Anton Krättli: «Momentan nicht im Gespräch»

Eine Frage, die Autorinnen und Autoren häufig gestellt wird, lautet: Warum schreiben Sie? Gleich in den ersten Zeilen eines Sammelbandes, der seine Kritiken und Essays aus rund über 30 Jahren vereint, wundert sich Anton Krättli, warum man mit dieser Frage niemals Kritiker konfrontiert. Was drängt Kritiker eigentlich dazu, über einen Roman, eine Novelle oder Gedichte ihr Urteil abzugeben? Der Wunsch nach Selbstdarstellung? Die Frustration, nicht selbst zu schreiben oder die Freude über ein Leseerlebnis?

Letzteres trifft wohl auf Anton Krättli zu. Der vielfach ausgezeichnete Kritiker, der von 1965 bis 1993 Kulturredaktor der «Schweizer Monatshefte» war, in der NZZ und der «Aargauer Zeitung» schrieb und heute noch Jurymitglied von namhaften Literaturpreisen im deutschsprachigen Raum ist, verstand sich stets auch als Vermittler, eine im heutigen Literaturbetrieb kaum noch anzutreffende Species. Seine Maxime war nicht Daumen hoch oder runter, und dennoch liess er seine Leser wissen, ob er ein Buch für gelungen oder misslungen hielt. Auch dem Autor eines schlechten Buches versagte er nie den Respekt – oder er besprach es einfach nicht. Nicht nur darin orientierte sich Krättli am 1965 verstorbenen grossen Schweizer Literaturkritiker Max Rychner, für den ein Buch immer ein Teil des Menschen blieb, der es geschrieben hatte; allein schon aus diesem Grunde habe niemand das Recht «darauf zu schlagen», wie Rychner bei Gelegenheit formulierte.

Krättlis Rückblick auf 30 Jahre eigener Arbeit trägt den euphemistischen Titel «Momentan nicht im Gespräch – Kritik und Vermittlung», als sähe er die Möglichkeit, dass das Rad noch einmal zurückgedreht werden könnte. Tatsächlich ist heute die Frage berechtigter denn je, ob die Literatur seit dem Mauerfall in ihrer Beschränkung auf die Darstellung von Ich-Befindlichkeiten überhaupt noch der Vermittlung bedarf. Krättli spürte stets dem Objektivierbaren nach, dem in Kollektive eingebundenen Individuum mithin, das sich wehrt, in Frage stellt, kämpft und revidiert. Dazu bedurfte es der Klärung von Zusammenhängen und Kontexten, die Fähigkeit, Assoziationen herzustellen, kurz: eines Verständnisses der Literatur auch als Vermittlung dessen, was zur Bildung beiträgt. War es da nicht normal, dass Krättli dem hochgebildeten Hermann Burger nahe stand, ihm so manche Seite in den «Schweizer Monatsheften» zur Verfügung stellte und den Schlossherrn aus dem Aargau recht eigentlich entdeckte? Als einer der ersten Schweizer Kritiker bedauert Krättli Max Frischs «Resignation» sein Land betreffend und erkennt Parallelen zur Sonderfall-Rhetorik bei Meinrad Inglin. Kurios: ausgerechnet für diesen patriotischen Schweizer Schriftsteller ist sein Land nur deshalb ein Sonderfall, weil jedes Land einer ist. Nicht zufällig gilt Krättlis Interesse denn immer auch den Zeitwenden, den grossen wie den kleinen. In Kurt Drawerts Werk etwa arbeitet Krättli, gleichsam gegen den Mainstream des bundesdeutschen Feuilletons, jene bürgerlichen Gefühlslagen im zweiten deutschen Staat heraus, die 1989 ihren Beitrag zum Zusammenbruch des Systems leisten. Nicht weniger interessiert ihn Thomas Bernhards Leiden an eben dieser Bürgerlichkeit. Krättli vergleicht und findet, etwa im Rückgriff auf Goethe, Hermann Hesse oder Gerhard Meier die historischen Nuancen in den Begriffen, die uns heute umtreiben. Erst wenn der Text Krättli diese Form der Analyse versagt, beginnt bei dem Kritiker das Misstrauen einem Werk gegenüber zu wachsen, demjenigen Hermann Kants etwa, in dem er immer den willigen Vollstrecker offizieller DDR-Kulturpolitk sieht. Der Autorin Christa Wolf freilich bleibt Krättli bis heute mit fairen Kommentaren verbunden. Den Stab über sie zu brechen, wie dies in der Bundesrepublik so schnell getan wurde, ist seine Sache nie gewesen.

Wer «Momentan nicht im Gespräch» liesst, spürt noch etwas vom Geist der Zürcher Kritikerschule aus den fünfziger und sechziger Jahren um Max Rychner und Emil Staiger und erkennt, was die Kritik im deutschsprachigen Raum ihr zu verdanken hat: die Vorstellung, Kritik als Berufung zu verstehen, als Vermittlung eher der Nöte und Träume menschlicher Existenz, denn…

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Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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