Das Bankkonto ist nicht so sicher, wie Sie denken – Unternehmen sollten ihr Geld besser direkt bei der Nationalbank parkieren
Konventionelle Banken halten nur Buchgeld. Das ist in unsicheren Zeiten riskant. Eine Vollreservebank würde Kundengelder bei der Nationalbank parkieren – damit wären sie vor Bankkrisen sicher.
Eigentlich ist es einfach: Die Einlagen auf Banken sind nicht Geld, sondern Zahlungsversprechen. Wenn die Banken wanken, schliessen die Schalter. Bei den Schweizer Grossbanken konnte dies 2008 (UBS) und 2023 (Credit Suisse) nur verhindert werden, weil der Staat beide Male mit Garantien einsprang. Sicheres Geld sind nur die Noten der Nationalbank und das Geld, das dort liegt, als Sichtguthaben.
Doch diese Sicherheit kann für alle geschaffen werden: mit einer Vollreservebank. Diese parkiert das Geld ihrer Kunden auf den Konten der Nationalbank und benützt es nicht zur Finanzierung der Bankgeschäfte. Das Geld ist damit dauernd vollständig verfügbar. Herkömmliche Banken setzen darauf, dass alle Einleger dran glauben, dass sie Zugang zu ihrem Geld haben. Wenn aber Zweifel aufkommen, dann ziehen alle die Einlagen ab, die Banken voneinander, das Publikum von den Banken – und die Bank kann ihr Versprechen nicht erfüllen.
Zum Publikum gehören insbesondere auch Unternehmen. Unternehmen haben viele gute Gründe, grössere Liquiditätsreserven zu halten. Der naheliegendste ist schlicht, um Zahlungen leisten zu können. Liquiditätspuffer können aber auch für unerwartete Ausgaben oder aus strategischen Überlegungen wichtig sein – beispielsweise um rasch handeln zu können, wenn sich attraktive Übernahmegelegenheiten ergeben.
Trügerische Stabilität
Doch Liquiditätsreserven machen Unternehmen zwangsläufig abhängig von Banken. Zum einen werden die Gelder als Buchgeld auf Bankkonten gehalten. Zum anderen werden Zahlungen über das Bankensystem abgewickelt. Diese Abhängigkeit hat mehrere Konsequenzen. Erstens sind Unternehmen von den Konditionen der Banken abhängig. Banken profitieren davon, dass im Bankensektor relativ wenig Wettbewerb herrscht. Ein Bankwechsel ist für Unternehmen mit erheblichen Kosten und administrativem Aufwand verbunden. Entsprechend reagieren Banken oft träge auf Veränderungen. Dass die Durchschnittslöhne im Bankensektor höher sind als in vielen anderen Branchen, ist kein Zufall, denn ein Teil der strukturellen Privilegien der Banken schlägt sich auch in den Einkommen der Angestellten nieder.
Zweitens sind die Liquiditätsreserven letztlich nur so sicher wie das Bankensystem. Banken sind Unternehmen, die im Vergleich zu anderen Branchen mit sehr wenig Eigenkapital arbeiten. Schon relativ kleine Verluste können ihre Solvenz gefährden. Hinzu kommt ein systeminhärentes Risiko: Jede Bank ist nur ein Gerücht von einem Bankrun entfernt. Wenn Zweifel an der Stabilität einer Bank aufkommen, beginnen rationale Kunden damit, ihr Geld abzuziehen – und lösen damit genau jene Liquiditätskrise aus, die sie befürchten.
«Jede Bank ist nur ein Gerücht von einem Bankrun entfernt.»
Diese Dynamik hat die Schweiz kürzlich erlebt: Innerhalb von nur 15 Jahren mussten beide Grossbanken um Hilfe ersuchen. Dass Banken mit so wenig Eigenkapital und Liquiditätsreserven operieren können, liegt letztlich auch daran, dass Staaten im Hintergrund stehen, die – so die Hoffnung – das Bankensystem stabilisieren. Unternehmen sind daher indirekt auch von der Stabilität der Staaten abhängig, die im Notfall Banken retten können.
Risikoreiche und unverzinste Stablecoins
Doch auch Staaten sind nicht frei von Risiken. Angesichts weltweit hoher Verschuldungsquoten sind staatliche Rettungsaktionen zunehmend von Zentralbanken abhängig. Damit sind Unternehmen letztlich auch von der Stabilität staatlicher Währungen abhängig. Zur klugen Vorsorge gehört daher auch die Einsicht, dass staatliche Währungen historisch betrachtet nicht unbegrenzt stabil sind.
Welche Alternativen gibt es? Ein Ausweichen auf nichtstaatliches Geld wie Bitcoin erscheint für Unternehmen kaum realistisch. Die Kursschwankungen sind zu gross, und die Risiken lassen sich für verantwortliche Entscheidungsträger schwer rechtfertigen. Zudem besteht die Möglichkeit, dass Bitcoin durch technologische Entwicklungen ersetzt wird oder schlicht an Bedeutung verliert. Zwar ist die Menge an Bitcoins begrenzt, doch dies garantiert keine dauerhaft hohe Nachfrage.
«Zur klugen Vorsorge gehört daher auch die Einsicht, dass staatliche Währungen historisch betrachtet nicht unbegrenzt stabil sind.»
Auch Stablecoins lösen das Problem kaum. Sie sind meist entweder mit Staatsschulden gedeckt – und tragen damit letztlich dasselbe Risiko wie staatliche Währungen – oder sie sind mit Bankeinlagen hinterlegt und hängen damit erneut vom Bankensystem ab. In manchen Fällen werden sie sogar mit noch volatileren Vermögenswerten wie Bitcoin besichert. Damit sind sie sowohl risikoreich als auch unverzinst – und bieten so gegenüber einem Bankkonto kaum Vorteile. Wenn Stablecoins hingegen verzinst werden, entstehen weitere, oft schwer durchschaubare Risiken.
Die Banken umgehen
Gibt es dennoch einen Ausweg? Eine mögliche Zwischenlösung für Unternehmen weltweit wäre eine Schweizer-Franken-Vollreservebank. Der Schweizer Franken geniesst international hohes Vertrauen. Er hat sich über lange Zeit gegenüber vielen anderen Währungen als stabil erwiesen – gestützt von einem Staat mit vergleichsweise niedriger Verschuldung, starken Institutionen und politischer Stabilität.
Unternehmen könnten gemeinsam eine eigene Vollreservebank gründen, die ausschliesslich der Zahlungsabwicklung und sicheren Verwahrung von Liquidität bei der Schweizerischen Nationalbank dient. Eine solche Institution wäre nicht den strukturellen Risiken eines Bankruns ausgesetzt. Eine Vollreservebank gäbe Unternehmen ein Stück Unabhängigkeit zurück. Sie würde das bestehende Bankensystem nicht ersetzen, aber umgehen, indem sie Unternehmen einen direkten und sicheren Zugang zu Liquidität bei der SNB ermöglicht – und damit auch Zugang zu «gesetzlichem Zahlungsmittel», wie es sonst (abgesehen von Bargeld) nur Banken haben.
Eine solche Bank hätte willkommene gesellschaftliche Nebeneffekte. Der Markteintritt würde für Wettbewerb sorgen, indem er die anderen Banken dazu zwingen würde, in die eigene Risikofähigkeit zu investieren, weil es eine sichere Alternative gäbe. Gleichzeitig würde diese privatwirtschaftliche Lösung eine digitale Zentralbankwährung für private Unternehmen und Haushalte (eine Retail CBDC) unnötig machen – und damit die Macht des Staates im Geldsektor beschränken.
Die Zeit drängt. Strategisch denkende Unternehmen sollten angesichts der Bedrohungen für unser Geldsystem handeln, bevor es zu spät ist.