THE END OF…

MODELLE

 

Modelle sind an sich nichts Verwerfliches. Wir brauchen Modelle, um mögliche gesellschaftliche oder wirtschaftliche Entwicklungen zu antizipieren oder, bildlich gesprochen, um Brücken oder Gebäude zu entwerfen.

Doch diese Arbeit mit Modellen ist in den letzten Jahren einem absoluten Glauben an Modelle gewichen. So waren hochbezahlte Investmentbanker erstaunt, als ihre Subprime-Hypotheken-Modelle komplett versagten. Ökono­men ebenso, als sich die Inflation nicht wie im Modell vorhergesagt auswirkte. Bei der Klimadebatte droht das Gleiche. Selbstredend braucht es Modelle, um mögliche Erderwärmungen und potentielle Instrumente dagegen zu simulieren. Aber dass wir nun finite ­Modelle als alternativlos oder als finales Ergebnis behandeln, hat mehr mit einem quasireligiösen, vormodernen Festhalten an ewigen Wahrheiten als mit einem modernen, agilen Denken zu tun. Viele auf starren ­Modellen basierende Prophezeiungen – man denke da an die Weltkollaps-Aussagen des Club of Rome oder an Irrigationsmodelle der Sowjets für Baumwollfelder beim Aralsee – sind nicht im Ansatz eingetreten, also spektakulär gescheitert. Eine Modellrechnung führt eben nicht zu einem unausweichlichen Ergebnis, sondern ist nur ein mögliches Szenario unter anderen. Wären Modelle als Szenarien ­genutzt und im Sinne von Trial & Error immer wieder optimiert und adjustiert worden, gäbe es heute vermutlich mehr Aralsee und weniger Schulden.

Vermutungen, wieso finite, deterministische Modelle eine solche Renaissance erleben, gehen in zwei Richtungen. Zum einen mögen risikoscheue Gesellschaften ­keine unklaren Outcomes, denn gesicherte Lebensbiogra­fien verlangen nach gesicherten Modellen. Zum anderen hat die riesige Zunahme an akademisch ausgebildeten Menschen zu einer Art Nivellierung der Denkagilität bei Wissensarbeitern nach unten geführt: fixe, finite, schematische Denkmodelle ohne Kreativ- oder Ideenanteil sind ideal für Massen-Bachelorstudiengänge oder ­starre Big-Corporate-Welten. Sich gegen ein Modell zu stellen ist da in der Tat schon viel mutiger. Aber sehr oft viel ­erfolgreicher.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»