Nun ist die Wirtschaft an der Reihe
Vinay Gupta, fotografiert von Peter Buxton.

Nun ist die Wirtschaft an der Reihe

Bitcoin hat einen Transformationsschub ausgelöst, der alle Branchen erfassen wird.

Das unsterbliche Bild des Schriftgelehrten, der sich im Schummerlicht über ein halbfertiges Manuskript beugt, ist in unsere kollektive Vorstellungskraft eingebrannt, weil in dieser Zeit so grosse Teile unserer Kultur geformt wurden. Es ist der Höhepunkt des mittelalterlichen Lernens. Mit der Erfindung beweglicher Druckbuchstaben begann das Informationszeitalter. Die Möglichkeit, Bleilettern in verschiedenen Texten mehrfach zu verwenden, Text zu erstellen und zu transformieren, Bücher aus wiederverwendbaren Buchstaben in Massenproduktion herzustellen, weist bereits viele Attribute der Digitalisierung auf, lange bevor etwas, das auch nur im Entferntesten wie ein Computer aussah, erfunden war.

Einige Bereiche unserer Kultur sind heute bereits vollständig digitalisiert. Musik, Fernsehen, Bücher: All diese Dinge tragen noch etwas von der alten Welt in sich – zum Beispiel ist es noch nicht möglich, auf eine Filmleinwand zu klicken und einzelne Schauspieler auszutauschen –, aber was ihre Verbreitungskanäle betrifft, sind sie bereits vollständig im Internetzeitalter angekommen. Sie haben den Übergang ins Digitale geschafft. Social Media haben eine unendliche Vielfalt vernetzter Inseln der Popkultur geschaffen, die gleichzeitig lokal und global sind – eine kulturelle Struktur, die ihresgleichen sucht.

«Eine digitale Finanzwelt bedeutet nicht nur die Automatisierung der bestehenden bürokratischen Papierprozesse, sondern eine Veränderung der grundlegenden Machtverteilung innerhalb des Finanzsystems zugunsten von Einzelpersonen und weg von Institutionen und Regierungen.»

Wenn ich gerade durch die sozialen Medien gestöbert oder einen Film gestreamt habe und dann mit meiner Bank interagiere, kommt es mir vor wie eine Zeitreise in die Vergangenheit. Obwohl einige Finanzbereiche oberflächlich digitalisiert worden sind, wenn ich etwa an den Aktienhandel über Hochglanz-Apps denke, dominiert doch das Gefühl, dass wir in der Finanzwelt einer gigantischen globalen Bürokratie gegenüberstehen, die zwar Feder und Tinte durch E-Mails und Kassenbücher durch Datenbanken ersetzt hat, aber jederzeit zurückwechseln könnte, ohne ihre Strukturen grundlegend zu verändern. Anders ausgedrückt: Es fühlt sich vordigital an, selbst wenn ich über eine App auf die Dienste zugreife.

Die dezentrale Finanzrevolution der Bürger

Das Hauptmerkmal der modernen digitalen Kultur ist Empowerment. Ich kann in Sekundenschnelle von einem Video auf YouTube dazu übergehen, selbst ein Video aufzunehmen: Genau zwei Klicks dauert der Wechsel. Auf sozialen Medien wie Facebook oder Twitter kann ich mit demselben Handgriff lesen und antworten. In einer Aktienhandels-App hingegen kann ich nicht einfach eine neue Aktie erstellen. Wenn ich mit meiner Bank interagiere, kann ich kein neues Konto einrichten oder entscheiden, ob mein Konto in einer neuen Währung geführt werden soll. Alles hat feste, starre Abläufe, alles folgt unsichtbaren Regeln. Ich bin in einem bürokratischen Käfig gefangen, der sich ganz anders anfühlt als der Rest der Welt um mich herum.

Man mag einwenden, Geldfragen seien nun mal etwas anderes als Medien und Meinungen. Aber auch Medien und Meinungen sind ein grosses Geschäft. Der Marktwert von Facebook – 800 Milliarden US-Dollar! – basiert fast ausschliesslich auf Medien und Meinungen.

Eine digitale Finanzwelt bedeutet also nicht nur die Automatisierung der bestehenden bürokratischen Papierprozesse, sondern eine Veränderung der grundlegenden Machtverteilung innerhalb des Finanzsystems zugunsten von Einzelpersonen und weg von Institutionen und Regierungen. Kryptoaktivisten würden im Zusammenhang mit dieser Machtverschiebung vielleicht von «Selbstsouveränität» sprechen oder das so entstehende, einer finanziellen Anarchie sehr ähnlich sehende System als «dezentral» bezeichnen. Aber es ist ein bisschen, als würde man Facebook-Posts als «selbstsouveräne Nachrichten» oder ein selbstgedrehtes YouTube-Video als «selbstsouveränen Film» bezeichnen.

Der eigentliche, grundlegende Einflussfaktor ist, dass Individuen ihre eigene kleine, vereinfachte, aber für sie zufriedenstellende Version der gleichen Dinge erstellen können, die grosse In­stitutionen produzieren und verkaufen: Professionelle Pop-Clips mit einem Budget von einer Million Dollar haben manchmal weniger Aufrufe als ein Kind mit Gitarre und guter Stimme, das in seinem Schlafzimmer das richtige Lied zur richtigen Zeit covert.

Befreien wir digitale Waren von pathologischen Regeln

Die Welt ist voller Dinge, die wir gern besitzen würden. Einige dieser Dinge sind schwer zu bekommen, selbst wenn wir Geld haben: Limited Editions oder Spaghetti, die genauso schmecken wie bei diesem Koch neulich. Das Geld steckt zwar in den Märkten, aber viele dieser Märkte haben seltsame, pathologische Regeln.

Nehmen wir das Beispiel Flugtickets: Warum kann ich ein Flugticket nicht zum Preis meiner Wahl an jemand anderen weiterverkaufen? Nun, weil die Fluggesellschaft den von mir bezahlten Betrag viel lieber behalten und meinen Sitzplatz ein zweites Mal verkaufen will, wenn ich den Flug nicht wahrnehmen kann – natürlich zu erpresserischen Last-Minute-Bedingungen. Wie wäre es denn, geschätzte Fluggesellschaften, wenn Sie die Flugzeuge fliegen und wir uns um die Sache mit den Tickets kümmern? Verkaufen Sie sie doch einfach im Grosshandel und lassen Sie sie auf dem Sekundärmarkt bewerten.

Klingt verrückt? Wenn Sie diese Logik auf die bestehende Luftfahrtindustrie anwenden, ist es tatsächlich verrückt: Die Airlines würden alle sofort bankrottgehen. Es zeigt jedoch auch, wie wichtig die räuberische Preisgestaltung für das Funktionieren der Luftfahrtindustrie ist. Wie aber würde die Welt aussehen, in der es für alles eine angemessene Marktinfrastruktur gäbe? In der Sie alles, was Sie kaufen können, auch verkaufen könnten? Alles ist jederzeit gut übertragbar: Warum sollten Sie einen Mietwagen nicht an jemanden weitergeben dürfen, der ihn mehr braucht als Sie, solange er sich bereit erklärt, Sie auf dem Weg bei Ihrem Hotel vorbeizubringen? Ist doch super, solange die Versicherung auf den Fahrer übergeht.

Es ist schwer, sich eine solche Welt vorzustellen, denn wir sind es gewohnt, von Marktmachern ausgenutzt zu werden. Fluggesellschaften, Autovermieter, Vermieter – jeder versucht, den Markt für seine Waren zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Nicht nur, indem er versucht, höhere Preise durchzusetzen, sondern indem er die Preise manipuliert, Kunden in Notsituationen ausnutzt und es den Menschen ganz allgemein möglichst schwer macht, zu bekommen, was sie eigentlich haben wollen.

«Wir sind letztlich immer noch Mönche, die Bücher von Hand abschreiben, und das ist ärgerlich, ineffizient und ungerecht.»

Dies hinterlässt allenthalben das Gefühl, dass der Markt manipulativ und korrupt sei, und wirft uns zurück in längst vergangene Zeiten des Finanzwesens, als Tante Emma und Otto Normalverbraucher die Opfer streng überwachter Informationsflüsse und undurchschaubarer Verträge waren. Ein echtes digitales Finanzwesen ist jedoch ein transparentes Finanzwesen, und die effektiven Kosten für die Einrichtung liquider Märkte für (zum Beispiel) alle Arten von Handelsrechten sinken von Tag zu Tag: Die Einrichtung der oben genannten 100-Dollar-Währung wird in einem Jahr nur noch einen Dollar kosten, und ihre Einheit könnten limitierte Flugticketangebote für eine bestimmte Strecke sein. Oder Mietzeiträume für Autos in und um Zürich, Kita-Plätze oder Konzertkarten.

Die meisten Marktpathologien, wie massenhafte, betrüge­rische und überteuerte Ticketwiederverkäufe bei eBay, sind auf Intransparenz und Transaktionsschwierigkeiten zurückzuführen. Dem kann mit einer geeigneten technischen Marktinfrastruktur für Märkte Abhilfe geschaffen werden: Menschen könnten endlich das bekommen, wofür sie bezahlen, ohne bizarre Marktdynamiken und Manipulationen. Keine Zwischenhändler mehr, nur klar definierte Handelsrechte in liquiden, globalen Märkten. Wie diese Transformation gesteuert und verwaltet werden soll, will wohlüberlegt sein, aber ich kann nicht genug betonen, wie stark der zugrunde liegende technologische Trend ist: Medien sind sozial, Märkte sind liquide – und um die nächste Ecke wartet bereits die künstliche Intelligenz.

KI für die Realwirtschaft nutzen

Quantitative Hedgefonds sind bereits heute überwiegend KI-getriebene Unternehmen. Ja, die Algorithmen, die sie verwenden, können es nicht mit DeepMind oder GPT3 aufnehmen – der Ansatz ist ein anderer, aber letztendlich geht es darum, Korrelationen in einem riesigen Meer von Wirtschaftsdaten zu erkennen und zu nutzen, die ein Mensch ohne Maschinenhilfe auch in tausend Jahren nicht entdecken würde. Diese Ansätze sind effizient – sehr, sehr effizient.

Das grosse Aber: Sie funktionieren nur für Dinge, die Maschinen kaufen und verkaufen können. Ein Quant Fund kann Zinn-Futures und Schweinebäuche kaufen, weil das Chicago Board of Trade oder eine andere Warenbörse diese Güter über einen elek­tronischen Markt zugänglich macht. Aber kein automatisierter Marktspekulant kann eigenständig flüssiges Kapital in einen zusätzlichen Flug von Chicago nach Oakland am späten Freitagabend stecken, weil er glaubt, dort eine Nische entdeckt zu haben: Man müsste einen bestimmten Menschen bei einer Fluggesellschaft überzeugen, und die Fluggesellschaft ist für solche Kapitalanlagen nicht konfiguriert: Sie ist illiquide.

Jetzt betreten unsere hyperliquiden Märkte die Bühne: Hier bieten Sie auf einem Markt ganz einfach «Optionen für zukünftige Tickets für diesen Flug» an, beweisen so, dass genügend Nachfrage besteht, um einen Flug durchzuführen, und betätigen dann die Schnittstelle der Airline, damit diese einen Flug für den entsprechenden Start-Slot anmeldet. Jetzt steigen die Optionen im Wert, nun besteht die ernsthafte Aussicht, dass dieser Flug tatsächlich stattfindet. Die Optionen bleiben auf dem Markt verfügbar, bis der Flug gechartert wird – dann werden sie eingelöst und verwandeln sich in Sitzplatzreservierungen, mit denen wiederum gehandelt werden kann, bis das Flugzeug startet.

Das mag kompliziert und chaotisch klingen, aber ich garantiere Ihnen, dass es mit einem System wie diesem keine Last-Minute-Angebote für 5000 US-Dollar geben wird, während die Flugzeuge, die tatsächlich abheben, immer gut gefüllt sein werden. So werden Kunden nicht durch überhöhte Ticketpreise verprellt, wenn sie einmal Last Minute fliegen müssen: Selbst wenn ein Flug fast voll ist, wird es immer jemanden geben, der für 500 Dollar gern einen späteren Flug nimmt.

Die Menschen, die diese Systeme betreiben, müssen gar keine Menschen sein. KIs könnten miteinander konkurrieren, um alle Daten der Welt zusammenzukratzen und die Ergebnisse in Dienstleistungen und Produkte umzuwandeln, die Menschen haben wollen, indem sie Komponenten zusammenstellen, die auf solchen hyperliquiden Märkten gehandelt werden. Wenn alles, von Hotelzimmern über Tourbusse bis hin zu Restaurantreservierungen, über Marktstrukturen dieser Art mit dem Internet verbunden ist, so dass Sie Restaurantreservierungen kaufen und verkaufen können und immer einen Tisch bekommen, wenn Sie wirklich
einen brauchen, ist es auch möglich, dass ein Roboter Ihre Pauschalreise am anderen Ende der Welt zusammenstellt und verkauft.

Verbessern hochpräzise Märkte wirklich unser Leben?

Verrückt? Nicht verrückter als die Art und Weise, wie wir es jetzt tun, wo Sie an einem Schalter auftauchen, Ihren Namen sagen und als Antwort «zwei Stunden Verspätung» hören – und das erst, wenn Sie schon da sind. Wir sind letztlich immer noch Mönche, die Bücher von Hand abschreiben, und das ist ärgerlich, ineffi­zient und ungerecht. Es macht das Mieten oder Kaufen von Immobilien zur Hölle und vernichtet Hunderte von Arbeitsstunden, um Transaktionen abzuschliessen, die in wenigen Minuten abgewickelt werden könnten. Es bedeutet, Flüge weit im voraus zu planen oder am Tag X das Zehnfache zu bezahlen. Es bedeutet, auf einen Bildschirm starrend herumzusitzen und alle fünf Sekunden auf «Neu laden» zu klicken, um Konzertkarten zu ergattern. Kurz gesagt, statt funktionaler Märkte erleben wir in nahezu allen Lebensbereichen Reibungsverluste und Unannehmlichkeiten. Die meisten von uns würden noch so gern dafür bezahlen, diese Dinge loszuwerden.

Würde diese Art von Welt die Lebensqualität alles in allem erhöhen oder verringern?

Beides. Wie bei jeder Innovation wird es Gewinner und Verlierer geben. Tolle Restaurants mit beschissenen, unvorhersehbaren Reservierungssystemen werden leiden, während seelenlose Ketten mit perfektem Gästemanagement gedeihen. Vielleicht sind Fluggesellschaften ohne die heutige, brutale Preispolitik nicht mehr rentabel, und so gäbe es in diesem Bereich keinen Fortschritt. Wir können die Zukunft nicht vorhersagen.

Wenn diese Transformation einst abgeschlossen und normal geworden ist, wird es genauso seltsam erscheinen, Geschäfte auf andere Weise zu tätigen, wie es heute wäre, für die geschäftliche Korrespondenz zum Briefbogen zu greifen. Das ist die Dimension der Transformation, die gerade stattfindet. Ja, die ersten Anwendungen der Blockchain mögen etwas halbseiden aussehen, aber bedenken Sie, dass die ersten 8-Bit-Heimcomputer in den 1980er Jahren hauptsächlich für Videospiele verwendet wurden, dazu vielleicht das eine oder andere Manuskript. Inmitten des Chaos und Lärms um die Blockchain wächst eine neue Welt heran.

«Ein Leuchtturm der
Freiheit in einem immer
staatsgläubigeren Europa.»
Frank Schäffler, Bundestagsabgeordneter,
über den «Schweizer Monat»