Die ästhetischen Anfänge des Liberalismus
Albrecht Koschorke entfaltet die kulturellen Bedingungen des Frühliberalismus. Doch kann dieses Modell überleben, wenn die Zukunft ihre Strahlkraft verliert?
Während der Liberalismus in Europa in der Krise steckt, drohen US-amerikanische Spielarten zwischen Wokeness und Libertarismus ihn zur Fratze zu verformen. Der Literaturwissenschafter Albrecht Koschorke blickt daher zurück auf die kulturellen Bedingungen des Frühliberalismus vor 1848. Er zeigt, dass der Liberalismus seine Erfolge nicht ideologischer Geschlossenheit, sondern seinen Widersprüchen verdankt. Nominell verspricht er universelle Teilhabe, die jedoch wegen der «Unreife» grosser Bevölkerungsteile (Pöbel, Frauen, Kolonialvölker) noch nicht eintreten sollte. Dafür trat vertröstend der Fortschrittsglaube: Erst in der Zukunft würden alle an diesem Heilsversprechen teilhaben.
Ein Hauptverdienst des Buches ist es zu zeigen: Die Frühliberalen standen in der Tradition der Aufklärung – durch elitäre Führung die gefürchtete «Masse» zu wahrer Mündigkeit und künftiger Teilhabe an Politik, Wohlstand und Kultur zu erziehen. Ziel war nicht Volkssouveränität, sondern die «Souveränität der Vernunft». Die politischen Repräsentanten und literarischen Figuren der Liberalen sollten Vermittler sein. Zugleich verkörperten sie das Ideal des klassisch gebildeten Genieästheten, der sich durch Bildung und schöpferische Eigenkraft auszeichnet. Manches mag moderne Liberale überraschen. So zielten alle Bestrebungen auf zentralistische Staaten ab, und den Beamten kam eine Schlüsselrolle zu – nicht als Staatsdiener, sondern als humanistisch gebildete, geistig einflussreiche Gestalter. Eine Schwäche des Buches ist sein enger Fokus auf Kontinentaleuropa: Die angelsächsische, liberal-merkantile Tradition wird nur am Rand erwähnt.
Das Buch schliesst mit einer deprimierenden Gegenwartsdiagnose: Was geschieht, wenn die Zukunft ihre Strahlkraft verliert, wenn der Fortschritt nicht mehr tröstet? Das liberale Versprechen von Hoffnung und späterer Erfüllung ist erschöpft. Übrig bleibt die Konfrontation zwischen elitärem Wissen und populistischem Ressentiment – ein Kampf, in dem der Liberalismus nur noch eine schwache Partei unter vielen ist. Vielleicht liegt in der Betrachtung der Anfänge eine Frage verborgen: Kann der Liberalismus ohne seine ästhetische Glut weiterbrennen, die seine frühen Vertreter beseelte? Eine luzide und beunruhigende Lektüre.
Albrecht Koschorke: Souveränität der Vernunft. Die kulturellen Anfänge des Liberalismus. Berlin: Suhrkamp, 2026.
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