Keine Macht den Denunzianten und Reinheitsfanatikern der Kulturszene!
Bernd Stegemann, Bertolt-Brecht-Denkmal, fotografiert von Peter Rigaud / laif.

Keine Macht den Denunzianten und Reinheitsfanatikern der Kulturszene!

Kämpfer für Political Correctness sehen sich als selbsternannte geistige Seuchenbeauftragte. Ein kolossaler Irrtum:
Sie sind selbst die Seuche.

 

Krisenzeiten stellen nicht nur Gewohnheiten auf den Kopf, sie bringen im Menschen auch so manchen Abgrund zum Vorschein. Als die Coronakrise im Frühjahr 2020 die deutsche Gesellschaft zum Lockdown brachte, führte das nicht nur zum Stillstand des öffentlichen Lebens, sondern produzierte auch moralische Ausnahmesituationen. So schloss nicht nur Deutschland die Grenzen zu seinen Nachbarn, einzelne Bundesländer machten sogar ihre Grenzen für Reisende dicht. Als wäre dieser Rückfall in Kleinstaaterei nicht seltsam genug, verfügte das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern, dass alle Menschen, die dort einen Zweitwohnsitz haben, ausreisen mussten. Öffentlich wurde dieser Vorgang, weil die bekannte Autorin Monika Maron, die dort seit DDR-Zeiten ein Haus bewohnt, nachts von Polizisten aufgesucht wurde, die ihre Ausweisung anordneten und dabei in Frage stellten, ob sie überhaupt eine Schriftstellerin sei.

Die Stunde der Denunzianten

Gerahmt wurde diese Aktion von empörten Bürgern, die sich als fleissige Denunzianten betätigten und jedes ortsfremde Autokennzeichen der Polizei meldeten. Erschien diese dann nicht unmittelbar, wurden im Akt der Selbstjustiz schon mal die Reifen zerstochen.1 Wenn es gilt, die eigene kleine Welt reinzuhalten, erwachen offensichtlich viele böse Geister. Nun könnte man diesen Rückfall ins Autoritäre als Nebenwirkung eines weltweiten Kampfs gegen die Viren abtun. Doch völlig unabhängig von den Gesundheitsmassnahmen erfreuen sich die Denunzianten schon seit Jahren wachsender Beliebtheit. Ihr Ziel: Veranstaltungen oder missliebige Kulturprodukte zu torpedieren. Was unter der Überschrift der «Cancel-Culture» propagiert wird, bedeutet Denunziation und Reinheitsfanatismus in Zeiten des Internets.

Als im Frühjahr die Autobiografie von Woody Allen im Rowohlt-Verlag erscheinen sollte, fühlten sich einige Autoren und Autorinnen des Verlags davon beschmutzt.2 Sie forderten in einem offenen Brief den Verleger auf, das Buch nicht zu veröffentlichen. Hintergrund ihres Protestes ist der seit Jahrzehnten schwelende Ehekrieg zwischen Woody Allen und Mia Farrow. In dessen Verlauf kam es zu einer Anklage wegen sexueller Belästigung seiner Tochter. Trotz langwieriger Verfahren wurde Woody Allen nie für schuldig erklärt, stattdessen gibt es inzwischen eine plausible Beschreibung des Vorgangs durch ein anderes Adoptivkind der beiden. Moses Farrow hat ausführlich geschildert, wie manipulativ Mia Farrow ihre Kinder dazu gebracht habe, Missbrauchsgeschichten über Woody Allen zu erzählen.3

Eine halbwegs funktionierende Öffentlichkeit müsste an dieser Stelle die Sache auf sich beruhen lassen, da Aussage gegen Aussage steht und ein seriöses Urteil nicht zu treffen ist. Doch die erregte US-amerikanische Öffentlichkeit fordert weiterhin die Ächtung von Woody Allen, Schauspieler entschuldigen sich dafür, in seinen Filmen mitgespielt zu haben, und kein Verleih traut sich mehr, noch eines seiner Werke zu zeigen. Die deutschen Unterzeichner des Protestbriefes sehen sich als Teil dieser globalen Erregungswelle und beharren auf ihrer moralischen Maximalposition: Dem Opfer muss immer geglaubt werden, weswegen der Beschuldigte behandelt werden muss, als wäre er ein rechtskräftig verurteilter Täter.

Der Boykottbrief der Empörungsprofis vom Rowohlt-Verlag konnte jedoch keine Wirkung entfalten. Der Verlag gab bekannt, an der Veröffentlichung der Biografie festhalten zu wollen. Das Ganze fiel zudem in die Hochphase der Coronakrise. Die Flut von neuen Grenzen und Reinheitsvorschriften liess offenbar keinen Raum mehr für weitere Ausgrenzungsforderungen. Die Cancel-Culture war auf ihr grosses Vorbild getroffen, den Seuchenschutz. Doch durch den historischen Zufall wird die Parallele zwischen beiden deutlich, und dabei fällt auf, wie unangemessen und rückschrittlich die Mechanismen der Cancel-Culture sind.

«Was unter der Überschrift der «Cancel-Culture» propagiert wird,

bedeutet Denunziation und Reinheitsfanatismus

in Zeiten des Internets. »

Mit Moralismus Menschen fertigmachen

Der fundamentale Unterschied zwischen den Massnahmen zur Eindämmung einer Epidemie und der Cancel-Culture besteht dar­in, dass die Virenausbreitung durch wissenschaftliche Erkenntnisse identifiziert und bekämpft wird, während die Cancel-Culture aufgrund von moralischen Urteilen Menschen und Meinungen bekämpft. Kommunikation ist immer dann moralisch, wenn sie Achtung oder Missachtung zuteilt. Die Forderung, jemanden auszuschliessen, ist die radikalste Form der moralischen Kommunikation. Die Missachtung wird dabei bis zur Ächtung gesteigert, die nicht eher ruht, bis jemand ausgegrenzt ist. In früheren Gesellschaften bedeutete das fast immer den Tod, heute führt es zumindest noch zum sozialen Tod, der neben den seelischen Schäden nicht selten auch materielle Einbussen mit sich bringt.

Da es sich bei der moralischen Kommunikation um ein sehr scharfes Schwert handelt, wurde sie zu allen Zeiten unter eine Aufsichtsinstanz gestellt. Lange hatte die Religion diese Funktion übernommen, seit der Neuzeit rückt die Ethik an diese Stelle. In beiden Systemen wird anspruchsvoll reflektiert, welches moralische Gesetz überhaupt gut ist und welches nicht, und es wird die komplizierte Frage behandelt, in welchen Situationen es überhaupt gut ist, über Gut und Böse zu urteilen. Im Fall von Woody Allen ist es offensichtlich nicht gut, ihn als böse zu ächten. Doch das hält die Ächtungsprofis unserer Tage nicht von ihrem Tun ab.

Denn die Moral unserer Tage hat sich weitestgehend von der Infragestellung durch Ethik oder Religion befreit. Sie ist individualisiert und erfüllt vor allem eine Funktion für denjenigen, der moralisch urteilt. Die Kernfrage, ob es überhaupt gut ist, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, wird heute mit einer raffinierten Wendung beantwortet: Wer moralisch urteilt, steht allein dadurch auf der Seite des Guten, weil er andere als böse identifiziert hat. Wer sich empört, ist moralisch im Recht. Wer den Ausschluss von Woody Allen fordert, ist gut, weil er das Böse verhindern will.

In früheren Zeiten wurde jemand, der die Moral benutzt, um sich selbst zu erhöhen, als Moralist bezeichnet. Sein Moralmissbrauch führt in einer fatalen Konsequenz dazu, dass die Moral nicht mehr auf universellen Werten beruht, sondern aus dem individuellen Urteil resultiert, das zwangsläufig zur Doppelmoral führt. Die empörten Woody-Allen-Verächter fühlen sich moralisch auf der richtigen Seite, aber fühlen sich die deutschen Protestbriefschreiber gut, wenn sie realisieren, dass sie zum Boykott eines jüdischen Regisseurs aufrufen? Die doppelten Standards des Moralismus produzieren Widersprüche, die sie selbst nicht mehr auflösen können.

Das Pendant zum Schauprozess

Schaut man nüchtern auf diese Mechanik, so fällt als erstes auf, dass eine derartige Kommunikation nichts mehr mit den Fragen der Ethik oder Religion zu tun hat. Sie erfüllt lediglich den Zweck, sich innerhalb von kulturellen Konflikten Vorteile zu verschaffen. Der Moralist hat aus der Moral eine Waffe gemacht, die ihm helfen soll, seine Gegner zu schädigen und selbst wertvoll zu erscheinen. Dass der Moralismus überhaupt zu einer solchen Macht gekommen ist, ist wiederum ein bedenkliches Zeichen für den Zustand der Gesellschaft.

Die öffentliche Wirkung der Moralisten liegt in einer Überwältigung des Denkens aufgrund von Empörung. Damit die Reflexion möglichst lange durch die Empörung gelähmt bleibt, braucht es eine Öffentlichkeit, in der Anklage und Vorverurteilung identisch sind. Ist die Öffentlichkeit erst mal so strukturiert wie ak­tuell die US-amerikanische, so genügt der moralische Aufschrei, um eine Existenz zu gefährden. Damit ist ein weiterer Archaismus aus der dunklen Menschheitsgeschichte wiedererwacht. Was in Hexenprozessen oder stalinistischen Schauprozessen grausam angewendet wurde, findet heute wieder Zulauf. In den Augen der Moralisten ist jeder verdächtig oder sogar schuldig, der angeklagt wird. Damit ist ein sich selbst verstärkender Mechanismus in Gang gesetzt. Denn je enger Anklage und Urteil zusammenhängen, desto grösser wird die Furcht, selbst angeklagt zu werden, und desto vorauseilender wird der Gehorsam, jede Anklage als Urteil anzuerkennen, um nicht selbst in den Fokus der Moralisten zu geraten. Eine moralistische Öffentlichkeit verlangt Unterordnung und bestraft jede rationale und kritische Befragung.

Die Angst, in Verdacht zu geraten, verbindet sich in der Cancel-Culture mit dem Reinheitsdrang, und beide zusammen führen zur Abschliessung der Moralblasen. Wer verdächtig ist, wird ausgegrenzt, und schon der blosse Kontakt kann schuldig machen. So konnte das Foto eines gemeinsamen Kaffeetrinkens des AfD-Vorsitzenden Jörg Meuthen mit dem Vorsitzenden der hessischen Filmförderung dazu führen, dass der Mann von der Filmförderung seines Amtes enthoben wurde. Im Weltbild der Moralisten soll nicht nur die Ansteckung durch böse Viren vermieden werden, sondern vor allem die Ansteckung durch böse Meinungen verhindert werden. Viren machen krank, fremde Meinungen machen schuldig. Und Kranke wie Schuldige müssen isoliert werden.

Wenn der Keks mit Dunkelschokolade «rassistisch» ist

Je mehr Erfolg die Moralisten haben, desto weitreichender werden ihre Forderungen. Im neuen Phänomen der «Wokeness» findet man inzwischen die nächste Stufe der Denunziation. Mit Wokesein wird eine besondere Aufmerksamkeit beschrieben, die aktiv nach Verfehlungen gegen die politische Korrektheit sucht. So wie der Corona-Blockwart aus Mecklenburg-Vorpommern seine Umgebung überwacht, um jedes fremde Autokennzeichen zu melden, macht sich der Woke im Internet auf die Suche, ob jemand ein anstössiges Wort oder Bild verwendet hat. Ist er fündig geworden, setzt er die Skandalisierungsmaschinerie in Gang.

Die besondere Eigenart der Wokeness besteht darin, dass kein Vergehen zu klein ist, als dass man es nicht doch skandalisieren könnte. Höchste Sensibilität beim Aufspüren von Fehlern und grösste Aggressivität beim Verfolgen der Übeltäter arbeiten hier eng zusammen.

Jüngst wurde ein Keks der Firma Bahlsen, der seit siebzig Jahren «Afrika» heisst, von woken Aktivisten skandalisiert. Beim Keks handelt es sich um eine dünne Waffel, die mit dunkler Schokolade überzogen ist. Dass sie Afrika heisst, ist für die woke Logik ein klarer Fall von Rassismus. Warum ein Schokoladenkeks rassistisch sein soll, weil er nach einem Kontinent benannt ist, auf dem überwiegend dunkelhäutige Menschen leben, erschliesst sich nicht jedem. Das hat jedoch der Empörungswelle keinen Abbruch getan, und der Kekshersteller war gut beraten, als er sich dem Druck unterworfen hat. Der Keks wurde zeitnah umbenannt.

Es wird wohl niemand behaupten, dass durch die Umbenennung des Kekses die Welt etwas besser geworden sei. Denn weder die Produktionsbedingungen des Kekses noch seine sicherlich hohen Anteile an Fett und Zucker wurden verändert. Die einzige Funktion des woken Aufschreis besteht in der Stärkung der moralischen Machtposition innerhalb der kulturellen Konflikte. Die Moralisten haben ein weiteres Mal vorgeführt, wie einflussreich sie sind und dass es keinen Bereich mehr gibt, der vor ihrer Skandalisierungswut sicher ist. Der woke Aktivismus ist das Symbol einer Protestkultur, die den Moralismus als Waffe perfektioniert hat. Wer woke moralisiert, will radikal wirken und dabei in seinem sensiblen Weltbild ungestört bleiben. Darum fordert er den Ausschluss von allem, was seine Reinheit stören könnte. Das ist es, worum es woken Denunzianten letztlich geht: um Unterwerfung unter ihre Norm. Der Moraldiskurs ist ein Machtdiskurs.

Der Woke ist die postmoderne Variante der schönen Seele, wie sie Hegel bereits im 19. Jahrhundert beschrieben hat. Die schöne Seele leidet unter der Hässlichkeit der Welt und macht ihr Leiden zu einem Geschäftsmodell. Sie führt ihr Leiden demons­trativ vor, um dadurch als besserer, da empfindsamer Mensch zu erscheinen. Erst der Dialektiker Hegel erkannte, dass die schöne Seele die Hässlichkeit braucht, um selbst strahlen zu können. Er kam dadurch zu der verblüffenden Aussage, dass es nur ein absolut Böses in der Welt gebe, und das sei die schöne Seele. Sie ist böse, weil sie die Hässlichkeit der Welt nicht nur für ihre eigene Aufwertung missbraucht, sondern weil sie dadurch den schlechten Zustand konserviert. Wer als schöne Seele auf die Welt schaut, sucht das Schlechte, nicht um es zu verändern, sondern um an ihm zu leiden und dadurch wertvoll zu erscheinen. Sie handelt objektiv böse und empfindet sich selbst doch als gut.

«Viren machen krank, fremde Meinungen machen schuldig.

Und Kranke wie Schuldige müssen isoliert werden.»

Der Moralist ist ein autoritärer Charakter

Die woken Aktivisten folgen exakt dieser Strategie. Dass sie heute damit so erfolgreich sind, zeigt, wie sehr wir von der dialektischen Genauigkeit eines Hegel entwöhnt wurden. An die Stelle der ethischen Reflexion sind die Empörung und die Denunziationen der Cancel-Culture getreten. Der woke Moralismus ist die moralische Orientierung unserer Tage geworden. Dass eine solche Orientierung in Krisen schnell überfordert ist und dann manch Dunkles wieder auftaucht, wundert darum wenig. Denn in jedem Moralisten wohnt ein autoritärer Charakter. Die woken Denunzianten und schönen Seelen finden sich inzwischen in allen Milieus. Die einen schwärzen ihre Nachbarn an, weil sie die Reinheit des Ortes bedrohen, und die anderen setzen einen Verlag unter Druck, damit er einen Autor ausschliesst, der ihr reines Weltbild beschmutzt. In einem Punkt sind die Moralisten aller Lager gleich: Sie halten sich für die Guten, egal wie falsch ihr Verhalten ist.

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»