Die Institution mit den sieben Siegeln
Paul Tucker, zvg.

Die Institution mit den sieben Siegeln

Zentralbanken umweht ein Hauch von moderner Magie. Doch in der nächsten Rezession könnten sie mit heruntergelassenen Hosen dastehen.

 

Es lässt sich kaum leugnen: Zentralbanken stehen zunehmend von allen Seiten unter Beschuss, insbesondere seit letztem Jahr. US-Präsident Trump verkündete: «Die Fed ist verrückt geworden!» Italienische Spitzenpolitiker wollten, dass in der Italienischen Nationalbank nach ein paar vermeidbaren Bankenrettungen die Köpfe rollen. Der Gouverneur der Indischen Notenbank trat angesichts steigender politischer Ansprüche von Seiten der Regierung zurück. Die britischen Brexit-Anführer nannten den Gouverneur der Bank of England, Mark Carney, «einen gescheiterten Politiker zweiten Ranges». Innerhalb und ausserhalb akademischer Kreise fordert die politische Linke in Büchern und Pamphleten, dass Zentralbanken eine grössere Rolle im Kampf um Ungleichheit und andere Ungerechtigkeiten spielen und «den Menschen dienen sollen»; zeitgleich suchen Libertäre ihr Heil in privat ausgegebenen Kryptowährungen, während Zentralbanken selbst darüber nachdenken, ob sie nicht eine grössere Rolle bei der Bekämpfung des Klimawandels spielen sollen.

Was ist überhaupt eine Zentralbank?

Es ist schwierig, aus dieser hochkochenden Debatte Sinn zu ziehen, ohne eine mindeste Ahnung davon zu haben, was eine Zen­tralbank überhaupt ist. Viele Menschen würden wohl sagen, dass die Zentralbank eine staatliche Einrichtung sei, welche die Geldmenge kontrolliere und damit mittel- bis langfristig über die Teuerung von Gütern und Dienstleistungen bestimme, die wir, die Haushalte, konsumierten. Das stimmt natürlich, aber es lässt die enorme Macht heutiger Zentralbanken im Dunkeln: Sie haben das eigentliche Sagen und ihr freies Schalten und Walten stellt den demokratischen Verfassungsstaat vor Herausforderungen. Wie also wurden sie, was sie heute sind?

Verglichen mit anderen Teilbereichen staatlicher Macht – Legislative, Judikative, das Militär – sind Zentralbanken junge Institutionen. Es gibt sie seit dem 17. Jahrhundert in Holland, Schweden und England. Jahrhunderte davor haben Monarchen und Republiken Münzen geprägt und sind dabei nicht selten der Verführung erlegen, den Geldwert zu senken, indem sie den Anteil von Gold, Silber oder anderen Edelmetallen verringerten. Mit dem Aufblühen des Handels während der Aufklärung schufen private Bankinstitute eine neue Art von Geld: private Schuldpapiere, welche die Bank auf Verlangen in offizielles Geld umzutauschen versprach. In dieser neuen Welt wurden Zentralbanken zu Bankern der privaten Banken und des Regenten, sie halfen dabei, Dynastien zu erhalten und Kriege gegen revolutionäre Bestrebungen zu finanzieren. Damit standen sie im Zentrum des Geld- und Kreditsystems, wie wir es seit dem 18. Jahrhundert kennen.

Der Wert des Zentralbankgeldes war bis gut in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein durch den Goldstandard gesichert. Die politische Priorität der Regierungen bestand in der externen Umtauschbarkeit und Stabilität der nationalen Währungen, was gutsituierten Haushalten und Geschäftsbetrieben in eigentumsbasierten Demokratien zugutekam. Doch als die Demokratie der Regierungsstandard im frühen 20. Jahrhundert wurde, verlor der Goldstandard an politischer Tragfähigkeit – Preisstabilität konnte er noch garantieren, doch er sorgte auch für mehr Volatilität in der nationalen Wirtschaft und auf dem Arbeitsmarkt, als die Öffentlichkeit zu dulden bereit war. Die Menschen wollten Stabilität und verlässliche Konjunkturzyklen zugleich.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dies eine Zeitlang über das hybride internationale Geldsystem erreicht, das als Bretton-Woods-System bekannt ist. In diesem System waren europäische Währungen de facto an den Dollar gebunden und der Dollar wiederum an Gold. Doch unter dem Druck der…

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