Der Reisende

Kurzgeschichte von Wallace Stegner. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Richard Barth. Mit Illustrationen von Nico Kast.

Der Reisende

Er fuhr in der früh hereingebrochenen Dunkelheit die verschneite Strasse entlang, die Scheinwerfer zwischen dunklen Mauern aus Bäumen zusammengeduckt, als der Motor ins Stottern geriet, sich wieder erholte, erneut stotterte und dann abstarb. Während der Wagen im Leerlauf einen kleinen Hügel hinabrollte, hantierte er mit dem Choke, doch am Fuss des Hügels musste er das Auto neben einem vom Schneepflug hinterlassenen, fast einen Meter hohen weissen Wall abstellen. Unter den auslaufenden Reifen knirschte der Schnee. Mit einem letzten, blechernen Seufzer verabschiedete sich auch der Heizungsventilator.

Die bislang zuverlässig funktionierende Maschine erst mittleren Alters hatte ihn hier im Stich gelassen, doch er weigerte sich zunächst, sich das einzugestehen. Vielleicht ein Staubkorn oder eine Wasserblase in der Benzinleitung, ein vorübergehender Kurzschluss, ein Schneespritzer auf einem Verteiler oder einer Steckverbindung – irgendetwas, was sich bald von alleine erledigen würde. Doch das Licht auszuschalten und den Anlasser zu betätigen brachte keinerlei Ergebnis; er zog mehrere Sekunden den Choke, erntete aber nur vielversprechenden Benzingeruch; er wartete, um dem abgesoffenen Vergaser eine Chance zu geben, sich zu erholen, und versuchte es noch einmal; wieder nichts. Schliesslich öffnete er die Tür und trat hinaus auf die schneeverkrustete Strasse.

Es war so kalt, dass der erste Atemzug in seinem Hals zu Eisen wurde, seine Nasenhaare schockgefroren und seine Augen brannten und tränten. Im fahlen Sternenlicht und dem bläulichen Schimmer des Schnees war nach einigen Metern alles trügerisch verschwommen und zweidimensional, schillerte von Halbgesehenem oder Eingebildetem. Er stand mit hängendem Kopf neben dem Wagen und lauschte, doch es herrschte Totenstille. Es war, als ob alles Leben auf dem Planeten erfroren wäre.

Unentschlossen auf Hilfe hoffend, ging er bis zum Kamm des nächsten Hügels, doch die kaum erkennbar dunklere Furche der Strasse verschwamm und verschwand im Dämmerlicht, die Schatten rückten bedrohlich näher, kein Licht weit und breit. Zurück am Wagen tat er, was sein Eigenverantwortlichkeitsethos verlangte: obwohl er im Streulicht der Scheinwerfer kaum etwas zu erkennen vermochte, tastete er auf der Suche nach abgerissenen Leitungen oder losen Steckern den Motor ab, bis er sich überzeugt hatte, dass er machtlos war. Er hatte von Anfang an gewusst, dass er nichts ausrichten konnte.

Seine Hände schmerzten vor Kälte, und um die Knöchel, zwischen Halbschuhen und Hosenaufschlag, spürte er den Frost wie eiserne Fussfesseln. Als er zum letzten Mal angehalten hatte, vor gut dreissig Kilometern, betrug die Temperatur schon fast minus 20 Grad. Jetzt waren es wahrscheinlich eher 25. Was also sollte er tun, ein während der Reise Gestrandeter, der mindestens 80 Kilometer von seinem Ziel entfernt war? Er konnte nicht gut loslaufen, um Hilfe zu holen, und den Musterkoffer einfach zurücklassen, denn die rechte Hintertür liess sich nicht richtig abschliessen. Man musste nur ein wenig rütteln, schon war sie offen. Und all die Medikamente, zum Teil dafür entwickelt, alles Mögliche zu heilen – Wundermittel, Sulfonamide, Streptomycin, Aureomycin, Penicillin, Tabletten und Antitoxine und Salben –, stellten nicht nur einen grossen Wert dar, sondern auch eine Gefahr. Sie sollten nicht offen herumliegen. Jemand konnte ja auf den Gedanken kommen, dass sie tatsächlich alles Mögliche heilten.

Nicht alles, sagte er in die blaue Dunkelheit. Nicht einen verdreckten Verteiler oder einen launenhaften Spulenkasten. Absurderweise kamen ihm zwei Zeilen einer uralten Hymne auf mechanische Fortbewegungsmittel in den Sinn:

Und geht der Stoff ihr aus, schütt einfach Seife drauf –  Schon läuft die Kiste wieder wie ’ne Eins.

Er sah sich ein Fläschchen Penicillin in den Tank leeren und losfahren, mit fröhliche Rauchringe blasendem Auspuff. Vor seinem inneren Auge lief eine heroisch-komische Montage wissenschaftlicher Entdeckungsarbeit ab – Wissenschafter in weissen Kitteln lugten in Mikroskope, stellten Messinstrumente ein, pipettierten kostbare Flüssigkeiten, wogen auf winzigen Waagen ihre…