Bahnhof

Uzwil – Die Ostschweiz versteht die Welt nicht mehr. Vergangenen Montagabend, ein Heer arbeitsamer Menschen wartete eben auf seine Beförderung, raste der Regio-Thurbo 3475, Herkunft Wil, Destination Mörschwil, fahrplanmässige Einfahrt 17.37, ohne seine Geschwindigkeit zu drosseln, am Bahnhof Uzwil vorbei, liess auch Flawil rechts liegen, ratterte rastlos durch Gossau und stob gar schnöd über St. […]

Bahnhof

Uzwil – Die Ostschweiz versteht die Welt nicht mehr. Vergangenen Montagabend, ein Heer arbeitsamer Menschen wartete eben auf seine Beförderung, raste der Regio-Thurbo 3475, Herkunft Wil, Destination Mörschwil, fahrplanmässige Einfahrt 17.37, ohne seine Geschwindigkeit zu drosseln, am Bahnhof Uzwil vorbei, liess auch Flawil rechts liegen, ratterte rastlos durch Gossau und stob gar schnöd über St. Gallen hinweg, bevor er bei Neuseeland, zwischen Rorschach und Staad, ein Einsehen hatte und dem Halteverlangen zahlreicher Passagiere nachgab. An exponierten Lagen sorgten die vom sausenden Ostwind provozierten Schneeverwehungen für zerstäubte Häupter und unsichere Strassenverhältnisse, und an die hundert Fahrgäste des entfesselten Thurbos hatten ihre ausgedehnte Winterreise wegen Tarifzonenübertritts mit Bussen zu bezahlen. Haltlos sei diese Raserei, habe die ganze Komposition doch bis Algetshausen perfekt mit dem Fahrplan harmoniert und die Lok nicht den geringsten Verzug aufzuholen gehabt, rapportiert der Sprecher der ermittelnden Bahnpolizei, die gesteht, nicht zu verstehen, was hinter dem Ausreisser steht: «Der Furor kam mit der Dämmerung, die Motive liegen im dunkeln.»

«Dem Zug ist die Selbstkontrolle entglitten, weil er sie eingeführt hat», erhellt ein Kenner der Szene die Lage. Seit eine umfassende Zerstückelung eingesetzt und integre Kondukteure und Billeteusen in gelbe Augen und schwarze Schwenkarme zersetzt habe, seit sich diese Entmenschlichung durchgesetzt und sprechende Köpfe mit knipsenden Händen durch quäkende Kästen mit gierigen Schlünden ersetzt habe, seit niemand mehr bindende Bücher mit festen Werten setze und die Welt nur noch flüchtigen Zeichen auf schmierigen Schirmen nachhetze, kurz, seit man im Zuge der vergangenen 20 Jahre die geordneten Bahnen allenthalben verlassen habe, sei man schleichend auf Abwege und endlich ins vorgestrige Chaos gelangt, sagt Mario Schnell, Präsident der Interessengemeinschaft Pro Kursbuch. «Auf Verwirrung folgt immer Auflösung», erklärt er das zügellose Verhalten des fehlbaren Thurbos. Mit dem zwischenmenschlichen Verständnis sei die Verbindlichkeit aus den Zügen gewichen und ungebremst mache sich die Maschine nun auf, wie Pluto ihre Väter zu fressen und ihrer eigenen Wege zu gehen. «Von wegen eigene Wege!», widerspricht Geraldine Thielmann, Dozentin für Verkehrsmittelpsychologie, der zufolge sich die Eisenbahn in einer ernsthaften Identitätskrise befindet. Einst stolze Künderin der Zukunft, sei sie heute geschmähte Verursacherin hoher Kosten und tiefer Verärgerung, jährlich sinkend sei die Zahl von Dachstöcken, Bastelkellern und Kinderköpfen, in denen sich ein Zug und alles um diesen drehe, und rasant steigend des Menschen Wunsch, unnötigen Raum unter sich zu lassen und in luftigen Höhen Zeit zu gewinnen. «Der Zug, der der Moderne den Weg gebahnt hat, befürchtet, von ihr überholt zu werden, und ergreift die Flucht nach vorn», deutet Thielmann den Thurbo, dessen Ausbruch jedoch, wie alle Zuckungen moderner Individualität, verlorner Aufbegehr sei: «Wie schnell der Zug auch fährt, nie wird er sich überwinden. Er kann nicht aus seinen Schienen.»

Die Behörden bitten um sachdienliche Hinweise.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»