Die Entwicklungsexperten verstehen nicht, was wirklich Entwicklung bringt
Die Entwicklungshilfe erzielt lokale Erfolge, verändert aber volkswirtschaftlich kaum etwas. Wir sollten die DEZA abschaffen – und uns darauf besinnen, was die Schweiz reich gemacht hat.
Wenn es ums Sparen bei Bund und Bürokratie geht, wissen Umfragen eine erste Adresse – die Entwicklungshilfe. Und der Volksmund hat zweimal recht: Die Wirkung ist bescheiden, die Kosten sind enorm.
Mit der Qualifikation «bescheiden» soll nicht manche gute Projektarbeit abgestraft werden. Vielmehr bleibt die Wirkung bescheiden gemessen am Entwicklungsproblem und an den Ansprüchen der Entwicklungsexperten. Die Mikroebene der Projekte verändert die Makroebene der armen Volkswirtschaften kaum. Die Wirkung wird auch nicht schlüssig, wenn die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) die Riesenerfolge auf globaler Ebene anführt: die Halbierung der Kindersterblichkeit, die Viertelung der Zahl der Armen, den Aufstieg von vierzig einkommensschwachen Ländern. Denn der von der DEZA geltend gemachte «Beitrag der Schweiz» bleibt anekdotisch. Die Kosten hingegen sind mit 11 Milliarden Franken im Vierjahresprogramm hoch.
Und die Ansprüche sind noch viel höher: Die DEZA will den Frieden fördern, die Armut beenden, Nachhaltigkeit schaffen und den Klimawandel bremsen, Leben retten, Menschenrechte und Frauenrechte sichern und auch die Rechtsstaatlichkeit fördern. Das Publikum sieht jedoch, wie Putsche, Bürgerkriege, dilettantische Regierungen in armen Ländern belegen, warum sie arm bleiben: Simbabwe, Kongo, Westafrika, Sudan, Venezuela, Haiti, Kuba. Demgegenüber steigen Länder wie Vietnam, Indien, Indonesien, früher Südkorea, China wie Kometen auf, ohne viel Hilfe.
Institutionen sind der Schlüssel
Die Ökonomie erklärt es: Es sind Institutionen – das politische System, Gesetze, soziale Normen und der Schutz des Eigentums –, die Entwicklung bringen. Wenn diese fehlen, nützen auch Nähstuben für einige Frauen oder Zahlungen an Kleinbauern wenig.
Auf diesem Mikroniveau helfen die Entwicklungsagenturen der Schweiz. Darunter nicht nur die DEZA, sondern die privaten Hilfswerke wie Helvetas oder Caritas. Aber «privat» sind diese gar nicht mehr. Mitgliederbeiträge und Spenden machen immer weniger an ihrem Budget aus, denn Bund, Kantone, Kirchen und andere Organisationen bestreiten den Löwenanteil.
«Es sind Institutionen – das politische System, Gesetze, soziale Normen und der Schutz des Eigentums –, die Entwicklung bringen. Wenn diese fehlen, nützen auch Nähstuben für einige Frauen oder Zahlungen an Kleinbauern wenig.»
Ein enormer Komplex hat sich aus solchen, praktisch mitgliederunabhängigen NGOs und dem Bund aufgebaut, auch ideologisch: Kritik hat eine ganze Wand an Interessen vor sich. Solche Verbandelungen aus NGOs und staatlichen Agenturen nennt man «capture». Die NGOs haben – in der Entwicklungshilfe ebenso wie im Umweltbereich, in der Kultur etc. – erreicht, dass der Staat, geschoben und gestossen, seit 50 Jahren immer neue Ämter geschaffen hat. Nun dominieren Ämter und NGOs gemeinsam diese Bereiche, das Personal tauscht sich aus, die Finanzen ebenfalls, vor allem vom Staat zu den NGOs.
Die kleinen Erfolge auf der Mikroebene und die Hilflosigkeit auf der Makroebene werden ungern angesprochen oder mit Bekenntnissen zu politischen oder globalen Lösungen übertüncht. Denn sonst müsste man den Umfragen folgen und massiv einsparen. In Tat und Wahrheit verzetteln sich DEZA und NGOs in 40 Ländern, und die Projekte helfen eh nur in Ländern mit günstigen institutionellen Voraussetzungen, die aber ohne Projekte auskommen. Eigentlich würde technische Beratung ausreichen, allenfalls durch unsere (Gross-)Firmen.
Grossfabriken statt Nähmaschinen
Hinzu kommt eine weitere unbequeme Einsicht, welche die Funktionäre der NGOs und der DEZA verdrängen. Unter dem Suchbegriff «Vietnam – Industry» zeigt Google einen Fabriksaal mit 300 eng aufgereihten Arbeitern in blauen Overalls. Es erscheinen nicht, wie auf Webseiten der schweizerischen NGOs, eine alte Singer-Nähmaschine mit farbig gekleideten Afrikanerinnen oder strahlende Kleinbauern und Gewerbler. Und man liest nicht von rührender Klimagerechtigkeit Vietnams, sondern von seiner Industrie, die sich in Richtung Hightech-Fertigung, Halbleiter und Elektrofahrzeuge entwickle. Entwicklung auf Augenhöhe mit anderen Ländern, nicht Romantik, Arbeiter an Spritzguss-Automaten, nicht Korbflechter.
Die DEZA kann abgeschafft werden. Schweizer Entwicklungsexperten sollen lieber erfolgreiche lokale Firmen an die Börse bringen und schlafendes Sparkapital vor den Karren spannen. So hat sich auch die Schweiz entwickelt. Der Schiffbau bei Sulzer, die Generatoren der BBC, die Alusuisse waren von Anfang an grossindustriell aufgezogen und durch Finanztechnik (Obligationenausgabe, Börse) auf Touren gebracht worden.
«Schweizer Entwicklungsexperten sollen lieber erfolgreiche lokale Firmen an die Börse bringen und schlafendes Sparkapital vor den Karren spannen.»