Strategisches Blendertum mit Flüchtlingen

Strategisches Blendertum mit Flüchtlingen

 


Ein laues Lüftchen für grossen Wind zu verkaufen, mag ­zumindest marketingtechnisch gut sein. Für einen Roman erweist sich strategisches Blender­tum hingegen als fatal, wie man an Gertrud Leuteneggers neuem Prosawerk «Späte Gäste» studieren kann. Wir befinden uns in einem Bewusstseinsstrom, jedoch nicht fliessend, sondern in schleppender Zeitdehnung: Nachdem die Ich-Erzählerin aufgrund des Todes eines alten Freunds namens Orion in ihr Heimatdorf zurückgekehrt ist, verbringt sie die Nacht in einem verlassenen Wirtshaus am Ortsrand. Sie wandelt von einem ins andere Zimmer der Villa, versinkt immer wieder im Halbschlaf, wo sie Träume und Erinnerungsbilder der Vergangenheit einholen. Derweil taumelt man als Leser durch einen mit Anspielungen überfrachteten Text, der eigentlich kaum etwas von Belang kundzugeben hat. Im erzählerischen Nebel tauchen neben zumeist abstrakten Figuren noch der Dichterarchetypus Orpheus und vermehrt Flüchtlinge in Karnevalskos­tümen auf. Statt die unterschiedlichen Fäden zusammenzuführen, verlaufen sie im Nichts.

Bar jedweder Konzentration ergeht sich die Erzählerin in endlosen Abschweifungen, etwa über die Bewegung einer Spinne, Schwalben in der Totenkapelle oder einen Birnenteppich im Garten der Kindheit. Und als wäre dieses diffuse Allerlei nicht schon genug des Schlechten, setzt die 1948 in Schwyz geborene und 2010 in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung berufene Schriftstellerin zudem noch auf einen manierierten Stil. Mit verzuckerten Wendungen wie dem «Ruf des Käuzchens» oder schwülstiger Wortmalerei à la «Über mir blaut der Freskenhimmel» begibt sie sich vollends in das Reich ungewollter Komik.

Ohnehin weiss man beim Durchschreiten dieser eigenartigen Seelenlandschaft nicht so genau, ob man darüber weinen oder ­lachen soll. Gewiss ist allerdings: Die Ge­räusche, geisterhaften Erscheinungen und Halluzinationen, die die sprunghafte und somnambule Protagonistin heimsuchen, lassen wir wohl besser zwischen den beiden (geschlossenen) Buchdeckeln.


Gertrud Leutenegger: Späte Gäste.
Berlin: Suhrkamp-Verlag, 2020.

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Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
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