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Was ist ein Mann?
Philippe Wampfler, fotografiert von Marc Renaud.

Was ist ein Mann?

Ein überholtes Konzept.

Ich bin 46 Jahre alt. Die Frage, was ein Mann sei, hat sich mir nie gestellt. Welchen Sinn sollte sie überhaupt haben? Meine Vermutung: Jede Antwort dient dazu, Menschen zu sagen, sie müssten sich als Mann bezeichnen. Oder sie dürften das nicht. Das widerspricht meinen grundsätzlichen Vorstellungen von Menschlichkeit und von Freiheit: Weshalb sollte ich einer Person vorschreiben, ob sie sich als Mann bezeichnen darf oder nicht?

Deshalb lautet meine Antwort: Ein Mann ist jede Person, die sich als Mann bezeichnet. Das funktioniert auch dann, wenn ich kritische Aussagen mache: Sobald ich eine Meinung äussere, die Männer auffordert, Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer Menschen zu nehmen, oder die Männer für den Schaden kritisiert, den sie mit problematischen Verhaltensweisen anrichten, fühlen sich genügend Menschen betroffen, für die nicht in Frage steht, dass sie gemeint sind.

Und doch gehe ich mit solchen Aussagen davon aus, dass es neben einem Gefühl noch etwas anderes gibt, was Männer verbindet: bestimmte Erfahrungen, Verhaltensweisen, Probleme. Als Mann in einer Gesellschaft zu leben, führt zu einer Auseinandersetzung mit bestimmten Erwartungen oder Normen. Schon Knaben lernen, bestimmte geschlechtsspezifische Verhaltensweisen zu zeigen: sich bewegen, sich durchsetzen, Mut haben, sich nicht aus dem Konzept bringen lassen. Diese Normen entwickeln sich und sind oft mit der Vergabe von Anerkennung und Kritik verbunden. Mann sein ist mehr als eine Bezeichnung – es ist eine gesellschaftliche Erwartungshaltung, die jemand annimmt. Männer bezeichnen sich nicht nur als Männer, sondern sie nehmen eine Rolle an, die mit gesellschaftlichen Normen verbunden ist.

Das Fiese an diesen Rollen: Männer lernen früh, dass sie geächtet werden, wenn sie diese nicht erfüllen. Wer als nichtmännlicher Mann lebt, hat es nicht einfach. Und um männlich zu wirken, muss man Dinge machen, die es anderen nicht einfach machen. Männlichkeit hat so eine ähnliche Struktur wie Mobbing: Wer nicht ausgeschlossen werden will, muss sich am Ausschluss beteiligen. Wer zeigt, wie männlich er ist, kann das tun, indem er anderen Männlichkeit abspricht. Männlichkeit ist fragil: Sie ist mit der permanenten Angst verbunden, andere könnten sie einem absprechen.

Typisch dafür für mich ist die Verhaltensweise von männlichen Teenagern, ihre Zuneigung über Beleidigungen auszudrücken. So können sie gleichzeitig zeigen, dass sie austeilen und einstecken können, dass sie gleichzeitig aggressiv und abgehärtet sind. Den Erwartungen zu genügen, die an Männer gestellt werden, steht für mich deshalb oft der Menschlichkeit entgegen: Will ich von anderen als Mann wahrgenommen werden, muss ich Dinge tun, die meinen Bedürfnissen widersprechen.

Wir müssen Männlichkeit verlernen. Seit «What Is a Woman?», dem seltsamen Dokumentarfilm von Matt Walsh zur Frage, was eine Frau sei, unterliegen viele Menschen einer Denkverwirrung: Sie meinen, möglichst strenge und einheitliche Definitionen seien wichtig. Das Gegenteil ist der Fall: Weiblichkeit und Männlichkeit müssen als Kategorien ihre Härte verlieren. Für alles, was Menschen wichtig ist, spielt es keine Rolle, ob wir Männlichkeits- oder Weiblichkeitserwartungen entsprechen. Vertrauen, Verbundenheit, Sicherheit, Glück, Intimität – das können wir alle mit Menschen erleben, die zu uns passen. Wer sich einredet, dafür bestimmten Erwartungen entsprechen zu müssen (oder diese Erwartungen an andere stellen zu müssen), macht sich das Leben unnötig schwer.

Doch auch wenn wir daran arbeiten, zu vergessen und zu verlernen, was und wer ein Mann ist, bleibt unsere Erfahrung bestehen. Viele Frauen haben Gewalt von Männern erfahren. Viele Männer haben Erwartungen verinnerlicht, an die sie sich in schmerzhaften Prozessen angepasst haben. Das geht nicht mehr weg, es prägt die Realität. Wir fühlen uns als Männer, wir nehmen andere als Männer wahr – aber wir können aufhören, diese Wahrnehmungen anderen aufzuzwingen. Ein Mann ist ein Konzept, das wir nicht mehr brauchen.

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Ahmad Mansour und Donat Blum, fotografiert von Ioannis Politis.
«Männlichkeit wird nach wie vor viel zu stark mit Dominanz gleichgesetzt»

Schriftsteller Donat Blum hält Männlichkeit für ein soziales Konstrukt und will ihr ­Empathie entgegensetzen. Psychologe Ahmad Mansour widerspricht und kritisiert die Verteufelung «alter weisser Männer». Ein Streitgespräch über Gendern, ­muslimischen Antisemitismus und Zärtlichkeit.

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