, die unabhängig voneinander operieren, sondern ein militärischer Verband und eine parastaatliche Verwaltung in einem. Inmitten einer chaotischen Umwelt geht er strategisch koordiniert, aber taktisch flexibel vor. Vor Ort handeln die Milizen und Stosstrupps mit hoher Energie und Selbständigkeit. Die weiträumigen Eroberungszüge jedoch sind ohne ein zentrales Kommando undenkbar. Der gezielte Wechsel der Taktiken und die interne Dokumentation aller Aktivitäten erfolgt über eine Befehlshierarchie.

Der IS kämpft und regiert mit den Mitteln des Schreckens. Der Terrorkrieg meidet die direkte Konfrontation, kennt keine Konventionen und unterscheidet nicht zwischen Kombattanten und Zivilisten. Regelmässig geht der militärische Sieg in Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung über. Die Gesellschaft des «Kalifats» soll ethnisch und religiös homogen sein. Der Übergang vom Terrorkrieg zur politischen Schreckensherrschaft ist fliessend. Den militärischen Erfolg verdanken die Dschihadisten dem Elan des Manöverkriegs und beispielloser Brutalität, ihre Herrschaft stützt sich auf umfassende Repression. Gehorsam erlangt das Regime durch Angst, Indoktrination und Abschreckung. Es beruht auf drakonischer Polizeimacht und Justiz, Sozialfürsorge, Indoktrination und sexueller Sklaverei. Etabliert hat sich der ISim syrischen Rakka, einigen irakischen Gebieten sowie in der Provinz Aleppo. Unterstützt von regionalen sunnitischen Clans und Veteranen von Saddam Husseins alter Partei und Armee, regiert der IS ein Terrain von der Grösse Belgiens.

Insgesamt folgt die Eroberungsstrategie einem klassischen Phasenplan: Zermürben – Erstürmen – Säubern – Halten – Aufbauen.

 

I. Zermürbung

Die terroristische Zermürbung zielt auf die Kriegsräume, die noch nicht erobert sind. Keineswegs sind die Dschihadisten nur im syrisch-irakischen Grenzgebiet aktiv. Auch in Bagdad, Kerbela, im Libanon, in Jordanien und an der iranischen Grenze verüben sie Anschläge, um die lokale Obrigkeit auszuschalten, die Bevölkerung in Panik zu versetzen und Massenfluchten auszulösen. Vielerorts ist der Terror Alltag: improvisierte Anschläge, Selbstmordattacken mit Sprengstoffgürteln oder Autobomben, Attentate auf Märkte, heilige Stätten, Regierungsgebäude, Polizeistationen. Man legt Hinterhalte, setzt Scharfschützen ein, verschleppt Geiseln, um Lösegeld zu erpressen, befreit Insassen aus Gefängnissen. Die Zermürbung bereitet der Eroberung den Boden. Sie vermittelt den Einwohnern das Gefühl, dass der IS, obwohl noch unsichtbar, bereits allgegenwärtig sei. Der Terror zerstört das Vertrauen in die politische Ordnung und paralysiert die Gesellschaft durch Angst.

Sichtbar sind die Feinde dagegen bei der Belagerung einer Siedlung oder Stadt. Die Waffen der Belagerung sind Hunger, Durst und Elend. Das erspart den Dschihadisten eigene Verluste. Zu dieser Option griffen sie gegenüber den Yesiden in Sindschar, die erst durch die Intervention der PKK und der US-Airforce befreit wurden. Von Juni bis Ende August hielt der IS rund 12 000 Turkmenen in der Region Amerli umzingelt, bevor schiitische Milizen, iranische Revolutionsgardisten, kurdische Peschmerga und irakische Truppen, begleitet von Lufteinsätzen der USA, Grossbritanniens, Australiens und Frankreichs, den Belagerungsring sprengen und die Bevölkerung versorgen konnten. Wie die Yesiden ist die turkmenische Minderheit den Islamisten besonders verhasst. Als Schiiten gelten sie als Abtrünnige, die dem Tod geweiht sind.

 

II. Erstürmung

Bei Gegenwehr beginnt der Ansturm mit der Infiltration. Aus dem Nichts tauchen auf den Strassen schwarzmaskierte Trupps auf, ein Fanal, das sofort Panik auslöst. Den Frontalangriff von aussen schildern Augenzeugen häufig als überwältigenden Durchbruch. In der ersten Welle schlagen Selbstmordkommandos Breschen, bevor auf breiter Front die Fahrzeuge mit hohem Tempo heranrollen. Von den Toyota-Pick-ups, Humvees und Schützenpanzern wird wahllos mit Maschinenwaffen gefeuert. Obwohl es sich nur um motorisierte Infanterie handelt, die gelegentlich mit leichter Artillerie unterstützt wird, wirken Überraschung, Geschwindigkeit und Feuerkraft als massiver Überfall, der jeden Widerstand niederwalzt und die Verteidiger in die Flucht schlägt.

 

III. «Säuberung»

Während der «Säuberung» wechselt die Terrortaktik erneut. Weniger um die Austilgung von Widerstandsnestern geht es dabei als um die Vorbereitung der späteren Terrorherrschaft. Kommandos eilen von Haus zu Haus, rauben Frauen und Kinder oder zerren die Männer heraus. Wer sich nicht unterwirft, wird exekutiert, «Ungläubige» werden getötet. So erschossen die Dschihadisten im Juni in Tikrit rund 1700 schiitische Armeesoldaten binnen weniger Stunden. Doch ist das religiöse Bekenntnis nur ein «Selektionskriterium». Razzien, Massaker und Hinrichtungen sind meist wahllos. Im Massaker regiert das Gesetz des Exzesses. Ist der Widerstand gebrochen, hält nichts die Gewalt auf. Sie schlägt in Grausamkeit um, in Gewalt um ihrer selbst willen. Der Terror lässt den militärischen Kalkül der Eroberung hinter sich und wird zu absoluter Gewalt, zu einem Machtrausch des Tötens, Metzelns, Vergewaltigens. Die Schergen haben freie Hand. Aber am Siegesfest der Grausamkeit beteiligen sich oft auch Einheimische mit besonderer Inbrunst. Die demonstrativen Mordtaten haben einen willkommenen Effekt: Sie stärken die «unbesiegbare» Gemeinschaft der Mörder, und die Nachrichten und Bilder schüchtern künftige Opfer ein. Der Ruf des Schreckens eilt den Truppen voraus und lockt neue Gefolgsleute an, die es ihnen gleichtun wollen.

 

IV. Halten

Um ein Gebiet zu halten, verlässt sich der IS auf ein Netz von Kontrollposten, befestigten Kreuzungen und Gebäuden. Die Razzien und Massaker haben jede Gegenwehr im Keim erstickt. Nun erpressen die Gotteskämpfer Informationen, verpflichten Kollaborateure und unterwerfen die lokalen Anführer. Zu den ersten Massnahmen gehört stets die Kontrolle der Öffentlichkeit und die symbolische Besetzung des Raums durch eine grosse Siegesparade. Sie führt auch dem letzten Einwohner die unbezwingbare Übermacht vor Augen. Rechnen die Islamisten mit einem Gegenangriff, konzentrieren sie sich auf die Befestigung; sonst beginnt der geregelte Übergang von der militärischen Operation zur institutionalisierten Herrschaft.

 

V. Aufbau

Die Veralltäglichung des Schreckens dient dem Aufbau einer theokratischen Terrorherrschaft. Nun kommen auch zivile Akteure zum Zuge: Kleriker, Lehrer, Polizisten, Schreibkräfte, Beamte. Propagandazentren werden eingerichtet, Religionsschulen, Gerichte und Gefängnisse. Die Religionspolizei sorgt für Überwachung und prompte Bestrafung, für ein Klima der Angst und Denunziation. Der Terror des Krieges weicht dem Terror des Staates. Für das Management der Versorgung und Verwaltung, den Betrieb von Wasserwerken, Staudämmen, Pumpstationen, Krankenhäusern, Bäckereien, Märkten, Schulen fehlt dem IS meist die Sachkenntnis. Deswegen greifen die Dschihadisten auf einheimische Fachkräfte zurück. Der IS zahlt die Gehälter an die Angestellten und die Pensionen an die Witwen der Kämpfer.

Die Kriegsstrategie des «Islamischen Staates» ist nicht neu. Sie verknüpft bewährte Konzepte des bewaffneten Aufstandes mit älteren Vorbildern nomadischer Reiterarmeen und den neueren Methoden islamistischen Terrors. Das Personal stammt hauptsächlich aus Irak, Syrien, Libyen und Tschetschenien, ergänzt durch tausende Konvertiten und Aktivisten aus USA, Europa und Pakistan. Zulauf erhielt der IS anfangs von Kriminellen, die Assad aus syrischen Gefängnissen freiliess, damit sie gegen die säkulare Opposition vorgingen. Für die Selbstmordkommandos in den irakischen Städten setzte man meist junge Ausländer ein. Geschätzt werden die Kampftruppen auf 20 000 bis 50 000 Mann. Die Verbände verfügen über moderne Fahrzeuge und Waffen aus irakischen und syrischen Beständen. Die missionarische Kampfmotivation erlaubt eine flexible Auftragstaktik im Rahmen einer koordinierten Gesamtstrategie. Sie verkraftet auch hohe Verluste in den eigenen Reihen.

Solange sich der IS in einem Machtvakuum bewegte und von Sieg zu Sieg voranstürmte, befeuerte der Elan den Elan. Die Islamisten hielten sich für unverwundbar. Mittlerweile mussten sie einige Rückschläge hinnehmen. Sobald sie in die Defensive geraten, nutzen sie eine weitere Taktik des Terrors: Sie verschanzen sich in Zivilgebäuden, in Krankenhäusern, Moscheen, Schulen, verstecken sich also hinter dem Schutzschild unbeteiligter Zivilisten. Diese Taktik hat sich in Afghanistan oder in Gaza vielfach bewährt. Sie verstrickt die Angreifer in ein unauflösbares Dilemma. Der Terrorverband ist nur zu bezwingen, indem man zugleich dessen Opfer angreift. So infiziert der Schrecken auch die Kriegspartei, die ihm entschlossen entgegentritt.

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
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Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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