Selektive Empathie macht die Gesellschaft nicht humaner, sondern brutaler
Gut gemeinte Umerziehung hat die Menschen im Westen anfällig für eine Form des Mitleids gemacht, die selbstzerstörerisch wird. Und Menschenleben kostet.
Eine junge Frau wird in der U-Bahn angegriffen. Der Täter tritt ihren Begleiter, packt sie am Kopf und versucht, sie zu Boden zu reissen. Sie erstattet keine Anzeige. Warum? Weil sie «nicht noch einen schwarzen Mann ins Gefängnis bringen wollte». Wenige Wochen später tötet derselbe Mann einen 76-jährigen pensionierten Lehrer, indem er ihn eine Treppe hinunterstösst. Ein unschuldiger Mensch stirbt.
Der Fall, der sich diesen Frühling in New York ereignet hat, ist kein tragischer Zufall. Und erst recht kein Einzelfall. Er ist ein Symptom dafür, wie Teile des linksliberalen Milieus im Westen durch jahrzehntelange ideologische Umerziehung Realitätssinn und gesunden Menschenverstand verloren haben. Nicht durch einen Diktator, sondern durch gezüchtete Schuldgefühle und einen rassistischen Paternalismus, der Täter entmündigt und Opfer unsichtbar macht.
An Universitäten, in Redaktionsstuben, NGOs und progressiven Justizbehörden wurde systematisch vermittelt: Schwarze Gewalttäter sind vor allem Opfer eines «Systems». Ihre Taten sind weniger individuelles Versagen als Ausdruck historischer Ungerechtigkeit. Die Folge ist eine einseitige Empathie, die mehr Verständnis für die «Traumabiografie» des Täters aufbringt als für das zerstörte Leben seines Opfers. Das ist kein Mitgefühl. Das ist moralische Selbstinszenierung auf Kosten Unschuldiger.
«Der Fall ist ein Symptom dafür, wie Teile des linksliberalen Milieus im Westen durch jahrzehntelange ideologische Umerziehung Realitätssinn und gesunden Menschenverstand verloren haben.»
Die «richtige» Moral steht über der Menschlichkeit
Diese Haltung speist sich aus einem tiefen Unbehagen vieler Privilegierter: Sie profitieren von einer hochfunktionierenden westlichen Gesellschaft, haben aber das Gefühl, selbst wenig dazu beigetragen zu haben. Sie sitzen am reich gedeckten Tisch von Aufklärung, Rechtsstaat und Wohlstand und ahnen, dass sie diesen Platz nicht wirklich verdient haben. Die Kompensation erfolgt durch demonstrative Solidarität mit den «Opfern des Systems». Koste es, was es wolle.
Doch echte Empathie darf niemals einseitig sein. Sie muss beide Seiten sehen. Täter und Opfer. Ein Richter, der sich nicht in die Lage des Verurteilten versetzen kann, wird grausam und ungerecht. Genau wie in totalitären Systemen, wo die «richtige Moral» über Menschlichkeit gestellt wird. Ein Soldat, der im Feind keinen Menschen mehr erkennt, wird zum Monster. Empathie schützt vor solcher Verrohung.
Genau deshalb ist die aktuelle selektive Empathie so gefährlich: Sie macht unsere Gesellschaft nicht humaner, sondern härter und brutaler. Indem sie Täter systematisch entlastet und Opfer vernachlässigt, erzeugt sie genau jene Kälte, die sie zu bekämpfen vorgibt. Wer nur noch Täter als Opfer sieht, verliert am Ende das Mitgefühl für die Schwachen. Für die junge Frau in der U-Bahn, den Lehrer auf dem Heimweg, die alleinerziehende Mutter im Problemquartier. Die Konsequenzen tragen nicht die wohlhabenden Aktivisten in ihren sicheren Vierteln, sondern die Normalbürger.
«Wer nur noch Täter als Opfer sieht, verliert am Ende das Mitgefühl für die Schwachen.»
Die Kehrseite des Mitgefühls
Dieses Phänomen nennt der brillante kanadische Evolutionspsychologe Gad Saad treffend «Suicidal Empathy». Eine Empathie, die sich selbst zerstört und die unter dem Deckmantel woker Selbstmitleidsideologie ganze Gesellschaften in den Abgrund führt. Der Begriff wirkt wie ein intellektueller Dreh: Er nimmt die heiligste Tugend der Linken – das Mitgefühl – und kehrt sie um. Aus moralischer Überlegenheit wird plötzlich pathologische Selbstzerstörung. Genau deshalb hassen sie ihn so sehr. Erklärung von Verhalten ist wichtig. Trauma prägt. Biografien erklären vieles. Aber Erklärung ist niemals Entschuldigung. Eine reife Gesellschaft braucht beides: tiefes Verständnis für menschliche Schwäche und den klaren Mut, Verantwortung einzufordern und die Unschuldigen zu schützen. Nur so bleibt Empathie lebendig und Gerechtigkeit menschlich.
Zu wenig Empathie macht hart. Falsche, einseitige Empathie macht blind. Und Blindheit wird früher oder später brutal.
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