«Wir mussten improvisieren»

Er war einst Reiseführer und lehrte Philosophie. Im Gespräch führt der Präsident Georgiens durch die Geschichte des Melting Pots zwischen West und Ost. Und erklärt das eigentlich einfache Prinzip der guten Nachbarschaft – auch zum Problemnachbarn Russland.

«Wir mussten improvisieren»
Giorgi Margvelashvili, photographiert von Leila Blagonravova.

Herr Präsident, ich bin zum ersten Mal in Georgien. Wenn Sie mein Reiseführer wären, welche Orte müsste ich aus Ihrer Sicht am ersten Tag unbedingt besuchen, um das Land zu verstehen?

Ich denke, am besten würden Sie erst mal die Altstadt von Tbilisi besuchen, die im 5. Jahrhundert nach Christus gegründet wurde. Kommen Sie bitte! [Giorgi Margvelashvili steht auf und bittet uns, ihm ans Fenster zu folgen, von wo aus wir das historische Zen-trum der georgischen Hauptstadt überblicken.] Hier, im Herzen der Stadt, sehen Sie eine Kirche, eine Moschee und eine Synagoge auf engstem Raum; über allen drei Gebäuden erhebt sich die Festung der Stadt, die «Zitadelle», wo sich die Stadtbewohner früher in Bedrohungssituationen zusammenfanden. Im historischen Zentrum können Sie alle Spuren und Schichtungen finden, die Georgien bis heute prägen, mitunter die Spuren der Invasoren: Araber, Perser, Seldjuken. Die Geschichte unseres Landes ist blutig und dramatisch. Die ständigen Angriffe liessen die Bewohner Georgiens zusammenrücken, sie suchten Zuflucht in der Festung inmitten der Stadt. Sie verteidigten sich gemeinsam, die ethnischen und kulturellen Differenzen spielten dabei keine Rolle. Diese Haltung ist Teil unserer Identität.

Juden, Christen und Moslems leben in Eintracht zusammen? Das klingt fast zu schön, um wahr zu sein.

Aber so ist es! Das Resultat ist erfreulich: Toleranz. Ungeachtet allen Leids leben wir hier in Frieden zusammen, das ist in Georgien absolut normal. Tbilisi ist bewohnt von Armeniern, Kurden, Juden, Russen, Griechen und natürlich Georgiern. Alle tun, was sie können, um ihr Leben zu verbessern. Die Identität Georgiens ist vielschichtig, sie kommt nicht im Museum, sondern nur auf der Strasse zum Vorschein, in den Gesprächen mit den Menschen.

Die werden wir führen. Aber zurück zu Ihnen: Sie haben als Guide durch die georgischen Berge geführt, später haben Sie Philosophie unterrichtet, leiteten einen Think Tank, nun sind Sie 45 Jahre jung und haben das wichtigste Amt in der Republik Georgien inne. Das ist ein überraschendes Curriculum, das so in Mitteleuropa kaum möglich wäre.

Georgien befindet sich in einer Transformationsphase, und in solchen Zeiten ist alles möglich. Die Biographien der Vertreter meiner Generation sehen sich ähnlich: Wir haben in einer starren Welt begonnen, nämlich in der Sowjetunion, in der Abweichungen nicht zugelassen waren. Alle mussten dem entsprechen, was ich als sowjetische Mittelmässigkeit bezeichnen würde. Ein jeder Lebenslauf war gleich durchschnittlich – jedenfalls offiziell. Gerade deshalb war wohl jeder von uns besonders darum bemüht, in dieser Eintönigkeit die eigene Individualität zu entwickeln. Als Anfang der 1990er Jahre die Fesseln gelöst wurden, hat das ungeheure Energien in uns freigesetzt. Es kam zu einer Explosion der Individualität, wir mussten improvisieren. Kurzum, jeder von uns erfand sich sein eigenes Leben und tut es noch immer.

Platon wünschte sich einen weisen Mann an der Spitze seiner idealen Republik. Sehen Sie sich als Philosophenkönig, der Georgien voranbringt und den Bürgern den Weg zum richtigen Leben weist?

Ich sehe mein Mandat darin, das Land in stabile Verhältnisse nach europäischem Modell zu führen, in Verhältnisse, die die ökonomische Entwicklung begünstigen. Konkret heisst das: Stärkung der Zivilgesellschaft und der politischen Akteure, mithin der Parteien. Am Anfang und Ende aller politischen und ökonomischen Stabilität steht der Bürger, der aktive, selbstverantwortliche Bürger, der sich um sich, seine Familie und um das grosse Ganze kümmert. Denn selbst die besten Institutionen nützen nichts, wenn der Bürger ihnen passiv gegenübersteht.

Georgien liegt zwischen West und Ost – man könnte auch sagen: am östlichen Rand Europas…

…genau so ist es…

…Sie wollen Mitglied der Nato und der EU werden…

…absolut. Das ist unser strategisches Ziel – allerdings nicht nur das Ziel dieser Regierung, sondern auch jenes früherer Regierungen. Hierfür gibt es geschichtliche Gründe: Georgien war immer…

Korruption kriegt die Quittung

23 Hühner für ein Staatsbankett? In Georgien können die Bürger kritisch prüfen, was sich ihre Politiker genehmigen. Kein anderes Land hat im letzten Jahrzehnt effektiver gegen Korruption und Misswirtschaft gekämpft – mit politischem Willen, neuen Technologien und den richtigen Anreizen.

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dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
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