Dark Meadow

Aus dem amerikanischen Englisch von Anke Caroline Burger Illustration: Christina Baeriswyl

Dark Meadow

Sonst gärtnere ich, wenn es dunkel wird und der Drang sich meldet. Aber ich habe die ganze Nacht an einem Artikel geschrieben: «Pornos im Internet – Sie werden gesehen!» Den Beitrag habe ich gerade – unter Pseudonym natürlich – auf einer ziemlich einflussreichen Website zur IT-Sicherheit gepostet, und das wird nicht unbemerkt bleiben. In dem Artikel lege ich offen, dass irgendjemand ein Zählpixel in Kinderpornografie-Dateien im Netz eingeschmuggelt hat – jedes Mal, wenn ein Bild heruntergeladen wird, wird das Zählpixel mit heruntergeladen und – Ping! – sendet ein Signal. Auch bei mir hat es Ping! gemacht.

Ich trete vor die Tür meines Bungalows, hinaus in die Dunkelheit vor dem ersten Morgengrauen. Vom Ventura Freeway ist kein Laut zu hören, und bis zum Start der ersten 737 auf dem Burbank Airport dauert es noch eine Weile. Ich gehe zu meinen Rosen am Zaun, der den Garten brusthoch umgibt.

Das Geheimnis beim nächtlichen Gärtnern ist die Stirnlampe. Man sollte keine Xenon-, Halogen- oder LED-Lampe kaufen. Der ideale Lichtstrahl ist weich und blass – am besten, man kann die wahre Beschaffenheit der Dinge nicht sofort erkennen. Das perfekte Licht wirft keine Schatten.

Unsere Wohngegend ist durchmischt, ältere Ukrainer, junge Latinos, verlebte Pornodarsteller und neu zugezogene Hipster. Ich stelle die Stirnlampe an und begutachte meine samtigrot knospende Othello. Dann sehe ich nach den Applejacks, den Chorales, den Blueskies und den Bourbons – in der «National Geographic» ist ein faszinierender Artikel über die Kreuzungen, bei denen die Bourbon-Rose entstand. Ich sehe eine Marlowe, die sich mir auf dem Gipfel ihrer Vollkommenheit darbietet. Gerade als ich sie betasten will, taucht jemand aus der Dunkelheit auf. Im schwachen Schein der Lampe an meiner Stirn erkenne ich Rhonza, die in unserer Strasse wohnt – sie ist zu allen möglichen und unmöglichen Uhrzeiten unterwegs.

Als sie mit grossen Schritten vorbeigeht, sagt sie: «Ich hab dich im Auge, du abgefuckter Zyklop.»

Die äusseren Blütenblätter einer Marlowe sind kräftig rosa, aber die vollständig geöffnete Mitte ist blassgelb. Ich schneide die Blüte samt Stiel ab und stelle ihn in einen weissen Eimer, den ich am Zaun befestigt habe. Die Leute aus der Nachbarschaft dürfen sich bedienen. Ich bin nicht sonderlich scharf auf Schnittrosen – alle Sträucher sind von der alten Dame gepflanzt worden, die früher hier gewohnt hat. «Missus Roses» wurde sie immer genannt. Ohne «National Geographic» wüsste ich nicht mal, welche Rosensorte welche ist. Doch die Gartenarbeit tut mir gut. Und es gehört sich einfach nicht, die Rosen einer alten Dame eingehen zu lassen.

Ich mache kurz Pause, um eine Milch zu trinken, einen Viertelliter-Trinkpack, wie ihn die Kinder in der Schule
vorgesetzt bekommen. Ich weiss, die meisten Frühaufsteher sind Kaffeetrinker, aber es ist besser, die äussere Stimulation gering zu halten. Ich stelle noch ein paar Rosen in den Eimer, da sehe ich die Mom von nebenan über die Strasse auf mich zutorkeln. Sie wohnt in dem Apartmentkomplex neben meinem Bungalow und hat zwei Töchter, einen Musikblog und eine treue Beziehung zur Flasche. Sie ist jede Nacht in der Musikszene L.A.s unterwegs, ihr Blog hat einen ziemlich guten Ruf, und sie hat bekanntermassen ein paar Indie-Bands entdeckt.

Die Mom der Mädchen bleibt direkt vor mir stehen, den trunkenen Blick auf den Eimer mit Rosen gerichtet. Es fällt ihr offenbar schwer, sich zu entscheiden, sie gestikuliert wie ein Zauberer und scheint mich nicht zu sehen, obwohl ich keinen Meter von ihr entfernt stehe. Schliesslich nimmt sie zwei Rosen, eine für jede Tochter, vermute ich.

 

Der erste Jet des Tages hebt in Burbank ab. Es ist fünf Uhr dreissig.

«Sie sehen aus, als könnten Sie eine Milch vertragen», sage…