Der Reformer und die Bildung

Vato Lejava, CEO der Free University of Tbilisi, wartet am Eingang und führt mich durch die Räumlichkeiten seiner Hochschule am äusseren Rand der georgischen Haupt- stadt. Wo einst eine staatliche Lehranstalt untergebracht war, residiert seit 2007 eine private Universität, die bereits sämtliche nationalen Rankings anführt, von Recht über Computerwissenschaften bis zur Business School. Was dem […]

Vato Lejava, CEO der Free University of Tbilisi, wartet am Eingang und führt mich durch die Räumlichkeiten seiner Hochschule am äusseren Rand der georgischen Haupt- stadt. Wo einst eine staatliche Lehranstalt untergebracht war, residiert seit 2007 eine private Universität, die bereits sämtliche nationalen Rankings anführt, von Recht über Computerwissenschaften bis zur Business School. Was dem mitteleuropäischen Beobachter sogleich auffällt: Die Klassen sind klein, 10 bis 20 Studenten treffen auf einen Professor, der zudem nur unwesentlich älter wirkt als seine Alumni. Ich notiere: Moderne Businesskultur trifft auf das Humboldt’sche Bildungsideal.

Lejava hat allen Grund der Welt, die guten Resultate der Free University zu loben. Denn was Qualität ist, entscheiden in Georgien nicht Bildungspolitiker, sondern die Studenten höchstselbst. Alle Kandidaten eines Jahrgangs legen dieselbe nationale Prüfung ab, die sie erst für den Besuch einer Hochschule qualifiziert, und teilen ihre Präferenzen mit. Ob sie tatsächlich in ihrer Lieblingsfakultät studieren können, hängt vom Prüfungsresultat ab – the best comes first. Jeder Student erhält vom Staat ein Pro-Kopf-Studiengeld (je nach Leistung 3000 Lari, 2100 Lari oder 1500 Lari), alle Universitäten, ob staatlich oder privat, konkurrieren um die besten Studenten. Die privaten Institute sind im Gegensatz zur öffentlichen Hochschule frei, das Studiengeld nach eigenem Belieben festzusetzen. Die Jahresgebühr der Free University beträgt beispielsweise 7000 Lari – was also, wenn der Student die Gebühren nicht selbst berappen kann? Dann springt die ebenfalls private Knowledge Foundation ein und übernimmt die Differenz.

Georgien hat also kurzerhand die Idee der Bildungs- gutscheine («Voucher») umgesetzt, die der amerikanische Nobelpreisträger Milton Friedman bereits in den 1950er Jahren verfocht und europäische Bildungspolitiker bis heute für Teufelszeug halten. Einer der Väter der Bildungsreform war Kakha Bendukidze, Unternehmer und von 2004 bis 2007 Reformminister unter Mikheil Saakashvili. Bendukidze hat 2007 die staatliche Universität gekauft, privatisiert und als Free University neu lanciert. Das erklärte Ziel des bekennenden Libertären: den Beweis erbringen, dass Privatisierung, Bildungsqualität und Solidarität einen schönen Dreiklang bilden – es scheint, als sei ihm dies gelungen.

Vato führt mich durch die gutdotierte Bibliothek und deutet voller Stolz auf eine kleine Sektion von Büchern. Es sind die wichtigsten Werke von Milton Friedman und der Austrian School of Economics. Er hat sie selbst gesponsert – für die besonders wachen Studenten.

Korruption kriegt die Quittung

23 Hühner für ein Staatsbankett? In Georgien können die Bürger kritisch prüfen, was sich ihre Politiker genehmigen. Kein anderes Land hat im letzten Jahrzehnt effektiver gegen Korruption und Misswirtschaft gekämpft – mit politischem Willen, neuen Technologien und den richtigen Anreizen.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»