Warum Bern nicht mehr alleinige Hauptstadt der Schweiz sein sollte
Der Kanton Bern, Sitz der politischen Macht in der Schweiz, ist vom Staat abhängig und hinkt deshalb dem Rest des Landes hinterher. Das Parlament sollte einen Teil des Jahres an einem anderen Ort tagen.
Vor der französischen Invasion von 1798 funktionierte die Schweiz ohne fixes politisches Zentrum. Die Tagsatzung tagte in Baden und in Frauenfeld. Nach französischem Vorbild führte die Helvetische Republik eine Hauptstadt ein. Bern wurde wegen seines Widerstands ausgeschlossen; den Zuschlag erhielt zunächst Aarau. Die Mediationsakte von 1803 führte eine Rotation zwischen mehreren Städten ein, die ab 1815 auf Bern, Zürich und Luzern beschränkt wurde. Als Bern 1848 zum festen Sitz der Macht bestimmt wurde, war es noch ein mächtiger Kanton. Grund dafür waren sein riesiges Territorium und seine landwirtschaftlichen Ressourcen. Seitdem verliert Bern stetig an Bedeutung.
Der schrittweise Niedergang des Kantons, der mit der französischen Invasion und dem Verlust von Territorium begann, beschleunigte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Als landwirtschaftlich geprägter Kanton litt Bern unter der Einführung der Eisenbahn in der Schweiz. Zuvor war es einfacher gewesen, die Ernteerträge zu hohen Preisen innerhalb des Kantons zu verkaufen. Mit der Einführung eines schnellen Transportmittels standen die Erzeugnisse des Kantons nun in Konkurrenz zu denen anderer Regionen.
Die Eisenbahn beschleunigte zudem die Industrialisierung des Landes, die in Bern kaum Fuss gefasst hatte, da die dortigen Eliten lieber von ihren landwirtschaftlichen Einkünften lebten. Während andere Regionen wie Zürich mit seiner bereits gut entwickelten industriellen Basis einen Aufschwung erlebten, blieb Bern stehen. Ab 1860 sank sein Anteil an der Gesamtbevölkerung der Schweiz, da sich Menschen bevorzugt an Orten mit Arbeitsplätzen niederlassen, wie der Historiker Christian Lüthi erklärt.
Vorbild Thurgau
Paradoxerweise ist Bern der zentrale Standort der Institutionen einer modernen Schweiz, die die Stadt in den Rang eines nostalgischen Kantons verwiesen hat. Bern ist eine Art Schweizer Venedig, ein Ort, der einst mächtig war, nun aber zum Statisten degradiert worden ist. Statt von Touristen wimmelt es hier allerdings von Beamten. Während es 1849 noch knapp 80 waren, sind es heute fast 39 000. Das Missverhältnis zwischen der Grösse des Staates und der kantonalen Wirtschaft erklärt, warum der Kanton viel weniger Ausländer zählt als der Rest der Schweiz. Denn diese arbeiten im Durchschnitt in wettbewerbsorientierten Sektoren, die von der wirtschaftlichen Dynamik abhängig sind. Hinzu kommt, dass Bern der am stärksten subventionierte Kanton der Schweiz ist: Er erhält jährlich über eineinhalb Milliarden Franken aus dem Finanzausgleich.
Angesichts dieser Faktoren ist die Stadt Bern der Ort, der am weitesten vom Leben des durchschnittlichen Schweizers entfernt ist. Diese Diskrepanz macht sich an Abstimmungssonntagen bemerkbar. Die Stadt ist neben dem kleinen Schelten die einzige Gemeinde im Land, die die Initiative zur höheren Erbschaftssteuer angenommen hat. Es stellt sich daher die Frage, warum ein Land, das seit 1848 eine bürgerliche Mehrheit hat und stark von seiner Exportindustrie abhängig ist, einer Stadt, die das Gegenteil verkörpert, so viel Macht einräumt.
Eine Lösung, um mit einem Schweizer Kompromiss aus dieser unbefriedigenden Situation herauszukommen, wäre, dem Beispiel des Kantons Thurgau zu folgen. Dort finden die Sitzungen des Grossen Rates an zwei Orten statt, im Winter in Weinfelden und im Sommer in Frauenfeld. Das Schweizer Parlament könnte die Hälfte des Jahres in Zug tagen, das pro Kopf am meisten in den Finanzausgleich einzahlt, und den Rest in Bern. So würden die Parlamentarier beide Seiten der Schweiz kennenlernen: diejenige, die zahlt, und diejenige, die ausgibt.
Diese Kolumne erschien zuerst auf Französisch in «Le Temps».