Thomas Sevcik, zvg.

The End of…
Ideologie

Neulich kritisierte ein einflussreicher Kommentator im Leibblatt der britischen Konservativen, dem «Daily Telegraph», dass die konservativen Regierungen in Grossbritannien seit 2010 praktisch keine konservativen Kernideen verwirklicht hätten. Das Land habe hohe Steuern, hohe Einwanderung und dazu links-«woke» Universitäten und Medien. Gleichzeitig bemängeln viele Linke in der Stadt Zürich in privaten Gesprächen, dass die seit über 12 Jahren klar links ­regierte Stadt kaum linke Kernideen verwirklicht habe: Die Stadt sei weiterhin ein Hauptakteur der neoliberalen Privatwirtschaft, Wohnungen würden noch teurer und die Autos seien immer noch da.

Wie hängen diese beiden Aussagen zusammen? Ganz einfach: Wir sind – zumindest im Westen – im Zeitalter der linkskonservativen Sozialmarktwirtschaft angekommen. Es hat sich sozusagen ein politischer Königspfad gebildet, der aus den folgenden Zutaten besteht: Zwar besteht ein Primat der Marktwirtschaft und privater Unternehmen, allerdings wird dies ­garniert mit vielen parastaatlichen Organisationen und «Too Big to Fail»-­Sicherheiten. Dazu kommen eine eher links anmutende Kultur, die sich ­zivilisations- und konsumkritisch gibt, aber nicht wirklich weh tut, sowie eine generelle Absicherung in Form von finanziellen Handouts oder ­sonstigen Zahlungen (derzeit beispielsweise gegen Inflation). Kein Wunder,
dass konservative Regierungen keine konservative Kultur etablieren ­können oder Linksregierungen keine Staatswirtschaft.

Wie ist es so weit gekommen? Ganz einfach: Mit der linkskonservativen ­Sozialmarktwirtschaft soll einerseits die Abwanderung grosser Wählerschichten zu populistischen Parteien verhindert werden; andererseits mussten die immer wichtiger werdenden Finanzmärkte dauernd beruhigt werden. Mit der neuen Mélange aus Ideologien, die sich eigentlich widersprechen, können sowohl Finanzmärkte als auch Nationalisten wie Sozialisten leben. Liberale leider auch, haben sie es doch versäumt, ein Gegennarrativ auf­zubauen. Denn irgendwie geht bei allen linkskonservativen Gesellschaften mit sozialer Marktwirtschaft das Primat der Freiheit verloren. Was uns eines Tages noch teuer zu stehen kommen könnte.

 

«Alles wo es sein muss:
Tiefe in den Gedanken.
Höhe im Niveau.»
Mark Schelker, Professor für Ökonomie,
über den «Schweizer Monat»