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Design für das Jenseits

Friedhof: Design» im Museum Bellerive

«Rosa Wolken» steht auf der schlichten, von Pipilotti Rist gestalteten Grabplatte im Eingangsbereich des Museums Bellerive. Kniet man hin, um die auf der Platte angebrachte, rund 10 Zentimeter grosse Halbkugel aus Glas mit beiden Händen zu umfassen, zeigt sich eine farbige Videoinstallation dieser quicklebendigen Künstlerin, von der man eine Auseinandersetzung mit dem Tod nicht unbedingt erwartet hätte. Mit der Ausstellung «Friedhof: Design. Gestaltung zwischen Ewigkeit und Vergänglichkeit» greift das Museum Bellerive eine Thematik auf, mit der es sich schon 1917 und 1933 befasst hat.

«Sine luce, sine cruce et sine Deo» soll der berühmte Basler Mathematiker Jakob Bernoulli, der seine Laufbahn als Theologe begann, 1676 ausgerufen haben, als er die trostlosen Genfer Friedensäcker sah, wo die Toten sang- und klanglos in Massengräbern verscharrt wurden mit der Begründung, dass im Angesicht des Todes alle gleich seien. Erst 1804 setzte europaweit mit der von Frankreich geprägten Friedhofsreform eine Änderung ein, die der Individualität über den Tod hinaus Rechnung trug. Seitdem hat sich die Bestattungs- und Friedhofskultur ständig weiterentwickelt, und in den letzten zwei Jahrzehnten ist sogar ein tiefgreifender Wandel spürbar. Mit dem Bedürfnis, sich von Konventionen, von den strengen Normierungen, Reglementierungen und traditionellen Vorgaben zu lösen, setzte eine eigentliche Suche nach Neuem ein, was von der Friedhofsarchitektur über Grabmalgestaltung und Urnenbestattungen, über Sarg- und Urnenformen bis hin zu Grabbeigaben und Todesanzeigen, in der Ausstellung sichtbar gemacht wird. Die Friedhofsarchitektur des ausgehenden 19. Jahrhunderts zeigt sich, in ihrer Mischung von Konservativismus und Modernität, auch heute als eine Alternative zum Zeitgenössischen und Avantgardistischen. Friedhöfe in der Art englischer Landschaftsgärten sind in der Schweiz zu eigentlichen Parkanlagen geworden. Der in der Ausstellung gezeigte Entwurf des Waldfriedhofs von Davos, eine Wettbewerbsarbeit des Bündners Rudolf Gaberel aus dem Jahr 1919, kann immer noch als Pionierprojekt gelten. Die Anlage nimmt bereits den heute aktuellen Gedanken des «Friedwaldes» auf, in dem man sich zu Lebzeiten einen Baum als lebendiges «Grabmal» aussuchen kann.

Der Sarg ist, nach der Massenproduktion früherer Jahrzehnte, wieder zum Kunst- und Kultobjekt geworden, auch wenn der industrielle Herstellungsprozess der gestalterischen Vielfalt Grenzen setzt. Es gibt den «do-it-yourself»-Sarg, der per Post zugestellt werden kann, «Cocoon»-ähnliche Formen und «Crazy Coffins», die nach persönlichen Wünschen gestalteten Themensärge. Viel Aufmerksamkeit widmet die Ausstellung der Kremation, die heute eine weit verbreitete Alternative zur Erdbestattung ist. Die deutsche Künstlerin Antje Willer zeigt eine organische Urnenform aus Keramik, «Golden Cocoon», und Carlo Borer den «ball of life», eine in Edelstahl gefasste handgefertigte Tonkugel. Sogar zu einem synthetischen Diamanten lässt sich die Asche komprimieren.

Im digitalen Zeitalter gehört auch die virtuelle Gedenkstätte bereits zur Internet-Realität. In der Ausstellung kann die Website «www.memoriam.de» besucht werden. Die Vision einer kostengünstigen, anonymen Bestattung auf einem traditionellen Friedhof, begleitet von einer aufwendig gestalteten Gedenkseite im Internet, die von den Hinterbliebenen zu jeder Zeit und an jedem Ort abgerufen werden kann, ist tatsächlich «a dream with a deadline». Damit hat die Entwicklung Pipilottis Videoinstallation bereits überholt.

Die Ausstellung «Friedhof: Design. Gestaltung zwischen Ewigkeit und Vergänglichkeit» ist bis zum 1. April 2006 im Museum Bellerive zu sehen (www.museum-bellerive.ch).

Juliana Schwager-Jebbink berichtet für die «Schweizer

Monatshefte» über Kunstausstellungen. Sie lebt und arbeitet in St. Gallen und Zürich.

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