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Der Islam ist weder Feind noch Freund, sondern Spiegel des Westens

Von der Neuen Rechten bis zur woken Linken: Der Islam dient Europa heute vor allem als Projektionsfläche für die eigene Erschöpfung. Kacem El Ghazzali über eine Hassliebe, die mehr über den Westen verrät als über den Orient.

Der Islam ist weder Feind noch Freund, sondern Spiegel des Westens
Der einzige Konservatismus, den die Linke verteidigt, ist der des Islam. Bild: Unsplash

Wer hat das gesagt: «Ich wohne lieber neben einer Moschee als neben einem Einkaufszentrum oder einem Supermarkt und ich habe als Nachbarn lieber einen Moslem, der meine Werte teilt, als einen Skinhead.» Klingt nach grüner Stadtteilinitiative, ist aber Alain de Benoist, Übervater der französischen Nouvelle Droite, im Interview mit der NPD-nahen Zeitschrift «Hier & Jetzt» (2010).

Und das: «Die schwarzäugige Kopftuchträgerin an der Supermarktkasse befremdet mich weniger als ihre wild gefärbte, kaugummikauende Kollegin mit all den Ringlein in Lippe und Augenbrauen.» Nicht die Linke, sondern Ellen Kositza, Autorin der «Sezession», des Theorieorgans der deutschen Neuen Rechten.

Wahres Feindbild Liberalismus

Das Bild, das wir von der Rechten haben, stimmt nicht ganz. Rechts zu sein, denken wir, heisst, gegen den Islam zu sein. Pegida, Burka-Verbot, Minarett-Initiative. Aber historisch war das nie so eindeutig. Schon in den 1920er-Jahren schauten antiliberale Vordenker wie Oswald Spengler mit Sympathie auf den Orient. Der rechte Traditionalist René Guénon wandte sich dem Islam zu und starb 1951 als Scheich in Kairo. Die laute Anti-Islam-Politik von Pegida bis AfD ist eine junge Erscheinung, eine Reaktion auf 9/11. Darunter, bei den intellektuellen Stichwortgebern, hat eine andere Strömung immer weiter existiert.

Die Anti-Islam-Politik wird verständlich, wenn man fragt, wogegen die Rechte eigentlich kämpft. Nicht gegen den Islam. «Der zentrale negative Bezugspunkt neurechter Ideologie sind nicht Islam und Muslime, sondern das Feindbild Liberalismus», schreibt der Politikwissenschafter Matheus Hagedorny. Gegen die Moderne also. Gegen Selbstverwirklichung, Individualismus, offene Gesellschaft.

Und hier kommt der Islam ins Spiel. Als Modell. In einer konservativen Lesart hat der Islam alles, was die Rechte am Westen vermisst: feste Geschlechterrollen, Tradition, Disziplin und Gemeinschaft.

Soweit ich sehe, ist der Politikwissenschafter Matheus Hagedorny der Einzige, der diese Faszination der Rechten am Islam systematisch erforscht und differenziert hat, zuletzt in seinem Buch «Islambilder der deutschen Neuen Rechten». Er greift eine Unterscheidung der Literaturwissenschafterin Andrea Polaschegg auf: Differenz und Distanz.

«In einer konservativen Lesart hat der Islam alles, was die Rechte am Westen vermisst: feste Geschlechterrollen, Tradition, Disziplin und Gemeinschaft.»

Konkret: Die gepiercte Deutsche ist in der Differenz nah, in der Distanz zutiefst fremd. Die Kopftuchträgerin ist in der Differenz fern, in der Distanz aber näher als die eigene Nichte: Skepsis gegen Aufklärung, gegen Liberalismus, gegen die Selbstbestimmung der Frau.

Linke Faszination des Islams

Bleibt die andere Frage. Sie ist die unbequemere. Warum ist auch die Linke vom Islam fasziniert? Dieselbe Linke, die gegen den katholischen Konservatismus polemisiert, gegen Evangelikale, gegen orthodoxe Juden, warum verteidigt ausgerechnet sie jenen Konservatismus, der Frauen Rollen zuweist und Homosexualität ablehnt? Es scheint, der einzige Konservatismus, den die Linke vehement verteidigt, ist der des Islams.

Vielleicht sucht auch die Linke (wie die Rechte) im Islam einen Spiegel, nur einen anderen. Auch sie hat ein antimodernes Ressentiment – wer viel Foucault gelesen hat, sieht die Moderne nicht als Befreiungsgeschichte, sondern als Disziplinierungssystem: Schulen, Kliniken, Gefängnisse als Instrumente, mit denen der westliche Staat Körper und Seelen formt. Das Nichtwestliche erscheint im Gegenlicht als das Authentischere. Foucault selbst begrüsste 1978 die iranische Revolution genau aus diesem Grund.

«Der einzige Konservatismus, den die Linke vehement verteidigt, ist der des Islams.»

Auf diesem Boden wächst die Faszination für den Islam: der letzte unverdächtige Verbündete gegen den Westen, gegen Amerika, gegen die Moderne, gegen das eigene Erbe, mit dem die Linke nicht mehr fertigwird. Dann wäre der Islam, was de Benoist schon 2010 ahnte: nicht Feind, nicht Freund, sondern der Spiegel, in dem zwei antimoderne Ressentiments einander erkennen – das rechte und das linke.

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