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Warum wir handeln wollen – und es immer seltener tun
Noch nie waren Jugendliche so interessiert am politischen Geschehen. Doch das hohe Interesse schlägt sich nicht in der Stimmbeteiligung nieder. Bild: Pexels/Nano Erdozain.

Warum wir handeln wollen – und es immer seltener tun

Junge in der Schweiz sind politisch interessiert wie selten zuvor – und beteiligen sich gleichzeitig immer weniger. Der Grund ist nicht Faulheit. Es fehlt die Erfahrung, dass aus Handeln Veränderung entsteht.

Wer ein politisches Problem erkennt, sucht im Idealfall nach einer Lösung. In der Schweiz führt dieser Impuls nicht selten zu einer Volksinitiative. Man formuliert Anliegen, sucht Mitstreiter und sammelt Unterschriften. An Bahnhöfen und in Fussgängerzonen werden Argumente ausgetauscht, Fremde für eine Idee gewonnen und schliesslich Unterschriften auf Initiativbögen gesetzt. Irgendwann sind die nötigen Unterschriften beisammen. Das Initiativkomitee reicht die Bögen ein und setzt damit vor allem eines in Gang: Bürokratie. Es folgen Vorprüfung, parlamentarische Beratung, Referendumsfrist. Abstimmung. Jahre vergehen. Was als Handlungswille beginnt, wird in den langsamen Takt der Institution übersetzt. Und dieser Takt passt immer schlechter zu einer Gegenwart im Krisenmodus.

Krisen als Grundrauschen

Die Zeiten, in denen noch hoffnungsvoll von einer Zukunft oder grossem Fortschritt berichtet wurde, sind längst vorbei – selbst bei der künstlichen Intelligenz, einer der grössten Errungenschaften der letzten Jahrzehnte, dominieren das Bedrohungsnarrativ und der Kulturpessimismus. Das Hoffnungsbarometer der Universität St. Gallen zeigt: Nur 9 Prozent der Befragten glauben, dass es ihnen in der Schweiz in zwanzig Jahren besser gehen werde; knapp 64 Prozent rechnen mit einer Verschlechterung. Ähnliche Ergebnisse liefert eine Umfrage von Tamedia unter jungen Menschen. Klimawandel, Krieg, technologische Disruption, ökonomische Unsicherheit: Die Welt verändert sich rasant. Geopolitische Wenden werden heute zwischen Katzenvideos in 15-Sekunden-Reels verkündet und bis zum nächsten Morgen von hundert selbsternannten Experten eingeordnet.

«Geopolitische Wenden werden heute zwischen Katzenvideos
in 15-Sekunden-Reels verkündet und bis zum nächsten Morgen
von hundert selbsternannten Experten eingeordnet.»

Dagegen wirken die politischen und administrativen Prozesse in der kleinen Schweiz wie aus einem anderen Zeitalter. Die politische Stabilität der Schweiz kann sich zwar durchaus sehen lassen, aber sie führt auch zu einer gefährlich langsamen Schwerfälligkeit. Gerade junge Menschen spüren diese Reibung: Die Probleme sind sichtbar, die Zahlen bekannt und die Folgen absehbar. Und trotzdem bewegt sich die Politik, als hätte Zeit keine Kosten.

Reformen nein, Leistungsausbau ja

Das zeigt sich besonders dort, wo Reformen längst überfällig geworden sind. Seit Jahrzehnten besteht bei der AHV, bei der beruflichen Vorsorge und im Gesundheitswesen Handlungsbedarf. Die Probleme sind bekannt, und dennoch wurden grundlegende Anpassungen immer wieder vertagt, verwässert oder scheiterten kläglich an politischen Mehrheiten. Ein Beispiel ist die Renteninitiative der Jungfreisinnigen, die 2024 zur Abstimmung kam. Sie verlangte zunächst Rentenalter 66 und danach eine Koppelung an die Lebenserwartung. Volk und Stände lehnten sie ab. Am selben Tag nahm die Schweiz die 13. AHV-Rente an. Für viele Junge war das ein deutliches Signal: Reformen zur langfristigen Sicherung der Vorsorge haben es schwer, Leistungsausweitungen dagegen finden Mehrheiten. Die Rechnung wird weitergereicht. Gleichzeitig sind andere Vorlagen so technisch, dass viele gar nicht erst einsteigen. Die BVG-Reform von 2024 ist ein Beispiel dafür. Wenn man bei einer Abstimmung zuerst verstehen muss, was ein Koordinationsabzug ist, bevor man erkennt, ob die Reform einen überhaupt betrifft, dürfen sich die Politiker nicht wundern, wenn politische Beteiligung zur Zumutung wird.

Das liegt aber nicht etwa an einem Desinteresse der Politik. Im Gegenteil. Eine Umfrage des Schweizer Jugend- und Demokratiemonitors zeigt: Noch nie waren Jugendliche so interessiert am politischen Geschehen. Doch das hohe Interesse schlägt sich nicht in der Stimmbeteiligung nieder. Diese pendelt bei eidgenössischen Abstimmungen gerade einmal um 45 Prozent. Man fragt sich, woher dieser Rückzug rührt, denn in der digitalen Welt sind wir – die junge Generation – bereiter denn je, unsere Meinungen zu äussern, zu kommentieren oder zu kritisieren. Doch zwischen dem Online-Kommentar und dem Gang an die Urne klafft eine Lücke, weil sich die Frage in den Vordergrund schiebt: Mache ich mit meiner Stimme überhaupt einen Unterschied? Diese Frage ist nicht neu. Aber sie trifft heute auf eine Generation, die gewohnt ist, in Echtzeit Resonanz zu erleben, und für die der mehrjährige Weg durch Institutionen wie aus einem anderen Jahrhundert wirkt. Selbst ein Gang zur Urne für Abstimmungen oder Wahlen scheint immer noch zu wenig zu bewirken. Auch die Stimmenthaltung hat keine direkten Konsequenzen, oder man nimmt sie zumindest nicht so wahr.

Das Wartezimmer der Demokratie

Nicht jeder, der etwas verändern möchte, geht in die Politik. Viele versuchen auch, zuerst im eigenen Leben Wirkung zu entfalten: ein Unternehmen zu gründen, ein Projekt aufzubauen, eine Idee mit wenigen Mitteln umzusetzen. Noch nie war das so zugänglich, gerade auch wegen der KI. Doch der bürokratisch organisierte Staat hinkt auch hier der «schönen neuen Welt» hinterher. Den Willigen und Mutigen erwarten auch hier Formulare, langsame Prozesse. Selbst dort, wo Innovation gefördert werden soll, geschieht dies häufig entlang staatlich definierter Kriterien und Prioritäten. Nicht jede Idee passt in ein Förderprogramm, nicht jedes Projekt in die vorgesehenen Kategorien. Wer gründet, braucht viel Ausdauer und ein dickes Fell. Gerade jungen Menschen wird dabei oft signalisiert, ihnen fehle noch die Erfahrung, um grosse Vorhaben erfolgreich umzusetzen.

Ähnlich klingt es in der Politik. Auch jungen Menschen, die sich politisch interessieren oder engagieren, wird oft entgegengehalten, ihnen fehle die Lebenserfahrung, um gesellschaftliche Probleme wirklich zu verstehen. Das ist ein bequemes Argument. Politische Erfahrung entsteht nicht im Wartezimmer der Demokratie, sondern durch Beteiligung an ihr. Wer junge Menschen erst dann ernst nimmt, wenn sie gelernt haben, wie Institutionen funktionieren, muss ihnen auch zugestehen, diese Institutionen früh zu betreten.

«Politische Erfahrung entsteht nicht im Wartezimmer der
Demokratie, sondern durch Beteiligung an ihr.»

Zumal die Schweizer Politik kein Ort ist, an dem jugendlicher Übermut ungebremst in Gesetze gegossen wird. Zwischen Idee und Umsetzung liegen Vernehmlassungen, Kommissionen, Fristen, Abstimmungen und oft mehrere Jahre. Wer mit 20 eine Forderung stellt, kann ziemlich sicher sein, dass sie bis zur politischen Umsetzung ausreichend gealtert ist. Man könnte sagen: Unsere Institutionen behandeln junge Ideen wie Käse: Sie lassen sie zuerst reifen.

Gleichzeitig konkurriert Lokalpolitik heute mit einer globalen Dauerbeschallung aus Krisen, Konflikten und Schlagzeilen. Das tägliche Geschehen einer vernetzten Welt lässt selbst die eigene Gemeindeversammlung schnell wie einen Nebenschauplatz erscheinen. Doch politische Teilhabe lebt von Nähe. Und selbst wer diesen Schritt trotzdem geht, merkt schnell: Engagement hat einen Preis. Wer sich aktiv in der Politik einbringen und Verantwortung übernehmen möchte, sei es in einer Jungpartei oder einem politischen Amt, bezahlt dafür zunächst mit Zeit, Energie und persönlicher Exponiertheit. Kritik an der eigenen Person kommt oft schnell. Die Wirkung dagegen liegt meist weit in der Zukunft. Zwischen Einsatz und Ergebnis entsteht eine Lücke. Wer immer wieder erlebt, dass politische Debatten im Sande verlaufen, Reformen scheitern oder Entscheidungen vertagt werden, verliert nicht das Interesse an Politik, aber beginnt daran zu zweifeln, ob sein Einsatz überhaupt einen Unterschied macht.

So entsteht eine paradoxe Situation: Ein Land, das eigentlich mehr Teilhabe ermöglicht als fast jedes andere (direkte Demokratie, Milizsystem, Meinungsfreiheit), produziert bei jungen Menschen trotzdem das Gefühl, nichts bewirken zu können. Was bleibt, ist der Wille zum Engagement. Was fehlt, ist die Erfahrung, dass er etwas bewirkt. Was also können wir selbst tun, um dies nachhaltig zu ändern? Und was können die Institutionen und Parteien tun, um dieses Paradox zu lösen?

Institutionelle Verantwortung

Zunächst liegt die Verantwortung, diese Lücke zu schliessen, bei den Institutionen. Der Staat sollte dort beschleunigen, wo Langsamkeit keinen demokratischen Mehrwert schafft. Nicht jede Frist ist Ausdruck von Sorgfalt und nicht jedes Formular Garant für Gerechtigkeit. Verfahren lassen sich vereinfachen, ohne Legitimation zu gefährden. Digitalisierung darf nicht nur Fassade sein, sondern muss Prozesse tatsächlich verkürzen. Genauso wichtig ist Verständlichkeit. Was ist das Problem? Welche Optionen gibt es? Was wurde bereits versucht, und woran ist man gescheitert? Demokratie lebt nicht nur davon, dass Menschen abstimmen dürfen. Sie lebt davon, dass sie verstehen, worüber sie entscheiden. Der Föderalismus bietet dafür eine unterschätzte Chance. Er bringt Politik näher zu den Menschen. Diese Nähe muss aktiver genutzt werden: in Gemeinden, Schulen, Universitäten, Jungparteien, Vereinen und digitalen Räumen. Politische Teilhabe darf keine Frage des Bildungsniveaus oder des Elternhauses sein. Wer verstehen will, was entschieden wird, sollte nicht zuerst ein halbes Jurastudium absolvieren müssen.

Bequemlichkeit ist keine Ausrede

Doch die Verantwortung, diese Lücke zu schliessen, liegt nicht nur beim Staat. Demokratie ist langsam. Das ist manchmal ihre Stärke und oft ihre Zumutung. Wer sich engagiert, wird nicht immer gewinnen. Unsere Generation ist gewohnt, Resonanz sofort zu erhalten: ein Kommentar, eine Reaktion, eine Antwort. Politik funktioniert anders. Sie ist langsamer, zäher und oft undankbarer. Gerade deshalb braucht sie Menschen, die nicht nur dann mitmachen, wenn der Erfolg unmittelbar sichtbar ist. Man muss Abstimmungen verlieren können, ohne die Demokratie aufzugeben. Man muss Unterschriften sammeln können, auch wenn das Anliegen später verwässert wird. Man muss Kritik aushalten können, ohne sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Das ist unbequem.

Gleichzeitig müssen wir jungen Menschen mehr zutrauen und mutigen Ideen Raum geben, statt uns reflexartig im vermeintlich sicheren Status quo einzurichten. Demokratie lebt davon, dass Staat und Bürger einander zutrauen, gestalten zu können. Der Staat muss Prozesse öffnen und verständlicher machen. Und wir müssen den Schritt weg vom Kommentieren zum Mitgestalten wagen. Gute Dinge brauchen manchmal Weile. Aber eine Welt im Krisenmodus kann sich nicht leisten, jede mutige Idee zuerst alt werden zu lassen.

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