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«Wir konsumieren die zunehmende Lebenserwartung zu 100 Prozent als Freizeit»

Die Schweiz lebt in der Altersvorsorge über ihre Verhältnisse. Der Ökonom Aymo Brunetti mahnt am Debattenabend des Schweizer Monats: Wer die demografische Realität ignoriert, zahlt einen hohen Preis.

«Wir konsumieren die zunehmende Lebenserwartung zu 100 Prozent als Freizeit»
Debattenabend von Schweizer Monat und Valitas: Die Mathematik kennt keine Gnade – Aymo Brunetti über die unvermeidbare fiskalische Abrechnung unseres Rentensystems Foto: Sarah Amstad

Am Debattenabend des Schweizer Monats und der Valitas AG am Dienstag in Zug hat Aymo Brunetti die kollektive Verdrängung der demografischen Realität in der Altersvorsorge seziert. «Das ist ein mathematisches Problem», sagte der Ökonom. «Und bei mathematischen Problemen gibt es Lösungen, die politisch machbar sind – und solche, die Illusionen sind.»

Während die Schweizer Politik Beruhigungspillen verteilt, tickt die demografische Zeitbombe unaufhörlich weiter. Wir ziehen es vor, die gewonnenen Lebensjahre als schuldenfinanzierte Freizeit zu konsumieren.

Aymo Brunetti, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bern, erklärte mit stoischer Gelassenheit: Die Mathematik kennt keine Gnade. Seit Einführung der AHV im Jahr 1948 ist die Lebenserwartung der 65-Jährigen um rund acht Jahre gestiegen. «Diese zusätzlichen acht Jahre konsumieren wir zu 100 Prozent als Freizeit und zu 0 Prozent als Arbeit. Privat würde niemand eine so absurde Aufteilung wählen.» Doch demokratisch verkaufen wir dies als unantastbaren «Anspruch». Warum entscheiden wir politisch etwas, das wir privat niemals so entscheiden würden? «Weil wir das Gefühl haben, jemand anderes zahlt dafür.»

Kinder lassen sich nicht herbeisubventionieren

Hoffnungen, dass sich das Problem durch einen neuen Babyboom, Migration oder einen Produktivitätsboost lösen lassen, erteilte Brunetti eine Absage:

  • Mehr Babys? Ein demografischer Wunschtraum. Brunetti brachte es auf den Punkt: «Man kann das noch so attraktiv machen – das ändert an der Fertilitätsrate vielleicht marginal etwas, aber sicher nicht von 1,3 auf die 2,1, die man bräuchte.» Geburtenraten reagieren unelastisch auf Subventionen; Kinder lassen sich nicht staatlich herbeifördern.
  • Migration? Ein Schneeballsystem. «Damit Migration eine langfristige Lösung wäre, bräuchte es ständig zusätzliche junge Menschen.»
  • Produktivität? Wenn das Produktivitätswachstum von 0,8 auf 1,8 Prozent steigen würde, wäre das Problem zwar gelöst, so Brunetti. Doch: «Wer daran glaubt, liest eher Science-Fiction als Bilanzen.» Er zitierte Nobelpreisträger Robert Solow, der einst sagte: «Computer finden sich überall – ausser in den Produktivitätsstatistiken.» Brunetti erwartet denn auch keinen plötzlichen Produktivitätsschub durch künstliche Intelligenz.

Der Ökonom warnte, dass die vermeintliche finanzielle Stabilität des Vorsorgesystems lediglich eine schöne Fassade ist. «Wenn man die ungedeckten Versprechen der Sozialversicherungen ehrlich bilanziert, kommt man auf eine implizite Verschuldung von über 300 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.»

«Selektive Nachhaltigkeit»

Brunetti forderte eine Entpolitisierung des Vorsorgesystems – etwa durch eine automatische Anpassung des Rentenalters an die Lebenserwartung. Ironischerweise wird jedoch jeder Vorschlag zur Entpolitisierung – etwa die Renteninitiative der Jungfreisinnigen – ebenfalls politisiert und von den Profiteuren des Status quo versenkt.

Eine Ironie ist das auch deshalb, weil dieselben Kreise, die radikale Opfer für das Klima fordern, jede Nachhaltigkeit bei den Renten ablehnen, wie Brunetti mit leichtem Spott bemerkte. Er sprach von «selektiver Nachhaltigkeit».

Brunettis Fazit: Die Politik meidet automatische Mechanismen, weil sie vom Spielraum für leere Versprechen lebt. Die 65er-Guillotine wird fallen. Nicht aus politischem Mut, sondern aus mathematischer Notwendigkeit und weil der fiskalische Druck irgendwann zu gross wird. Die Jungen sind in der Unterzahl und bei Abstimmungen unterrepräsentiert. Die fiskalische Abrechnung wird erst erfolgen, nachdem das Problem noch einige Male aufgeschoben wurde. Es ist wahrscheinlich, dass die Jugend erst massiv fiskalisch zur Kasse gebeten werden muss, bevor eine Reaktion erfolgt.

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