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Adriel Jost, zvg.

Die Zuwanderung ist die wahre Inflation der Schweiz – ein Zeichen einer überhitzten Wirtschaft

Obwohl die Wirtschaft wächst und der Fachkräftemangel anhält, steigen die Löhne in der Schweiz nur zaghaft. Ein Grund: Die expansive Geldpolitik der Nationalbank stimuliert in erster Linie die Zuwanderung. Zeit, die Rolle der SNB neu zu denken.

Die Schweiz ist attraktiv – sowohl für Unternehmen als auch für Arbeitskräfte. Haben Arbeitgeber und Arbeitnehmer freien Zugang zur Schweiz, strömen beide ins Land. Dementsprechend wachsen Wirtschaft und Bevölkerung.

Offene Grenzen bedeuten, dass das Arbeitsangebot kaum beschränkt ist. Besteht eine Nachfrage nach Arbeitskräften, kann diese Nachfrage gedeckt werden. Die Personenfreizügigkeit mit der EU öffnet den Zugang zu einem Pool von gut 200 Millionen Arbeitskräften. Kontingente für Personen aus Drittstaaten ausserhalb der EU schaffen ein zusätzliches Angebot.

Es ist eine politische Entscheidung, ob der Wirtschaft der freie Zugang zu Arbeitskräften ermöglicht wird. Aus liberaler Sicht haben alle Lösungen zur Beschränkung der Immigration wie Kontingente oder Abgaben einen faden Beigeschmack. Es sind staatliche Eingriffe in die Wirtschaft, die Liberale normalerweise kritisch beäugen.

Doch es gibt einen Kanal, in dem der Staat die Zuwanderung unbewusst aktiv fördert: die Geldpolitik. Die Zuwanderung in den Arbeitsmarkt basiert auf der Nachfrage von inländischen Unternehmen nach Arbeitskräften. Offene Stellen werden von Zuwanderern besetzt. Die Nachfrage stammt von einer Wirtschaft, die wachsen möchte.

Die Geldpolitik wiederum beeinflusst diese Nachfrage nach Arbeit. Wenn die Schweizerische Nationalbank ihre Zinsen senkt, macht sie dies mit dem Ziel, dass die Kreditaufnahme günstiger wird. Wenn sie am Devisenmarkt interveniert, um den Franken zu schwächen, hilft dies Exportunternehmen beim Verkauf ihrer Güter und Dienstleistungen im Ausland. Beides fördert die Nachfrage nach Arbeitskräften im Inland.

Angebot schafft Nachfrage

Die SNB orientiert sich dabei in erster Linie an der Teuerung. Sinkt die Inflationsrate oder fällt sie gar unter null, verteuert das tendenziell die Arbeit. Denn während Löhne nicht sinken können – Lohnsenkungen sind bei Arbeitnehmern kaum durchzusetzen –, sinken die Verkaufspreise, welche die Unternehmen verlangen können. Kommt die SNB zum Schluss, Unternehmen das Leben zu erleichtern, greift sie ein, senkt die Zinsen oder interveniert am Devisenmarkt. Das Ziel ist, dass damit die Preise wieder (leicht) steigen.

Das Problem dabei: Die moderne Theorie der Geldpolitik rechnet damit, dass Stimulusmassnahmen über kurz oder lang zu einer Vollauslastung der Kapazitäten und damit zu steigenden Löhnen führen. Doch dies gilt nur bei einem beschränkten Arbeitsangebot. Dann würde die Arbeitslosigkeit tatsächlich sinken und ein Niveau erreichen, bei dem Arbeitskräfte knapp werden. Unternehmen müssten sich bemühen, Arbeitskräfte zu finden, und die Löhne erhöhen.

In einem Land mit offenen Grenzen ist aber keine solche Entwicklung zu erwarten, sondern eine erhöhte Zuwanderung, welche die zusätzliche Nachfrage nach Arbeitskräften deckt. Nicht die Inflation zeigt somit an, wann die Geldpolitik zu einer Überhitzung führt, sondern die Zuwanderungsraten.

Das erhöhte Angebot an Arbeitskräften schafft dabei selbst wieder zusätzliche Nachfrage. Ein nach dem französischen Ökonomen Jean-Baptiste Say benanntes Gesetz besagt, dass jedes Angebot sich selbst seine Nachfrage schafft. Dies ist hier genau der Fall: Zuwanderung ist kein Nullsummenspiel. Neue Arbeitskräfte erzeugen neue Nachfrage, weil jeder Zuwanderer sein Einkommen ausgibt. Der Kuchen wird grösser.

Kurz: Die SNB schafft mit geldpolitischen Impulsen Nachfrage nach Arbeitskräften. Die Zuwanderung liefert das Angebot an Arbeitskräften zum gleichen Preis. Und das neue Angebot schafft neue Nachfrage. Dies erklärt die Entwicklung der letzten Jahre, in denen trotz Fachkräftemangel die Löhne eher bescheiden gestiegen sind und trotz hoher Zuwanderung weiterhin ein grosser Bedarf an Fachkräften besteht.

«Nicht die Inflation zeigt an, wann die Geldpolitik zu einer Überhitzung führt, sondern die Zuwanderungsraten.»

Dauerhaft im Krisenmodus

Sollte die SNB sich nun um Zuwanderung kümmern? Die SNB betont zu Recht, dass es ihr gesetzliches Mandat sei, im «Gesamtinteresse des Landes» zu handeln. Dies ist aber einfacher gesagt als getan. Die Verteilungswirkungen von geldpolitischen Themen sind komplex. Dies gilt besonders für die Migration.

Um dem Gesamtinteresse des Landes zu dienen, richtet die SNB ihren Fokus auf die Preisstabilität. Solange die Inflation tief ist, hat sie ihre Aufgabe erfüllt. Doch wenn die klassischen Preissignale aufgrund des grossen Arbeitsangebots ausgeschaltet sind, stellt dies die Nationalbank vor Probleme. Ihre Politik ist dann darauf ausgerichtet, die gesamte Wirtschaft wachsen zu lassen, indem sie mit geldpolitischen Impulsen andauernd das Potenzialwachstum erhöht. Doch ist dies tatsächlich der Auftrag?

Wenn die SNB nur auf die tiefe Inflation schaut, ist sie dauerhaft im Krisen- und Unterstützungsmodus. Unternehmen nehmen die Unterstützung natürlich gerne an, vergrössern ihr Geschäft und finden im Ausland die dazu benötigten Arbeitskräfte. Ob dieses Breitenwachstum aber tatsächlich im Sinne der Schweizer Bevölkerung ist, müsste politisch entschieden werden.

Die SNB hätte aber auch ein eigenes Interesse daran, Zuwanderungsfragen zu beachten. Haben die geldpolitischen Massnahmen zu starke Verteilungswirkungen, bringt das die Gefahr einer Politisierung der SNB. Auch können Spannungen auf dem Wohnungsmarkt die Finanzstabilität und soziale Unstimmigkeiten die Fiskalpolitik beeinflussen, zum Beispiel indem die Schuldenbremse ausgeschaltet wird, was letztlich der Unabhängigkeit der Geldpolitik schadet. Auch kann die Zuwanderung zu einer Anpassung der geldpolitischen Präferenzen führen. Geldpolitische Präferenzen werden durch die Kultur mitbestimmt. Eine Mentalität, die eine tiefe Inflation bevorzugt, ist bei anhaltender Zuwanderung beispielsweise nicht garantiert.

«Wenn die SNB nur auf die tiefe Inflation schaut, ist sie dauerhaft im Krisen- und Unterstützungsmodus.»

Eine Feinsteuerung der Zuwanderung kann die SNB nicht vornehmen. Dafür sind ihre Instrumente viel zu ungenau. Auch darf ihr Einfluss auf die Wirtschaftsentwicklung nicht überschätzt werden: Faktoren wie die ausländische Konjunktur oder Rohstoffpreise spielen ebenfalls eine grosse Rolle.

Die Arbeitslosigkeit in den Blick nehmen

Möchte die SNB aber auf die Zuwanderung Rücksicht nehmen, gäbe es eine Möglichkeit. Statt allein auf die Inflationsraten zu fokussieren, könnte sie sich – solange der Kaufkrafterhalt des Frankens gegeben ist – vermehrt an der Arbeitslosenrate orientieren. Liegt die Arbeitslosigkeit nahe der Rate, die strukturell zu erwarten ist, braucht die Wirtschaft keine zusätzliche Unterstützung. Die SNB müsste die Zinsen nicht gegen null oder gar ins Negative senken und könnte auf Deviseninterventionen verzichten. Im Gegenteil könnte sie die Zeit nutzen, um ihre Bilanz mit Devisenverkäufen zu verkleinern. Heute unterstützt die SNB die Wirtschaft trotz tiefer Arbeitslosigkeit weiter, weil die Inflation tief ist, und hält so die Nachfrage nach Arbeitskräften hoch.

Die Zuwanderung ist die wahre Inflation der Schweiz – ein Zeichen einer überhitzten Wirtschaft. Unsere Wirtschaft bräuchte aber keine künstliche Unterstützung durch den Staat. Die Zuwanderung durch weniger geldpolitische Unterstützung zu dämpfen hat darum einen entscheidenden ordnungspolitischen Vorteil. Es ist eine Massnahme, in der sich der Staat zurücknimmt – im Gegensatz zu allen anderen diskutierten Vorschlägen, wie die Zuwanderung zu begrenzen sei.

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