«Das war alles Gemauschel und Gemischel»
Beat Kappeler und Silvio Borner, fotografiert von Matthias Willi.

«Das war alles Gemauschel und Gemischel»

Ökonomieprofessor Silvio Borner und der frühere Gewerkschaftssekretär Beat Kappeler sprechen über verpasste Liberalisierungen, die Macht der Wirtschaftsverbände und dunkle Wolken am Horizont.

 

Beat Kappeler, Sie standen in den 1970er und 1980er Jahren als Sekretär des Gewerkschaftsbunds dem damaligen Vorort als Kontrahent gegenüber. Wie muss man sich Sitzungen zu dieser Zeit vorstellen? Sass man in verrauchten Hinterzimmern bei Whisky und Zigarren zusammen?

Beat Kappeler: Das passierte viel formaler. Die fünf Spitzenverbände – Vorort, Gewerbeverband, Arbeitgeberverband, Gewerkschaftsbund und Bauernverband – trafen sich im Rahmen der Ständigen Wirtschaftsdelegation im Zimmer 40 der damaligen Handelsabteilung. Diese Verbände haben zusammen einmal pro Monat, man kann sagen, die Schweiz regiert. Anwesend waren stets ein Generaldirektor der Nationalbank, sämtliche Amtsvorsteher und der Direktor des GATT (General Agreement on Tariffs and Trade), solange die Schweiz diesen stellte. Direkte Kontakte zwischen Gewerkschaftsbund und Vorort gab es nie – das geschah immer im Rahmen dieser ausserparlamentarischen Kommissionen.

Was wurde an diesen Sitzungen diskutiert?

Kappeler: Man besprach sämtliche Gesetzgebungsvorhaben und Verordnungen, und es wurden wichtige Impulse gesetzt. Zum Beispiel ging es um die Handelspolitik, um Abkommen, die die Schweiz abschloss, die Landwirtschaftspolitik oder arbeitsrechtliche Vorgaben – alles, was zur Wirtschaftsgesetzgebung im weiteren Sinn gehört.

Was war der Vorort damals für ein Verband?

Kappeler: Wie der Gewerkschaftsbund war er ein Dachverband mit Mitgliedsverbänden. Eine wichtige Rolle spielte der damalige Direktor Gerhard Winterberger. Seine offizielle Bezeichnung war «geschäftsführendes Präsidialmitglied». Er sass immer rechts des Staatssekretärs und ergriff als erster das Wort – was alle am Tisch respektierten. Die Rolle sowohl der Person Winterberger als auch des Verbands war also sehr dominant.

Silvio Borner, als emeritierter Wirtschaftsprofessor hatten und haben Sie eine andere Perspektive. Wie sahen Sie damals diese Verhandlungen?

Silvio Borner: Ich war immer ein Individualist. Deshalb mied ich solche Kommissionen. Diese Gremien waren politisch korrekt zusammengesetzt und bürokratisch dominiert. Für mich war das alles nur Gemauschel und Gemischel.

Sie standen der starken Rolle der Verbände kritisch gegenüber.

Borner: Ja. Man bezeichnete den Präsidenten des Vororts damals auch als achten Bundesrat. Es war wirklich ein starker Verband.

«Die Schweiz hat es nach dem Krieg verpasst,
ihre Wirtschaft konsequent zu liberalisieren.»
Silvio Borner

Wie würden Sie die Wirtschaftspolitik der Nachkriegszeit charakterisieren?

Borner: Wir hatten immer eine duale Wirtschaft. Auf der einen Seite gab es eine hochproduktive Exportwirtschaft, die international orientiert war und auf Freihandel basierte. Der Vorort und die anderen Verbände kontrollierten vor allem die Aussenwirtschaftspolitik. Auf der anderen Seite gab es die natürlich geschützte und politisch protegierte Binnenwirtschaft…

…in der von freiem Markt wenig zu spüren war.

Borner: Ja. Man ist im Zweiten Weltkrieg im Zuge des Notrechts stark in Richtung von Planwirtschaft und Korporatismus gegangen. Der Korporatismus zeigte sich beispielsweise in den ausserparlamentarischen Kommissionen. Andererseits gab es auch positive Seiten, etwa dass die Löhne auch im Binnensektor relativ hoch waren und bis heute sind. Man bedenke, dass beispielsweise eine Coiffeuse in Frankreich halb so viel verdient wie in der Schweiz. Dennoch glaube ich, dass es die Schweiz nach dem Krieg verpasst hat, ihre Wirtschaft konsequent zu liberalisieren.

Kappeler: Nicht zu vergessen sind die Kartelle, die damals die ganze Wirtschaft durchzogen. Es gab das Zementkartell, das Optikerkartell, das Bierkartell, 16 Bankenkartelle und zahllose weitere.

«Das Bierkartell war derart strikt, dass die Brauereien einschliefen und ihre ganzen Gewinne in Immobilien steckten. Sie hatten es nicht nötig,
neue Märkte zu erschliessen.»
Beat Kappeler

Um 1990 brachen die Kartelle zusammen. Wie kam es dazu?

Kappeler: Das war ich (lacht). Ich sass zu dieser Zeit in der Kartellkommission. Damals wurden Kartelle mit der sogenannten Saldomethode beurteilt, nach der Vor- und Nachteile eines Kartells abgewogen wurden. Wir haben dann diese Methode modifiziert, indem schon die Existenz eines Kartells allein als Nachteil gewertet wurde. Ich war Teil einer kleinen – manchmal nur aus einer Mehrstimme…

«Der Entkalker fürs Hirn:
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Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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