Der Grossverteiler wird zum Grossinquisitor
Der Fall des Influencers Joung Gustav, den Migros und Coop nach migrationskritischen Äusserungen fallenlassen, zeigt eine bedrohliche Vermischung von Marktmacht und Moral.
Unternehmen dürfen frei entscheiden, was sie anbieten oder mit wem sie zusammenarbeiten. Aber es ist ein gesellschaftliches Alarmzeichen, wenn Migros und Coop einen Influencer wie Joung Gustav wirtschaftlich abstrafen wegen einer Meinungsäusserung, die migrationskritisch ist, aber weder strafbar noch rassistisch.
Zu denken gibt nicht primär die Doppelmoral einer woken Konzernwelt, die keine Angst vor Reputationsschäden oder der Verletzung ihrer «Unternehmenswerte» zeigt, wenn es um kontroverse Meinungen aus dem linken Spektrum geht. Jedenfalls hört man selten von gecancelten Influencern, Partnern oder Speakern, denen öffentlich vorgeworfen wird, sie seien antiisraelisch, proislamistisch, gegen konservative Christen oder für die operative Verstümmelung von Jugendlichen, die sich im falschen Körper fühlen. Solche «Positionen» sind offenbar kein Problem.
Viel bedenklicher ist eine allgemeine Gefahr, die sich in solchen Fällen zeigt: die schleichende Einschränkung der Meinungsfreiheit durch ökonomischen Druck. Denn heute werden öffentliche Meinungsäusserungen offenbar nicht nur von einem übergriffigen Staat bedroht, sondern auch von privaten Unternehmen und NGOs, die den Raum des Sagbaren begrenzen und so den Diskurs konditionieren. Wer von grossen Marktakteuren abhängig ist, setzt mit unerwünschten Ansichten seine wirtschaftliche Existenz aufs Spiel und schweigt lieber. Das führt zum stillen Tod der Debatte, genauer: zur Zunahme von Scheindebatten, die keine Grundsatzkritik mehr zulassen.
Ein globalisierter, gesinnungsmissionarisch auftretender Markt kann viel Macht ausüben, oft mehr als eine Regierung. Wie früher die kirchlichen Grossinquisitoren sind heute Konzerne in der Lage, Gegner des politisch Erwünschten zu bestrafen. Dieser unangenehmen Realität sollte sich eine offene Gesellschaft bewusst werden.
Es gibt kein Leben nach liberalen Prinzipen ohne den Wettbewerb der Ansichten und politischen Überzeugungen. Das mag zuweilen empfindlich an den Nerven der Toleranz zerren. Doch wer das begrenzen will, im Namen eines wie auch immer gearteten moralischen Programms, ist ein Feind der Freiheit, sei es nun eine Regierung, eine politische Organisation oder ein Detailhandelskonzern.