Entweihung

Auf der Strasse liegt die unbefleckte Jungfrau. Kopf und Schleier sind unversehrt, nur von der Stirn ist ein kleines Stück abgeplatzt. Die betenden Hände jedoch sind zertrümmert, ebenso der Unterleib. Mit voller Wucht war ihr der Bilderstürmer auf den Bauch gesprungen, nachdem er die Skulptur auf die Strasse geworfen hatte. Nun marschiert der Protestzug der […]

Auf der Strasse liegt die unbefleckte Jungfrau. Kopf und Schleier sind unversehrt, nur von der Stirn ist ein kleines Stück abgeplatzt. Die betenden Hände jedoch sind zertrümmert, ebenso der Unterleib. Mit voller Wucht war ihr der Bilderstürmer auf den Bauch gesprungen, nachdem er die Skulptur auf die Strasse geworfen hatte. Nun marschiert der Protestzug der Empörten achtlos über die Gottesmutter hinweg. Einige blicken zu dem Photographen herunter, der sich niedergekniet hat, um die Szene aus der Untersicht festzuhalten. Von dem Täter und seinen Kumpanen fehlt jede Spur. Sie sind nach vollbrachtem Frevel in der Menge verschwunden.

Ein Hüne von Gestalt war der Missetäter, bewehrt mit Kampfstiefeln, Kapuzenpullover und schwarzer Maske. Er nutzte den Protest gegen Finanzkrise, Bankenmacht und Regierungskorruption zum Bildersturm. Auf einer der ältesten Strassen Roms, der Via Labicana, drang er in eine Pfarrkirche ein, zerstörte ein Kruzifix, zerschmetterte die Marienskulptur auf dem Asphalt und trat, unter dem Gejohle seiner Spiessgenossen, mit dem Absatz nochmals nach. Gewalt war an dem Tatort nicht unbekannt.

Die Kirche ist den Märtyrern Marcellinus und Petrus geweiht. Sie fielen um 300 n.Chr. der letzten Christenverfolgung unter
Kaiser Diokletian zum Opfer. Dass dem selbsternannten Strassenkämpfer der Sinn seines Frevels gegenwärtig gewesen wäre, ist unwahrscheinlich. Ihn reizte die Aktion, die symbolische Mutprobe, die Schändung der heiligen Figur, die Geste der Zerstörung. Destruktion durchbricht Grenzen, sie schlägt Türen ein, löscht die Aura der Bildwerke, wirft Heiliges in den Schmutz des Profanen.
Das Gebot des Bewahrens ist aufgehoben, mit Jubel und Getöse feiert der Mob das Zerstörungsfest. Klirrendes Glas und
knirschender Gips verkünden den Durchbruch. Es regiert das Gesetz des Zufalls. Jeder Wurf, jeder Tritt ist recht.

Der Mutwille des Ausprobierens hat seinen eigenen Reiz. Das böse Spiel soll Chaos, Krawall und Scherbenhaufen hinterlassen. Sein Ziel ist das Siegeszeichen der Willkür, die Spur eigener Omnipotenz. Den Ehrentitel der Anarchie haben sich die römischen Bilderstürmer, Plünderer und Randalierer nur angemasst. Sie frönten ihrer Destruktivmacht. Doch nicht auf die Leere der Verwüstung waren sie aus, sondern auf eine sichtbare Trophäe des Willens zur Schändung. Es war eine Aktion für Zuschauer, und das Photo dokumentiert den Frevel für alle Zeit.

Die Demonstranten paradierten an den Bruchstücken vorbei. Sie goutierten die Tat mit Gelächter oder Gleichgültigkeit. Ihre Idole waren von anderer Art. Sie folgten den Fahnen des Protestes, gefielen sich im Erlebnis wütender Empörung und im Gleichklang selbstgerechter Gemeinschaft. Alte Bildwerke der Andacht, der Ehrfurcht und Hoffnung waren ihnen nur Asche und Staub.

Dennoch hält jeder Akt der Entweihung manifest, was er entwürdigt. Er kehrt hervor, was er zunichte macht. Die heilige Vogelscheuche, das zerkratzte Antlitz, der verschmierte Grabstein, das zerbrochene Kreuz, die Jungfrau ohne Unterleib – an den Überresten sollen Anhänger und Zuschauer erkennen, dass das Höchste unnützer Abfall, dass das Heilige nur Unrat, dass Gott nur ein Götzenbild ist.

Minuten später las jemand die Bruchstücke der Gipsskulptur von der Strasse auf und lehnte sie an die nahe Häuserwand. Wie eine Bettlerin beobachtete die heilige Jungfrau das Treiben auf der Strasse. Im Hintergrund loderte noch das Feuer des Aufstands, der Protestzug jedoch war verschwunden, ein paar Nachzügler, darunter ein älteres Ehepaar, begutachteten die Szenerie. Wie eine stumme Zeugin ihrer eigenen Schändung blickte Maria auf die Schuhe und Hosenbeine der Passanten. Niemand beachtete sie. Aber auch nach der Entweihung war die Figur mehr als ein Stück demolierter Gips. Die Schutzherrin der Kranken und Beladenen, die Mittlerin des Heils war zurückgekehrt an ihren wahren Bestimmungsort. Der Angriff stürzte sie aus der Geborgenheit des Kirchenraums in den Abgrund der Stadt. Unter den Ungläubigen harrte sie aus, bis ein barmherziger Diener einen neuen Platz für die demolierte Gipsstatue fand.

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
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