Ein schlechter Ratgeber
Jürg Halter, fotografiert von Rob Lewis.

Ein schlechter Ratgeber

In Sachen Gleichberechtigung war Hermann Hesse auf der Höhe seiner Zeit. Leider.

Jürg Halter kommentiert «Ratbriefe für junge Mädchen und anfangende Dichter» von Hermann Hesse.


 

Liebe Luise T.,

 

durch Zufall bin ich im Archiv des «Schweizer Monats» auf den kurzen Brief von Kollege Hesse gestossen; eine Antwort, die sich offenbar auf ein Schreiben von Ihnen bezieht, das, wie man mir mitteilte, längst verlorenging. Ehrlich gesagt, hätten mich Ihre Zeilen mehr interessiert als seine. Er schien mir sehr kurz angebunden zu sein. Und so zweifellos in seinem Urteil über Sie respektive Ihre Zeilen, die ich nur erahnen kann.

Ich stelle mir vor, dass Hesse, berühmt und altersmüde, aber noch immer zutiefst pflichtbewusst, auf jedes Schreiben, das ihn erreichte, schriftlich reagierte. Das ist an und für sich bewundernswert, doch auch fragwürdig. Hätte es ihm und denen sich an ihn wendenden Menschen nicht mehr gedient, eine Auswahl zu treffen, um jeweils mehr in die Tiefe gehen zu können, anstatt schnelle und unpersönliche Statements rauszuhauen? Diese Problematik, sich selbst vor lauter Pflichtbewusstsein eine Überforderung nicht eingestehen zu können, ist mir bekannt. Ich versuche auch auf alle Zuschriften zu antworten (bei mir sind es selbstverständlich weitaus weniger, als es bei Hesse waren), aber schaffe es nicht immer. Manchmal ärgere ich mich, dass ich überhaupt geantwortet habe (etwa auf Hassnachrichten) oder wenig reflektiert. Und oft verpasse ich den Zeitpunkt, um noch antworten zu können, ohne mich zuerst für meine heillos späte Würdigung entschuldigen zu müssen. Doch jetzt zu Ihnen.

Mit einigem Rechercheaufwand habe ich Ihre Adresse ausfindig machen können. Sie sind mittlerweile 87 Jahre alt, leben alleine in derselben Wohnung in Locarno, in die Sie vor 20 Jahren, nachdem Sie unter anderem in Tokio, New York und Buenos Aires als Politjournalistin gelebt hatten, gezogen sind. Sie seien, so wurde es mir berichtet, bei bester Gesundheit – wie schön!

Ich frage Sie ganz direkt: Sind Sie in Ihrem Leben auf Verbündete gestossen? Auf die anderen? Dieses Gefühl, alleine in der Welt zu sein, nicht verstanden zu werden, das kenne ich nur zu gut aus der Zeit, als ich so alt war wie Sie, als Sie Hesse schrieben: 21. Heute bin ich 40 und, ehrlich gesagt, noch immer ein Suchender (entschuldigen Sie das Pathos!). Auch wenn ich mittlerweile weiss, dass ich nicht alleine unterwegs bin. Aber ich glaube, dass die Suche nach Verständnis, Verstandenwerden und Entsprechung auch so nie aufhört. Oder liegt das nur an mir? Sie hätten bestimmt einen klugen Rat für mich.

Hesse schrieb Ihnen 1955: «Viele leiden dasselbe wie Sie, viele sind allein und finden sich von allen getrennt und verschieden, nur weil sie zu sehr in sich selbst verkapselt und verliebt sind und zu keinem andern hinfinden.» Das ist nicht falsch, aber unvollständig und so grob dahingesagt! Als sogenannt gestandener, bewunderter Mann vergass Hesse (aus Eitelkeit?), dass es eben erst mal entsprechendes Selbstbewusstsein braucht, sich selbst kritisch zu sehen, ohne darüber allzu sehr verunsichert zu werden. Oft ist es auch eine Frage des Glücks, Menschen um sich zu haben, die einem die Sicherheit geben, sich angstfrei zu zeigen, so wie man ist und sich fühlt. Vielleicht erfährt man erst dadurch, dass man nicht alleine, von allen getrennt und verschieden ist. Dieses Glück widerfährt nicht allen. Oft ist es auch nicht von Dauer. Schon geht die Suche weiter. Wonach? Da bin ich wieder bei Hesse: «Was ihr brauchet, ist Liebe, ist Hingabe, ist Gespräch, Offenheit, Mitteilung, Vertrauen.» Weil sonst «bleibt die Welt dunkel und das Leben sinnlos». – Oh, wär’s nur so einfach!

Was mir gerade bewusst wird: 1955 galten Sie in der Schweiz als Frau als zweitklassiger Mensch. Sie waren ohne Stimmrecht und… aber das führt hier zu…

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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