Der lange Weg nach Rio

Seit der Rio-Konferenz im Jahre 1992 gilt «Sustainable Development» als universales ökonomisches Postulat: Du sollst natürliche Lebensgrundlagen nur so weit beanspruchen, dass sie im gleichen Masse auch künftigen Generationen zur Verfügung stehen. Wie kam es dazu? Persönlicher Bericht eines Involvierten.

Der lange Weg nach Rio
Stephan Schmidheiny, photographiert von Oliver Bartenschlager.

Die Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, in die ich geboren wurde, war geprägt vom Imperativ des Wiederaufbaus nach den ausgedehnten Zerstörungen. Die Deckung elementarster Bedürfnisse der Menschen, allem voran für Nahrung und ein Dach über dem Kopf, stand für Millionen von Menschen an erster Stelle. Im aufkeimenden Wirtschaftswunder waren die Prioritäten klar, und Belange wie Gesundheits-, Umwelt- und Landschaftsschutz gehörten zweifellos nicht dazu.

Ich erinnere mich, wie mich als Kind die Photos von Zementfabriken im Büro meines Vaters beeindruckten: Rauchende Schlote galten damals als allgemein akzeptiertes Sinnbild wachsender Prosperität.

Als Student der Universität Zürich erlebte ich in den 1960er Jahren nicht nur die marxistisch orientierte Studentenrevolution, sondern auch die ersten Anzeichen eines erwachenden Umweltbewusstseins. Am sichtbarsten waren Schäden an den verschmutzten Gewässern, und so engagierte ich mich an der juristischen Fakultät in der – spärlich besuchten – «Arbeitsgruppe Gewässerschutz». Der breitere Begriff des Umweltschutzes war damals noch kaum gebräuchlich.

Anfang der 1970er Jahre begannen sich die Dinge zu beschleunigen. Es ist dies das bleibende Verdienst des 1968 vom Indus­triellen Aurelio Peccei und dem Wissenschafter Alexander King gegründeten Club of Rome, mit der Publikation «Grenzen des Wachstums» (1972) das Thema der Nachhaltigkeit in globalen Dimensionen erfolgreich in die öffentliche Debatte eingebracht zu haben.

Die Frage der natürlichen Lebensgrundlagen interessierte zuvor weder Politik noch Wissenschaft. Wie jeder Anfang war auch dieser schwer; die Minderheit, die sich des Themas annahm, wurde noch jahrelang von der grossen Mehrheit marginalisiert, und für die Mehrheit war klar: Die externalisierten Kosten des Wachstums sind nun einmal in Kauf zu nehmen.

UNO-Konferenz 1992

Das Prinzip der nachhaltigen Bewirtschaftung von Wäldern ist allerdings seit Generationen bekannt: Es sollen nicht mehr Bäume gefällt werden, als nachwachsen. Aber erst die UNO-Konferenz über Umwelt und Entwicklung von Rio 1992 hat «Sustainable Development» zum allgemeingültigen Postulat zivilisatorischer Entwicklung erhoben: Die natürlichen Lebensgrundlagen dürfen stets nur so weit beansprucht werden, dass sie erhalten bleiben bzw. auch künftigen Generationen in gleichem Masse zur Verfügung stehen.

Das mir übertragene Mandat, einen Beitrag aus unternehmerischer Sicht zur Konferenz von Rio zu leisten, bleibt in wacher Erinnerung. Meine Aufgabe war es, gemeinsam mit einer Gruppe von Unternehmensleitern aus einer Vielzahl von Branchen und Ländern eine unternehmerische Perspektive zu den Prinzipien einer nachhaltigen Entwicklung zu formulieren und unsere Postulate anhand konkreter Fallstudien zu untermauern.

Zu diesem Zweck gründete ich den Business Council for Sustainable Development, der Dutzende von Konferenzen und Workshops in allen Kontinenten organisierte und schliesslich seine Erkenntnisse im Buch «Kurswechsel» zuhanden des Erdgipfels von Rio formuliert hat. Es war – kurz nach der Implosion des kommunistischen Sowjetimperiums und dem Zusammenbruch der staatlichen Zwangswirtschaften – eine Zeit des kreativen Aufbruchs. Man suchte für die von ihrem Erzkonkurrenten befreite Marktwirtschaft nach neuen Richtungen, Werten, Idealen.

Die Idee der Nachhaltigkeit wurde zu einem dieser Ideale. Allerdings hatte sie den früher als unüberwindbar geltenden Zielkonflikt zwischen wirtschaftlicher Profitabilität und Schonung der Umwelt zu überwinden.

Bei der Definition der unternehmerischen Agenda suchten wir deshalb nach einem gemeinsamen Nenner dieser konfliktreichen Ziele. Wir fanden ihn im Prinzip der Effizienz. Während sie dem wirtschaftenden Menschen als Kernfaktor der Wettbewerbsfähigkeit bereits wohlvertraut war, konnten auch Vertreter der grünen Interessen die Effizienz als ein sinnvolles Kriterium bei der Nutzung von natürlichen Ressourcen befürworten.

Der von uns geprägte Begriff der «Öko-Effizienz» wurde zu einem Sinnbild des gemeinsamen Nenners zwischen Wirtschaft und Umweltschutz. Innert weniger Jahre fand das Wort Öko-Effizienz rund um die Welt Eingang ins Vokabular von Unternehmen, Universitäten und Managementschulen, aber auch von politischen Programmen. Der Begriff öffnete vielen Wirtschaftsführern, die bisher Umweltanliegen aus Gründen der Wettbewerbsfähigkeit skeptisch gegenübergestanden hatten, die Augen − für eine neue Dimension der Entwicklung in Richtung eines…

Nur öko ist nicht nachhaltig
Rudolf Wehrli, photographiert von Giorgio von Arb.
Nur öko ist nicht nachhaltig

Schon Wilhelm Tell wusste, was nachhaltiges Handeln ist. Heute ist das Wort in aller Munde, seiner vollen Bedeutung aber sind wir uns kaum bewusst: «Nachhaltigkeit» ist ein komplexer ökonomisch-sozio-ökologischer Dreiklang. Den Grundton muss die Ökonomie angeben, denn Nachhaltigkeit ist wirtschaftlich oder sie ist nicht.

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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