Die Auferstehung der Schweizer Uhrenindustrie – eine kapitalistische Weihnachtsgeschichte
Japanische Quarzuhren brachten die Branche an den Rand des Untergangs. Dann hauchten ihr zwei Unternehmer neues Leben ein – mit ganz unterschiedlichen Strategien.
Der vorliegende Text ist zuerst auf Englisch auf der Plattform Works in Progress erschienen.
Es ist April 1984. Zwei Männer schlafen auf einem Parkplatz in Basel. Jeden Morgen verlassen sie ihren geliehenen VW Westfalia und waschen sich in den Bahnhofstoiletten. Danach gehen sie zu ihrem neuen Stand an der Basler Uhrenmesse, dem Höhepunkt im Jahreskalender der Branche.
Ihr Stand ist ungewöhnlich: Sämtliche Vitrinen sind leer. Mit nur zwei Modellen im Gepäck zeigt man am besten gar nichts. Stattdessen konzentrieren sich die beiden darauf, die grossen und einflussreichen Köpfe der Schweizer Uhrenwelt anzusprechen. Wenn jemand nach ihrer Unterkunft fragt, antworten sie: im Hilton.
Die beiden sind Jacques Piguet, der Spross einer Uhrmacherfamilie, und Jean-Claude Biver, ein frustrierter Ex-Manager von Omega.

Ihr Plan: Blancpain wiederbeleben, eine Marke, die sie 1981 erworben, aber noch nicht wieder zum Leben erweckt hatten.
Ein kühnes Vorhaben, denn die Schweizer Uhrenindustrie befindet sich im freien Fall, aus dem Gleichgewicht gebracht durch eine neue Technologie, die Quarzuhr, welche die traditionellen Schweizer Uhrmacher an den Rand der Bedeutungslosigkeit gedrängt hat.
Japanische Fabriken spucken Uhren aus, die schneller, billiger und präziser sind, als es die Schweizer Mechanik je sein könnte. Mehr als die Hälfte der Schweizer Uhrenfirmen verschwindet. Zwei Drittel aller Arbeitsplätze gehen verloren. Doch die Schweizer Uhrmacherei ist noch nicht tot, und eine Handvoll Menschen steht kurz davor, sie vor der Bedeutungslosigkeit zu retten.
Von der Stadt in die jurassischen Berge
Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherei beginnt in Genf in den 1540er-Jahren. Auf Geheiss von Jean Calvin verhängte die Stadt ein Verbot für Schmuck, dessen Herstellung die Genfer Kunsthandwerker bislang ernährt hatte. Ein Schlupfloch jedoch blieb bewusst offen: Zeitmesser, diese ausgesprochen praktischen und protestantischen Geräte, durften weiterhin getragen werden. Ihrer alten Absatzmärkte beraubt, sattelten die Handwerker um, unterstützt von aus Frankreich und Italien geflohenen Glaubensflüchtlingen.
Trotz Calvins strenger Vorschriften blieben Uhren zunächst eher Kuriositäten als Notwendigkeiten. Als der Mathematiker und Astrologe Thomas Allen um 1600 seinen Freund Sir John Scudamore besuchte und seine Uhr mitnahm, hielt eine Magd das Ticken für das Werk des Teufels und warf sie kurzerhand aus dem Fenster.
Zeit wurde damals noch in einer Mischform gemessen: Einträge wie «ein Uhr» in Tagebüchern standen neben Hinweisen auf die erste Gebetsstunde nach Tagesanbruch oder auf das Abendgebet. Nur wenige besassen Uhren; die meisten orientierten sich an öffentlichen Turmuhren oder Sonnenuhren, wobei jede Stadt hartnäckig ihre eigene Sonnenzeit beibehielt. Präzise Zeitmessung war nur für die wichtigsten Momente reserviert, allen voran Geburt und Tod. Für alles andere genügten Zeitangaben mit der Präzision von einem halben Tag, vielleicht einem Viertel, wenn man es genau nehmen wollte.
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts änderte sich etwas Grundlegendes: Industrialisierung und Navigation verlangten nach deutlich höherer Genauigkeit. Unterstützt durch die Erfindung der Pendeluhr durch den Niederländer Christiaan Huygens im Jahr 1656, wanderten Uhren von Kirchtürmen an die Wohnzimmertüren: Zwischen 1740 und 1780 verzeichnen Nachlassregister in Bristol mehr Uhren als Spiegel.
Als Uhren klein und zuverlässig genug wurden, um sie mit sich zu tragen, entstanden florierende Werkstätten in London, Paris und Amsterdam. Die Nachfrage überstieg rasch die Kapazitäten, sodass viele Uhrmacher auf ein bewährtes Geschäftsmodell zurückgriffen: Auslagerung der Produktion. Genf wurde zum grossen Profiteur. Um 1760 beschäftigte die Stadt rund 800 Meister mit etwa 4000 Arbeitern und stellte jährlich rund 85 000 Zeitmesser her.
Auf den ersten Blick war Genfs Uhrenboom ein Triumph. Doch in den Werkstätten kamen die Handwerker kaum nach mit der Produktion. Die Lösung fanden sie ausserhalb der Stadtmauern, an einem unerwarteten Ort: in den abgelegenen Bergdörfern des Juras, wo lange Winter und günstige Arbeitskräfte ideale Bedingungen boten. Dort arbeiteten die Handwerker länger, verdienten weniger und machten die Uhrmacherei zur Familientradition, welche die Genfer Produktion bald übertraf.
Der französische Uhrmacher Frédéric Japy führte eine Reihe spezialisierter Werkzeuge ein – von Hohlspindeldrehbänken über mehrrädige Zahnradfräsmaschinen bis zu besonderen Stanzpressen (ein Verkaufsargument war, dass Kinder sie problemlos bedienen konnten) – und ebnete damit den Weg für echte Massenproduktion in der Region um Le Locle, La Chaux-de-Fonds und Neuenburg.
Das wachsende Angebot traf im 19. Jahrhundert auf eine ebenso wachsende Nachfrage, vor allem aufgrund der Standardisierung der Zeit. 1847 empfahl die britische Railway Clearing House, alle Bahnhöfe auf London Time zu synchronisieren, gestützt auf das Observatorium in Greenwich. In den 1870er-Jahren folgten kommerzielle Zeitzonen und ebneten den Weg für die weltweite Anerkennung (mit Ausnahme Frankreichs) der Greenwich Mean Time als Nullmeridian im Jahr 1884.
Mit dem Aufkommen günstigerer Uhren, insbesondere durch amerikanische Hersteller wie Ingersoll, der 1895 die erste Dollar-Uhr auf den Markt brachte, verbreitete sich der Besitz. Gemäss dem Historiker Alun Davies importierte Grossbritannien zwischen 1909 und 1913 rund 17 Millionen Uhren – fast eine pro erwachsenen Mann.
32 768 Schwingungen pro Sekunde
Die Schweizer waren die ersten und grössten Gewinner des neuen Zeitalters der Zeitmessung. Um 1870 beherrschten sie bereits mehr als zwei Drittel der weltweiten Uhrenproduktion. Ab 1907 gewannen Schweizer Uhren jedes Jahr den ersten Preis in der Taschenuhrenkategorie der britischen Chronometerwettbewerbe in Kew. Diese Erfolge beruhten auf fortschrittlichen Hemmungen, feinerer Finissierung und Guillaume-Unruhen, denen Temperaturschwankungen nichts anhaben können. Wenige Jahrzehnte später, 1945, stammten über 80 Prozent aller weltweit verkauften Uhren aus der Schweiz.
Doch just in dem Moment, als die Schweizer Uhrmacherei ihren Höhepunkt erreichte, kündigte sich eine Konkurrenztechnologie an: die Quarzuhr, erstmals 1927 durch eine raumgrosse Kristalluhr bei Bell Labs vorgeführt und später von Seiko im Forschungszentrum im japanischen Suwa verfeinert, miniaturisiert und perfektioniert.
Eine mechanische Uhr funktioniert mit einem straff gewickelten Metallband, der Zugfeder. Beim Entspannen treibt sie eine Reihe präzise geschnittener Zahnräder an, die ihre Energie an ein kleines mechanisches Herz weitergeben: das Hemmwerk. Dieses überträgt die Kraft auf eine Unruh, die mit konstanter Frequenz schwingt und mit jedem Ausschlag ein Zahnrad freigibt. Dadurch wird die ungleichmässige Kraft der Zugfeder in gleichmässige, stabile Takte verwandelt.
Dieses komplexe System hat sich über Jahrhunderte entwickelt, doch im Kern beruht es darauf, dass winzige physische Objekte gegen andere physische Objekte stossen. Daran hat sich seit den ersten mechanischen Uhren des 14. Jahrhunderts in Kathedralen wie St. Albans, Norwich, Salisbury oder Wells wenig geändert.
1880 jedoch machten die Physiker Pierre und Jacques Curie eine bemerkenswerte Entdeckung: Leitet man elektrische Spannung auf bestimmte Kristalle, insbesondere Quarz, beginnen sie mit äusserst präziser Frequenz zu schwingen. Sie nannten dies den piezoelektrischen Effekt.
In einer Quarzuhr sitzt in jedem Werk ein solcher piezoelektrischer Kristall, exakt geschliffen, um bei einer fest definierten Frequenz zu oszillieren. Moderne Quarzkristalle schwingen genau 32 768-mal pro Sekunde. Der Kristall wird zwischen zwei Elektroden montiert und in einem schützenden Gehäuse versiegelt.
Eine Batterie leitet elektrischen Strom durch den Kristall und löst den piezoelektrischen Effekt aus. Die Elektroden erfassen die Schwingungen und leiten sie an einen integrierten Schaltkreis weiter.
Fünfzehn elektronische Teiler halbieren die Frequenz Schritt für Schritt: Aus 32 768 werden 16 384, dann 8192, 4096 und so weiter, bis ein einziges Taktsignal pro Sekunde übrigbleibt. Dieses Signal wird von einem Schrittmotor empfangen, und das Display deiner Casio F-91W springt um eine Sekunde weiter.
Millionen von Rechenoperationen laufen in Sekundenbruchteilen ab. Deshalb weichen Quarzuhren pro Monat nur wenige Sekunden ab, während selbst die besten mechanischen Luxusuhren täglich einige Sekunden verlieren. Gleichzeitig ist das Werk massenproduzierbar und kostet im Grosshandel kaum mehr als einen Dollar. Die Preise von PC21-Quarzwerken beginnen bei etwa 60 Cent pro Stück.
So teuer wie ein Toyota Corolla
Als Seiko 1969 die Astron vorstellte, die erste seriengefertigte Quarzarmbanduhr, war eine solche Präzision noch exotisch und atemberaubend teuer.
Die Uhr war das Ergebnis jahrzehntelanger Entwicklung. Zuerst kamen marine Chronometer, dann komplexe Mehrinstrumentensysteme. Doch der eigentliche Durchbruch war eine Quarzarmbanduhr. Die Schweizer hatten in den 1960er-Jahren ein industrielles Labor in Neuenburg eingerichtet, um die Technologie zu erforschen, verfolgten sie jedoch bei weitem nicht so beharrlich wie Seiko.
Obwohl die Astron hundertmal präziser war als jede andere Uhr ihrer Zeit, kostete sie 1250 Dollar (was heute knapp 11 000 Dollar entspräche). Damit lag ihr Preis ungefähr auf dem Niveau des ersten Toyota Corolla, der drei Jahre zuvor eingeführt worden war. Was Seiko jedoch abheben sollte, war die Geschwindigkeit, mit der das Unternehmen in den folgenden Jahren innovierte.
In den 1970er-Jahren reduzierte Seiko den Energiebedarf drastisch, von rund 30 Mikrowatt der Astron auf etwa 3 Mikrowatt, dank energiesparender Schaltungen und effizienteren Kristallen. Das Unternehmen führte LCD-Anzeigen ein, verringerte die Dicke des Uhrwerks von über fünf Millimetern auf weniger als einen und konnte aufgrund dieser Fortschritte die Verkaufspreise auf zwei bis drei Prozent des Astron-Preises senken. Gleichzeitig packten die Entwickler alles an Funktionalität in die Uhren, was möglich war: Kalender, Stoppuhren, mehrere Alarme und Taschenrechner. Die ersten beiden Funktionen sind in mechanischen Uhren schwer umzusetzen, die letzteren beiden nahezu unmöglich.
Für die Schweiz kam es noch schlimmer: Seiko lizenzierte seine wichtigsten Quarzpatente an andere Hersteller. Ein strategischer Zug, der globale Standards setzen, die Verbreitung beschleunigen und Seikos Vorsprung zementieren sollte. Das Ergebnis war eine Flut japanischer Konkurrenten, insbesondere Citizen und Casio, die beide 1974 ihre ersten Quarzuhren einführten. Begünstigt durch extrem vorteilhafte Wechselkurse verdreifachte sich die japanische Uhrenproduktion: von knapp 24 Millionen Stück im Jahr 1970 auf fast 90 Millionen am Ende des Jahrzehnts.
1977 war Seiko das umsatzstärkste Uhrenunternehmen der Welt. 1980 hatte Japan die Schweiz als grössten Uhrenproduzenten überholt. Zwischen 1974 und 1983 brach die Schweizer Produktion von 96 auf 45 Millionen Stück ein, während die Beschäftigung kollabierte: von 89 000 Arbeitsplätzen 1970 auf nur noch 33 000 im Jahr 1985.
Selbst die überzeugtesten Bewunderer der Schweizer Uhrmacherei gaben der Branche die letzte Ölung. Im Jahr 1983, als Piguet und Biver ihre Marke lancierten, veröffentlichte der Historiker David Landes sein Werk «Revolution in Time», eine Geschichte der mechanischen Uhrmacherei, in einem bemerkenswert elegischen Ton: «Der Zeitmesser mit Quarz ist dem mechanischen in Präzision und Preis überlegen und wird zwangsläufig siegen. Hier eröffnet sich eine seltene Gelegenheit, Geburt, Reife und Obsoleszenz eines bedeutenden Industriezweigs zu studieren.»
Eine Seiko-Werbung jener Zeit fasste es noch knapper: «Eines Tages werden alle Uhren so gebaut sein.»
Ein Lord der Zeit
Vor der Quarzrevolution war Omega nahezu synonym mit hochwertigen Uhren. Eine Entscheidung von 1962 sollte das Prestige der Marke unsterblich machen: Omega bewarb sich auf eine geheime, technisch anspruchsvolle Ausschreibung eines unbekannten Auftraggebers. Der unbekannte Auftraggeber war die Nasa.

Und als Neil Armstrong und Buzz Aldrin auf dem Mond landeten, trugen sie Omega-Speedmaster.
Doch mit der Quarzuhr rutschte Omega in die Krise. Statt sich entweder ganz auf mechanische Uhren zu konzentrieren oder konsequent auf Quarz umzusteigen, versuchte das Unternehmen beides gleichzeitig. Das Resultat war eine unüberschaubare Modellvielfalt von rund 2000 Referenzen im Jahr 1980. Der Absatz brach ein, Führungskräfte verliessen das Unternehmen.
Einer von ihnen war Jean-Claude Biver. Der gebürtige Luxemburger war ein besessener Uhrensammler, der zuvor bei Audemars Piguet und Omega gearbeitet hatte. In dieser Zeit entwickelte er eine Überzeugung: Die Schweizer Uhrmacherei kann nur überleben, wenn sie Quarz konsequent ablehnt und sich kompromisslos auf hochwertige, handgefertigte mechanische Uhren konzentriert.
Biver wusste, dass Omegas Mutterkonzern SSIH verzweifelt versuchte, ungenutzte Marken zu veräussern. Also tat er sich 1981 mit Jacques Piguet zusammen, dessen Familienfirma gerade auf Quarz umrüstete, und kaufte Blancpain, eine traditionsreiche Marke, die von über 200 000 verkauften Uhren im Jahr 1971 an den Rand der Bedeutungslosigkeit abgestürzt war. Der Preis: 22 000 Franken (etwa 44 000 Dollar nach heutigem Wert).
Mit Blancpain im Gepäck zogen Biver und Piguet sich in ein Bauernhaus in den Schweizer Bergen zurück. Ihre Strategie war einfach: Blancpain als Inbegriff des Handgemachten, Menschlichen und Kunsthandwerklichen positionieren, flankiert von einem provokanten Slogan aus Bivers Feder: «Seit 1735 gibt es bei Blancpain keine Quarzuhren. Es wird auch nie welche geben.»
Für Biver waren Uhren nicht primär Werkzeuge, sondern Kunstobjekte. Sie dienten nicht bloss dazu, die Zeit anzuzeigen, sondern sollten etwas über die Trägerin oder den Träger aussagen. Dieser Gedanke bildet heute das Fundament der gesamten modernen Luxusuhrenindustrie. Damals war er revolutionär.
«Für Biver waren Uhren nicht primär Werkzeuge, sondern Kunstobjekte. Sie dienten nicht bloss dazu, die Zeit anzuzeigen, sondern sollten etwas über die Trägerin oder den Träger aussagen»
Die meisten Prestigeuhren jener Zeit vermarkteten sich vor allem als funktionale Instrumente – eine Folge der Tatsache, dass der Massenmarkt für Armbanduhren bei Männern nicht in Friedenszeiten, sondern im Krieg entstanden war. Das Werkzeug musste funktionieren, unter allen Bedingungen. Je spezieller die Uhr, desto wichtiger der Auftrag. Daher war in den 1950er-Jahren General Eisenhower die ideale Werbefigur für Rolex und daher Werbesprüche wie: «Wenn ein Mann die Welt in den Händen hält, erwarten Sie eine Rolex an seinem Handgelenk.»
Diese utilitaristische Vorstellung wirkte bis weit in die 1980er-Jahre hinein. Abgesehen von einigen flachen Dressuhren bezog hochwertige Uhrmacherei ihr Prestige aus ihrer Leistungsfähigkeit: eine Sättigungstiefe überstehen, einen Flug messen, Geschwindigkeiten mit einer Chronografenlünette bestimmen. Die Rolex Submariner, die Sean Connery in «Goldfinger» trug, mag heute ikonisch sein – damals war sie Standardausrüstung für Taucher der Royal Navy. Und hätte Bond seine Uhr selbst gekauft, hätte ihn das kaum zwei Wochenlöhne gekostet.
Biver erkannte, dass in einer Welt, in der Maschinen dominierten, das Werk menschlicher Hände einen einmaligen Wert darstellen würde. Er drehte die Präzision des Quarzes gegen sich selbst: «Diese berühmte Quarzpräzision wird zweitrangig. Wen kümmert eine Genauigkeit auf ein Viertel einer Sekunde im Alltag? Wie ein bekannter italienischer Händler seinen Kunden erklärte: Sie sind ein Lord, und ein Lord braucht nicht die exakte Zeit.»
Die Resultate liessen nicht lange auf sich warten: 1985 setzte Blancpain knapp 9 Millionen Franken um, 1991 bereits 56 Millionen. Im Vergleich zu den grossen Luxusmarken waren das bescheidene Zahlen. Doch es war ein moralischer Sieg. Der emotionale Wert der Schweizer Uhr war zurück. Die Richtung für die Luxusuhrenindustrie war gesetzt.
Die grossen Unternehmen folgten. 1985 lancierte IWC die Da Vinci, 1988 brachte Rolex eine neue Daytona und 1989 präsentierte Patek Philippe zum 150-Jahr-Jubiläum die Calibre 89, damals die komplizierteste mechanische Uhr, die je gebaut worden war.
Die Japaner mit den eigenen Waffen schlagen
Dieser Schwenk hin zur Luxusstrategie hatte allerdings seinen Preis. In Bivers Welt musste die Schweizer Uhrmacherei sich entscheiden: entweder den Luxusmarkt erobern oder auf Masse setzen. Wer sich für Ersteres entschied, musste kleinere Kollektionen, höhere Preise und kompromisslose Handwerkskunst akzeptieren. Das würde einigen wenigen Marken das Überleben in der Quarzära ermöglichen, bedeutete aber zugleich das Eingeständnis, dass die Blütezeit der Schweizer Massenproduktion vorbei war.
Das Problem war nur: Als Biver und Piguet die Bühne betraten, bewegte sich der Grossteil der Branche bereits in die entgegengesetzte Richtung. Die Firmen hatten sich in zwei grosse Konglomerate zusammengeschlossen. SSIH kontrollierte Omega, Tissot und Lemania; ASUAG war auf Werke und Komponenten spezialisiert, hatte aber in den 1970er-Jahren Dutzende Mittelklassemarken aufgekauft, um seinen Kundenstamm am Leben zu erhalten. Unabhängige Hersteller wie Rolex, Patek Philippe und IWC standen ausserhalb dieser Blöcke.
Gemeinsam beschäftigten SSIH und ASUAG mehr als die Hälfte der verbliebenen Belegschaft der Schweizer Uhrenindustrie. Gleichzeitig waren beide faktisch insolvent und überlebten nur dank Notkrediten eines Bankenkonsortiums. 1982 wurde klar: Die Banken wollten einen Ausstiegsplan. Also engagierten sie Nicolas Hayek, einen in Beirut geborenen Unternehmensberater, um zu klären, ob liquidiert, fusioniert oder saniert werden solle.
Hayek hatte seine Karriere beim Rückversicherer Swiss Re begonnen, bevor er seine eigene Firma gründete, spezialisiert auf industrielle Prozesse und Lieferketten. 1979 betreute Hayek Engineering über 300 Kunden in 30 Ländern, darunter die Schweizer Armee. Kein Wunder, dass er den Banken längst aufgefallen war. Als der Auftrag kam, sagte Hayek zu.
Müsste man einen Unternehmer nennen, der zugleich Philosoph ist, man würde kaum eine treffendere Figur als Hayek finden. Er liebte das Produzieren und war überzeugt: Ein Land, das nicht mehr baut, ist kein Land mehr. «Wir müssen dort produzieren, wo wir leben», sagte er. «Wenn ein Land das Know-how verliert, Dinge herzustellen, verliert es seine Fähigkeit, Wohlstand zu schaffen, und damit seine finanzielle Unabhängigkeit. Und wenn es seine finanzielle Unabhängigkeit verliert, beginnt es, seine politische Souveränität zu verlieren.»
«Hayek war überzeugt: Ein Land, das nicht mehr baut, ist kein Land mehr»
Für Hayek war die angebliche Wahl zwischen Luxus und Masse ein falsches Dilemma. Wenn ein Land nicht mehr in der Lage sei, Alltagsprodukte einer Kategorie herzustellen, werde es irgendwann auch die Fähigkeit verlieren, hochpreisige zu bauen.
Die Uhrenindustrie bot die perfekte Chance, seine Theorie zu beweisen. Er wollte die Japaner in ihrem eigenen Spiel schlagen, und zwar in der Schweiz, einem der Länder mit den höchsten Löhnen der Welt. Statt die Firmen zu zerschlagen, schlug Hayek daher vor, sie zu einem einzigen Unternehmen zu fusionieren.
Beide Verwaltungsräte stimmten schliesslich zu, und auch die Wettbewerbskommission erhob keine Einwände. So wurden SSIH und ASUAG 1983 zur neuen Holding zusammengeführt: der Société de Microélectronique et d’Horlogerie, kurz SMH. Hayek wurde Verwaltungsratspräsident.
Vor Hayek folgten SSIH und ASUAG einem einfachen Modell: Tausende halbunabhängige Werkstätten stellten Komponenten her, während die Mutterkonzerne für Marketing und Vertrieb sorgten. Ein System, das sich seit den ersten Uhrmachern des Jura kaum verändert hatte, als Familien im Winter in Heimarbeit Uhren bauten und Vertreter sie über die Pässe trugen, um sie zu verkaufen.
Für Hayek war dieses System vollkommen überholt. Es führte zu Ineffizienz, zu hohen Produktionskosten und zu Marken, die alles zugleich sein wollten und am Ende nichts waren.
Die Fertigung wurde daher in wenige ETA-Werke mit grossen Kapazitäten gezogen, vor allem jene in Grenchen und Fontainemelon. Marken, die früher ihre eigenen Werke herstellten, konzentrierten sich nun auf Design und Marketing. Die Produktion wurde automatisiert: CNC-gefräste Platinen, Förderbänder, rotierende Pressen und Maschinen, die Kunststoffgehäuse in einem Schritt verschweissten.
Es folgte die Standardisierung. Die Uhren des Konzerns nutzten nun dieselben Micro-Crystal-Stimmgabeln, dieselben Renata-Silberoxidbatterien und dieselben ETA-Uhrwerke. Selbst die renommiertesten Marken des Portfolios, Omega, Longines und Rado, durften keine eigenen Uhrwerke mehr entwickeln. Viele mussten ihre Produktlinien drastisch reduzieren. Der Effekt war spektakulär: Omega kürzte sein Sortiment von 2000 auf 1000 Modelle, später auf nur noch 130. Die Produktionskosten sanken, die Zuverlässigkeit nahm zu.
Parallel dazu wurde das Marketing radikal dezentralisiert. Jede Marke erhielt ein klares Marktsegment, das sie dominieren sollte. Die Konzernzentrale hatte nur eine Aufgabe: die Differenzierung der Marken zu verteidigen.
Doch ein entscheidendes Element fehlte noch. In seinem Bericht von 1982 teilte Hayek den Weltmarkt für Uhren (rund 500 Millionen Stück pro Jahr) in drei Segmente ein: niedrig, mittel und hoch. Das untere Segment, Uhren bis 75 Dollar, machte 90 Prozent des Marktes aus. Und keine einzige dieser 450 Millionen Uhren stammte aus der Schweiz.
Wenn die Schweiz überleben wollte, musste sie eine Uhr bauen, welche die Japaner mit ihren eigenen Mitteln schlug.
Eine Quarzuhr, schweizerisch, ultrabillig, massenproduziert.
Ein Meisterstück der Schweizer Ingenieurskunst
Wer im Advent 1982 ein Juweliergeschäft in Dallas, Texas, betrat, stiess auf etwas Ungewöhnliches. Eine schlichte Uhr, vermutlich schwarz oder dunkelgrün. Keine Klappschatulle, wie es damals üblich war, sondern eine einfache Plastikabdeckung. Und ein Preisschild von gerade einmal zwanzig Dollar.
1978 hatte der ASUAG-Verwaltungsrat mehrere Werke- und Komponentenfirmen zu einem einzigen Unternehmen verschmolzen und damit das uhrmacherische Know-how gebündelt. Der Name: ETA. Bereits ein Jahr später gelang der Micro-Crystal-Abteilung ein bedeutender Schritt nach vorn: Sie war die erste in Europa, die Quarzkristalle in grossem Stil fertigte. Eine der wenigen guten Nachrichten mitten in der Krise.
Die Ingenieure nahmen sich anschliessend eine PR-taugliche Herausforderung vor: die dünnste Uhr der Welt zu bauen. Das Ergebnis, 1979 lanciert, war die Delirium mit einer Dicke von nur 1,98 Millimetern. Ein Meisterstück der Schweizer Ingenieurskunst. Doch mit einem Preis von 5000 Dollar (umgerechnet heute etwa 25 000 Dollar) war sie alles andere als eine Rettung für die angeschlagene Uhrenindustrie.
Das Delirium-Team hatte radikale Entscheidungen getroffen. Die wichtigste: Sie liessen die Grundplatine, das Fundament eines jeden Uhrwerks, komplett wegfallen und integrierten stattdessen Bauteile direkt in den Boden des Gehäuses. Ernst Thomke, der damalige Geschäftsführer von ETA, erkannte, dass genau dieses Bauprinzip das Potenzial für eine massenproduzierte Uhr in sich trug.
Er stellte ein kleines Forschungsteam zusammen, das an einer Version aus Kunststoff arbeiten sollte, zentral gefertigt, vollautomatisiert. Doch die Fortschritte waren schleppend.
Gleichzeitig arbeiteten zwei andere ETA-Ingenieure, Elmar Mock und Jacques Müller, heimlich an einem eigenen Prototyp. Doch sie hatten ein Problem: Für ihre Idee brauchten sie eine Spritzgussmaschine im Wert von rund 500 000 Franken (ungefähr eine Million nach heutigem Wert).
Mock bestellte die Maschine – ohne Genehmigung. Thomke bestellte ihn daraufhin noch am selben Tag zu sich. Die Sitzung war auf 13 Uhr angesetzt. Mock erfuhr davon um 11 Uhr. Er hatte zwei Stunden, um seine Karriere zu retten.
Er und Müller skizzierten in atemberaubender Geschwindigkeit ein Konzept. Statt sich zu entschuldigen, ging Mock im Meeting zum Angriff über: Die Maschine sei notwendig, um eine revolutionär einfache, preisgünstige Kunststoffuhr zu entwickeln.

Die Zeichnung der Swatch-Uhr von Elmar Mock, die in der Sitzung vom 27. März 1980 präsentiert wurde.
Mock und Müller wurden nicht gefeuert, sondern freigestellt – um genau diese Uhr im Verborgenen zu entwickeln.
Bis Dezember 1980 hatten sie fünf funktionierende Prototypen per Hand zusammengesetzt. Die bestellte Spritzgussmaschine war immer noch nicht geliefert.
Ihre Prototypen trieben das Delirium-Prinzip auf die Spitze. Der gesamte Mechanismus wurde per Ultraschallschweissen direkt im Kunststoffgehäuse verankert, statt ihn wie üblich zwischen Platine und Brücken einzuspannen. Es gelang ihnen, die Zahl der Bauteile von normalerweise 91 in einer Quarzuhr auf 51 zu reduzieren. Jedes konnte von oben maschinell eingesetzt werden, ideal für Massenfertigung. Die Uhr war in der Herstellung dreimal billiger als jede andere Schweizer Quarzuhr und konnte innerhalb weniger Sekunden montiert werden.
Die beiden nannten sie Vulgaris. Die Welt kennt sie unter einem anderen Namen: Swatch.
Mode, die tickt
Als Hayek seinen Posten antrat, zeigte Thomke ihm, woran sein Team gearbeitet hatte: eine günstige Schweizer Quarzuhr, industriell herstellbar, robust, massentauglich – das fehlende Stück in Hayeks Vision einer dreistufigen Marktstrategie. Die Uhr wurde im März 1983 lanciert. Sie schlug ein wie eine Bombe. Eine echte Schweizer Alternative zu japanischem Quarz.
Bis 1985 stieg die Schweizer Uhrenproduktion von 45 auf 60 Millionen Stück. 1992 fertigte ETA die hundertmillionste Swatch, drei Jahre später die zweihundertmillionste. Vor der Swatch wäre es unvorstellbar gewesen, dass die Schweiz eine Uhr unter 50 Dollar produzieren und dabei Gewinn machen könnte. Mit der Swatch wurde es Gewissheit.
Die Swatch war jedoch nicht nur ein Sieg der Produktionstechnik, sondern eine Revolution in Gestaltung und Haltung. Erst als Swatch voll auf Farbe, Verspieltheit und Individualität setzte, zündete das Konzept. Ein Designer brachte es auf den Punkt: «Wir verkauften Mode, die tickt.»
Marketingmässig konnte niemand Swatch etwas vormachen. Allein im Jahr 1984 organisierte das Unternehmen die erste Weltmeisterschaft im Breakdance, lancierte die erste nationale Hip-Hop-Tour und hängte eine 13 Tonnen schwere Swatch an die Fassade des Frankfurter Commerzbank-Hochhauses.
Die eigentliche Bedeutung der Swatch lag jedoch nicht darin, das untere Marktsegment zu dominieren. Die Schweizer Uhrenindustrie erzielt bis heute den Grossteil ihrer Umsätze im Luxusbereich. Entscheidend war etwas anderes: Swatch gab der Schweizer Uhrmacherei ihr Selbstvertrauen zurück.
«Swatch gab der Schweizer Uhrmacherei ihr Selbstvertrauen zurück»
Ein Mob vor dem Laden
Es dauerte eine halbe Stunde, bis die Polizei in der Carnaby Street in London eintraf. Einige in der Schlange hatten über zwei Tage ausgeharrt, mit Zelten und Campingstühlen, seit Swatch die neueste Veröffentlichung angekündigt hatte: eine Zusammenarbeit mit Omega, basierend auf der ikonischen Speedmaster, die Armstrong und Aldrin bei ihrer Mondlandung getragen hatten.
Das Design war nahezu identisch, bis auf ein Detail: Statt Metall bestand die Uhr aus einem von Swatch entwickelten Biokunststoff. Der Preis hätte Thomke stolz gemacht: nur 240 Pfund, mehr als siebentausend Pfund günstiger als die entsprechende Omega-Variante. Der Name war ebenso genial wie selbstverständlich: MoonSwatch.
Um 9 Uhr morgens am 26. März 2022 öffneten die Türen, und aus der Schlange wurde ein wogender, drängender Mob. In den folgenden Wochen wiederholten sich die Szenen weltweit: in New York, in Tokio, in Mailand, in Singapur. Tausende Menschen kämpften um ein Objekt, das sie – in einer Welt, in der 95 Prozent der Leute ein Smartphone besitzen – keineswegs mehr brauchten, um die Zeit abzulesen.
Rückblickend fällt es leicht, Aussagen wie jene von David Landes zu belächeln. Und doch hatte er im Kern recht: Die Schweizer Uhrmacherei hätte am Quarz sterben sollen, so wie die Laternenanzünder des viktorianischen London, die Natureisernter Neuenglands oder die Telegrafisten von Western Union. Stattdessen fanden Biver, Hayek und die Uhrmacherinnen und Uhrmacher der Schweiz einen Weg, ihre eigene Überflüssigkeit zu überleben. Nicht indem sie im Alten konkurrenzfähig blieben, sondern indem sie den Wert neu definierten.
«fanden Biver, Hayek und die Uhrmacherinnen und Uhrmacher der Schweiz einen Weg, ihre eigene Überflüssigkeit zu überleben»
Biver setzte auf das Menschliche: Handwerk, Tradition und Gefühl. Sein Ansatz wurde zum Bauplan der grossen Konzerne und der neuen unabhängigen Uhrmacher. Patek Philippe formulierte ihn 1996 zur wohl berühmtesten Uhrenwerbung der Geschichte: «Eine Patek Philippe gehört einem nie ganz allein. Man erfreut sich ein Leben lang an ihr, aber eigentlich bewahrt man sie schon für die nächste Generation.»
Hayek wählte den anderen Weg: Er setzte auf die neue Technologie, konstruierte die Industrie von Grund auf neu und passte sie einer veränderten Welt an. Genau diesen Ansatz wählte Apple 2014 mit der Apple Watch. Uhren erhielten wieder eine Funktion, diesmal nicht nur als Zeitmesser, sondern als medizinisches Instrument.
Beide Wege haben Platz. Heute konkurrieren Apple und Rolex um den Titel des weltweit umsatzstärksten Uhrenherstellers. Volle Funktionalität oder volle Kunst. Die Konsumentinnen und Konsumenten können wählen.
Der Kreis schloss sich, als SMH 1993 Blancpain übernahm und Hayek Biver seine schwierigste Aufgabe übertrug: die Wiederbelebung von Omega. Danach wechselte Biver zu Hublot, führte TAG Heuer, leitete die Uhrenabteilung von LVMH und trat dann in den Ruhestand, um kurz darauf wieder zurückzukehren. Auf die Frage, weshalb er nicht aufhören könne, antwortete er: «Wer kann sich von einer Leidenschaft pensionieren?» Heute führt er gemeinsam mit seinem Sohn eine unabhängige Uhrenmarke.
Hayek selbst wurde zu einer Art Volksheld in der Schweiz. Er starb 2010 in seinem Büro, bei der Arbeit.
Wie die Uhrmacher des Jura vor ihm machte Hayek SMH zu einem Familienunternehmen: Sein Sohn führt heute Swatch, sein Enkel Blancpain. Betritt man eines der 3400 Swatch-Geschäfte weltweit, sieht man im Schaufenster meist den jüngsten Nachfolger der MoonSwatch: eine von Swatch gefertigte Neuinterpretation von Blancpains legendärer Fifty Fathoms.
Heute macht die Schweizer Uhrenindustrie 30 Milliarden Dollar Umsatz pro Jahr und ist nahezu Monopolistin im Luxussegment. Das Land exportiert nur zwei Prozent aller weltweit produzierten Uhren, doch dieser kleine Anteil generiert fast 45 Prozent des weltweiten Umsatzes. Eine Branche, die einst vor dem Aus stand, ist stärker als je zuvor. Manche Dinge überleben nicht, weil sie müssen, sondern weil wir sie wollen. Die Quarzkrise war nicht das Ende der Schweizer Uhrmacherei, sondern ihre Wiedergeburt.
Aus dem Englischen übersetzt von Alex Buxeda.