Dark Meadow

Aus dem amerikanischen Englisch von Anke Caroline Burger
Illustration: Christina Baeriswyl

Dark Meadow

Sonst gärtnere ich, wenn es dunkel wird und der Drang sich meldet. Aber ich habe die ganze Nacht an einem Artikel geschrieben: «Pornos im Internet – Sie werden gesehen!» Den Beitrag habe ich gerade – unter Pseudonym natürlich – auf einer ziemlich einflussreichen Website zur IT-Sicherheit gepostet, und das wird nicht unbemerkt bleiben. In dem Artikel lege ich offen, dass irgendjemand ein Zählpixel in Kinderpornografie-Dateien im Netz eingeschmuggelt hat – jedes Mal, wenn ein Bild heruntergeladen wird, wird das Zählpixel mit heruntergeladen und – Ping! – sendet ein Signal. Auch bei mir hat es Ping! gemacht.

Ich trete vor die Tür meines Bungalows, hinaus in die Dunkelheit vor dem ersten Morgengrauen. Vom Ventura Freeway ist kein Laut zu hören, und bis zum Start der ersten 737 auf dem Burbank Airport dauert es noch eine Weile. Ich gehe zu meinen Rosen am Zaun, der den Garten brusthoch umgibt.

Das Geheimnis beim nächtlichen Gärtnern ist die Stirnlampe. Man sollte keine Xenon-, Halogen- oder LED-Lampe kaufen. Der ideale Lichtstrahl ist weich und blass – am besten, man kann die wahre Beschaffenheit der Dinge nicht sofort erkennen. Das perfekte Licht wirft keine Schatten.

Unsere Wohngegend ist durchmischt, ältere Ukrainer, junge Latinos, verlebte Pornodarsteller und neu zugezogene Hipster. Ich stelle die Stirnlampe an und begutachte meine samtigrot knospende Othello. Dann sehe ich nach den Applejacks, den Chorales, den Blueskies und den Bourbons – in der «National Geographic» ist ein faszinierender Artikel über die Kreuzungen, bei denen die Bourbon-Rose entstand. Ich sehe eine Marlowe, die sich mir auf dem Gipfel ihrer Vollkommenheit darbietet. Gerade als ich sie betasten will, taucht jemand aus der Dunkelheit auf. Im schwachen Schein der Lampe an meiner Stirn erkenne ich Rhonza, die in unserer Strasse wohnt – sie ist zu allen möglichen und unmöglichen Uhrzeiten unterwegs.

Als sie mit grossen Schritten vorbeigeht, sagt sie: «Ich hab dich im Auge, du abgefuckter Zyklop.»

Die äusseren Blütenblätter einer Marlowe sind kräftig rosa, aber die vollständig geöffnete Mitte ist blassgelb. Ich schneide die Blüte samt Stiel ab und stelle ihn in einen weissen Eimer, den ich am Zaun befestigt habe. Die Leute aus der Nachbarschaft dürfen sich bedienen. Ich bin nicht sonderlich scharf auf Schnittrosen – alle Sträucher sind von der alten Dame gepflanzt worden, die früher hier gewohnt hat. «Missus Roses» wurde sie immer genannt. Ohne «National Geographic» wüsste ich nicht mal, welche Rosensorte welche ist. Doch die Gartenarbeit tut mir gut. Und es gehört sich einfach nicht, die Rosen einer alten Dame eingehen zu lassen.

Ich mache kurz Pause, um eine Milch zu trinken, einen Viertelliter-Trinkpack, wie ihn die Kinder in der Schule
vorgesetzt bekommen. Ich weiss, die meisten Frühaufsteher sind Kaffeetrinker, aber es ist besser, die äussere Stimulation gering zu halten. Ich stelle noch ein paar Rosen in den Eimer, da sehe ich die Mom von nebenan über die Strasse auf mich zutorkeln. Sie wohnt in dem Apartmentkomplex neben meinem Bungalow und hat zwei Töchter, einen Musikblog und eine treue Beziehung zur Flasche. Sie ist jede Nacht in der Musikszene L.A.s unterwegs, ihr Blog hat einen ziemlich guten Ruf, und sie hat bekanntermassen ein paar Indie-Bands entdeckt.

Die Mom der Mädchen bleibt direkt vor mir stehen, den trunkenen Blick auf den Eimer mit Rosen gerichtet. Es fällt ihr offenbar schwer, sich zu entscheiden, sie gestikuliert wie ein Zauberer und scheint mich nicht zu sehen, obwohl ich keinen Meter von ihr entfernt stehe. Schliesslich nimmt sie zwei Rosen, eine für jede Tochter, vermute ich.

 

Der erste Jet des Tages hebt in Burbank ab. Es ist fünf Uhr dreissig.

«Sie sehen aus, als könnten Sie eine Milch vertragen», sage ich zu ihr.

«Mister Roses», sagt sie. «Mein Gott, jetzt schleichen Sie sich doch nicht so an.»

Sie nimmt ihre Rosen und schwankt auf den Eingang der Apartments zu – Grottenputz, dekoriert mit Zwergpalmen, gestrichen in Hotel-California-Pink.

Die ältere Tochter ist der Tiger, in der sechsten Klasse und mit zwölf Jahren schon so selbständig, dass sie sich um ihre kleine Schwester kümmern kann. Man sieht den Tiger immer auf dem Fahrrad zur Schule fahren. Sie ist das Maskottchen ihrer Schule – besagter Tiger eben. Manchmal radelt sie morgens im Tigerkostüm vorbei, den übergrossen Tigerkopf auf den Gepäckträger geklemmt. Der Tiger stimuliert nicht. Das Bärchen ist die jüngere Schwester, zehn Jahre alt. Sie läuft manchmal allein zur Schule. Das Bärchen bleibt oft stehen, um die Rosen in meinem Eimer zu betrachten, aber sie nimmt sich nie eine.

Ich habe kein Kellerverlies und trage keine Fussfessel. Ich stelle keinem Eiswagen nach. Ich habe noch nicht mal Internet, Gottes Geschenk an die sexuelle Ausbeutung von Kindern. Sie müssen mir glauben, dass ich noch nie im Leben jemandem etwas angetan habe und dass ich derjenige bin, der in dieser Geschichte zu leiden hat.

Aber ich gebe es lieber gleich zu, weil diese Geschichte hier nun einmal so ist: Das Bärchen stimuliert.

 

Am selben Morgen fahre ich durch den Laurel Canyon Richtung Norden in die Studio City, wo ich eine defekte Festplatte in einem RAID-Array neu partitioniere – natürlich alles Porno-Server. Als ich vor zehn Jahren ins PC-Reparatur-Business eingestiegen bin, war mein Bus ein Notfallwagen voller Ersatzteile und Diagnostikausrüstung, aber mittlerweile mache ich fast nur noch Sicherheit, und eine Brieftasche voller USB-Sticks ist mein ganzer Werkzeugkasten. Porno birgt ein enormes Sicherheitsrisiko, besonders Kinderpornografie. Wenn ein einziger Angestellter so etwas herunterlädt, kann ein ganzes Firmennetzwerk zusammenbrechen. Sich so was anzusehen, kann einen hinter Gitter befördern, deswegen wird dieses Zeug, das randvoll mit Malware und bösartigem Code ist, von niemandem durchleuchtet. Von niemandem ausser mir, wie es scheint. Anscheinend hat kein Mensch auf der ganzen Welt ausser mir je das Ping! gehört.

Am Nachmittag mache ich die Runde durchs Valley, knacke ein paar Firewalls, lasse ein paarmal einen Debugger laufen, dann kommt eine SMS rein – ein klassischer Reparaturjob, was soll’s, warum nicht. Zwanzig Minuten später klopfe ich an einer Tür in Van Nuys.

Der Typ macht auf, bleibt aber in der Tür stehen und starrt mich an.

Ich sage: «Ich habe eine SMS bekommen. Hier soll es Probleme mit einer Festplatte geben?»

«Ein Bekannter hat mir erzählt, Sie wären cool», sagt er.

Für das ungeübte Auge sieht er wie ein normaler Typ aus, mit dem man zusammen in Northridge studiert hat, einer, der nur wegen seines Übergewichts, seinem Hipster-Bart und seiner dauerironischen Art in dieser miesen Einzimmerwohnung hier gelandet ist. Aber ich erkenne diese Typen sofort. Es gibt welche, die so geboren werden, andere, die dazu gemacht werden, und dann gibt es solche wie den hier: die es sich aussuchen.

 

Weiter hinten im Raum kann ich den Computer sehen, obere Preisklasse, Mehrkernprozessor mit Wasserkühlung und zwei Breitwanddisplays. Klassische Standardausstattung für einen Filmcutter.

«Das Ding hat einfach den Geist aufgegeben», sagt er. «Er fährt nicht mehr hoch. Ich habe alles probiert.»

«Hat der Bildschirm aufgeblitzt, ist er blau geworden?», frage ich. «Haben Sie einen Cursor blinken sehen oder ein Ticken gehört?»

«Weiss ich nicht mehr», antwortet er, überlegt kurz und lässt mich dann rein.

Ich werfe einen Blick aufs Gehäuse. Ein Aufkleber mit einem Strichcode ist drauf, wahrscheinlich gehört er einer Produktionsfirma oder einem Filmstudio. «Wenn das ein Dienst-PC ist, dann geben Sie ihn doch einfach in Ihrer Firma ab», sage ich. «Ihr Chef lässt das Ding reparieren.»

«Der Bekannte von mir, der hat gesagt, Sie hätten seinen Rechner für dreihundert Dollar in Ordnung gebracht, keine Fragen.»

Er hält drei Hundertdollarscheine hoch.

Ich streife lila Latexhandschuhe über und ziehe das Stromkabel des WLAN-Routers.

 

Ich öffne die seitliche Abdeckung des Gehäuses, entferne die Ventilatoren, verbinde meinen Laptop mit dem Debuggingport und reboote. Kurz darauf tauchen die Fehlercodes und Kernel-Logs auf, und während das System seine Prüfroutinen durchläuft, stecke ich meinen USB-Stick, auf den ich ein paar Dutzend Bilder geladen habe, in den Port. Ich tippe den Befehl in die Kommandozeile, nach in diesen Bildern enthaltenen Datenstrings zu suchen. Einem Uneingeweihten würde nichts Besonderes an diesen Fotos auffallen – eine Schulter, ein Tisch, ein Bettüberwurf, ein Fuss. In Wirklichkeit sind es aber unverfängliche Ausschnitte von Bildern, die Sex zwischen Erwachsenen und Minderjährigen zeigen. Das Suchergebnis lässt nicht lange auf sich warten: Eins nach dem anderen poppen Bilder aus seiner Kinderpornokollektion auf dem Bildschirm auf.

«Das ganze Zeug war schon auf dem PC, als ich ihn gekriegt habe», sagt er. «Das wollte ich schon lange löschen.»

«Klar.»

Ungefragt fügt er noch hinzu: «Jungs sind keine dabei.»

«Na wunderbar», sage ich.

Ich mache eine schnelle Bestandsaufnahme – er hat das Standardrepertoire. Er hat die Teensy-Serie, die Fawn-Trilogie, Pale Ribbons und so weiter. Eine Suche dieser Art ist einfach, weil der Grossteil der Kinderpornos, zu denen Otto Normalverbraucher Zugang hat, aus weniger als hundert Bilderserien besteht, die über Zombieserver getauscht oder verkauft werden.

Ich klicke auf ein Bild. «Sehen Sie das Mädchen da?»

Er sagt nichts.

«Wie heissen Sie?», frage ich ihn.

Er zögert. «John.»

«Sehen Sie das Mädchen da, John?»

Er nickt.

«Sie heisst in Wirklichkeit nicht Sissy. Und der Mann da, in Socken. Das ist der Onkel des Mädchens. Der sitzt gerade seine fünfunddreissig Jahre für wiederholten sexuellen Missbrauch einer Minderjährigen ab.»

«Hören Sie …», sagt er. Er hält mir die Scheine hin, aber ich nehme sie noch nicht.

«Wollen Sie ihren richtigen Namen wissen?»

Er schüttelt den Kopf.

«Gut», sage ich. «Sie ist nämlich mittlerweile erwachsen und kann per Gerichtsbeschluss gegen jeden verfügen, der diese Bilder besitzt. So erfährt man ihren richtigen Namen – man wird eingebuchtet und dann kriegt man einen Schrieb, in dem steht, dass man ihr hundertvierzigtausend Dollar zu zahlen hat.»

Ich checke die anderen Verzeichnisse, aber auch da ist alles nur 08/15-Zeug. Ich nutze die Gelegenheit und überprüfe die These meines Artikels. Ich tausche den Stick gegen einen anderen aus und durchsuche die Metadaten auf dem Computer nach dem Zählpixel, der ein einfacher ASCII-Code ist, 256 Zeichen lang. Sofort macht es überall in Johns Pornoverzeichnissen Ping! Ich sortiere die Bilder nach Datum und sehe, dass er die erste Bilderserie vor über einem Jahr gekauft hat, ein legendäres Set eingescannter Polaroids, gemeinhin unter der Bezeichnung «Summer Poppies» bekannt. Wer auch immer diese Bilder nachverfolgt, tut das also schon seit geraumer Zeit.

John und ich verstummen und betrachten Poppie mit ihrer Schminke und den künstlichen Wimpern und diesem Gesichtsausdruck, der sie berühmt gemacht hat. Ich finde gerade diese Serie besonders verstörend. Mir ist natürlich klar, dass die Menschheit pervers ist und wir alle im Laufe unseres Lebens herausfinden, wie zutiefst verdorben unsere Spezies ist. Aber in «Summer Poppies» sind die übelsten Perversitäten mit falscher Unschuld überzuckert, mit Hasenpantoffeln und Lollis und Snoopy-Bettwäsche. Hier glitzert jeder Spermatropfen wie eine Perle im Licht.

«Dieses Bild sendet ein Signal aus», erkläre ich John. «Es funktioniert wie ein Trojaner. Wenn Sie das Bild herunterladen, laden Sie das Zählpixel mit herunter. Und sobald der Download abgeschlossen ist, macht das Zählpixel Ping.»

«Was erzählen Sie da?», fragt er.

«Und das Raffinierteste: Das Zählpixel ist nicht Teil des Bildes, sondern der Metadaten der Datei», erläutere ich. «Sie können das Bild also bearbeiten, beschneiden, wie Sie wollen, aber das Zählpixel kriegen Sie nicht weg. Sie können mit dem Bild machen, was Sie wollen, das Pixel gibt denen Bescheid.»

«Bescheid über was?»

«Dass die Bilder hier sind, John. Auf Ihrer Festplatte.»

Ein Bild fällt mir auf, das kein Signal aussendet. Darauf ist ein Mädchen, das ich noch nie gesehen habe. Es ist ein kleines Mädchen – kein Teenie, keine Vorpubertäre, sondern ein Kind. Das Mädchen ist allein, von der Taille aufwärts zu sehen und trägt ein kindliches gelbes T-Shirt. Das Bild hat nichts Sexualisiertes an sich, sie hat nicht mal einen Pferdeschwanz und befindet sich auch nicht auf einem Set – keine Hello-Kitty-Vorhänge, keine Stative oder Filmleuchten. Nein, das ist ein Mädchen in einer Küche und das ist kein Shooting, sondern ein normaler Tag in ihrem echten Leben, in dem sie neben einer Fliegentür steht und das diffus einfallende Licht ein blasses Gittermuster auf ihre Haut wirft. Ihr Gesicht ist voller Angst; in ihren aufgerissenen Augen steht die Furcht vor dem, was als Nächstes passieren wird, vermischt mit einem leisen Anflug von Hoffnung, dass ihr das Unbekannte, Schlimme, das jetzt kommt, doch noch irgendwie erspart bleiben wird. Ihr Arm ist unscharf, sie erhebt ihn gerade – um etwas von sich wegzuhalten oder um Schutz bei einem Erwachsenen zu suchen. Oder vielleicht reisst sie den Arm auch im Reflex hoch, wie um etwas Schreckliches abzuwehren.

«Wo haben Sie dieses Bild her?», frage ich.

«Weiss ich nicht», sagt er. «Getauscht. Keine Ahnung.»

«Kennen Sie dieses Mädchen?»

«Natürlich nicht», antwortet er. «Was soll das? Ich will nur, dass mein Rechner wieder läuft.»

Mir ist klar, dass es keinen Unterschied macht, ob ein Kind nun unter den grellen Lichtern eines Filmsets oder auf dem abgetretenen Linoleum bei Bekannten seiner Eltern missbraucht wird – die Verletzung ist dieselbe. Aber hier kommt es einem so vor, dass es jetzt gerade passiert, oder erst vor kurzem, und wenn man nur eingegriffen hätte, wenn nur irgendjemand eingegriffen hätte, und sei es jemand wie ich, dann hätte es gestoppt werden können.

Ich kopiere das Bild des Mädchens und ziehe meinen Stick heraus.

«An Ihrem Speichermodul ist ein Pin beschädigt», sage ich zu John. «Der Arbeitsspeicher macht nur schlapp, wenn er überlastet wird. Das ist zwar einfach auszutauschen, aber das können wir uns sparen. Sie müssen die Festplatten aus den Steckplätzen ziehen und dann im Hof mit dem Hammer ordentlich draufhauen. Die Scheiben müssen zerbrechen. Sie müssen so geschrottet sein, dass garantiert keine Daten mehr wiederhergestellt werden können. Sagen Sie Ihrem Chef, dass der Computer geklaut worden ist, und dann zerstören Sie die Laufwerke. Verstanden?»

Er nickt, aber ich merke schon, dass er es nicht begriffen hat.

«Und versuchen Sie nicht, die Bilder zu retten. Die wissen, dass sie hier sind.»

«Ja, aber wer soll das sein?», fragt er.

Ich nehme ihm das Geld aus der Hand.

«Was glauben Sie denn?»

Zu Hause schaue ich nicht nach meinen Rosenbüschen, sondern gehe gleich rein, mache überall das Licht an und laufe in den kleinen Zimmern auf und ab. Das Bild von dem Mädchen hat mich total aus der Bahn geworfen. Sie ist überall, wohin ich auch blicke. Die Bewegungsunschärfe ihres Arms quält mich fürchterlich. Sie erhebt ihn, aber es gibt nichts, was sie gegen das, was ihr bevorsteht, tun kann. Ihr Ausdruck ist voller Unschuld, aber sie weiss auch, was kommen wird. Und der Arm hebt sich. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft existieren im selben Augenblick. Und das Abgefuckteste und Beschissenste ist, dass es mich stimuliert. Es macht mich fertig und zugleich so an, dass ich mir am Waschbecken einen runterhole – wenn ich die Augen zumache, sehe ich sie; wenn ich sie aufmache, sehe ich mich selbst im Spiegel – ich muss, sonst hört es nicht auf.

Während ich wichse, fange ich an zu weinen, ich flenne regelrecht, weil sie weiss, was passieren wird, sie weiss, dass sie nichts dagegen tun kann, und auch wenn man weiss, was auf einen zukommt, ist es doch jedes Mal wieder eine Überraschung, wenn nach einem Segeltörn, nachdem der Skipper allen in deiner Seepfadfindergruppe ein Abzeichen für gute Leistungen überreicht hat, nachdem man so viel Spass miteinander hatte und von einem Gefühl des Staunens und des Stolzes erfüllt ist, weil man die Spitze von Catalina Island umrundet hat, und es einen trotz der Male, die es vorher schon passiert ist, immer wieder überrascht, wenn der Skipper einen im Dunkeln holen kommt und man mitmuss in die Bugkoje, in der es muffig nach Segeltuch und dem geteerten Regenzeug riecht. Mit dem Gesicht nach unten wird man auf einen Berg Schmutzwäsche der anderen Jungs gezwungen. Die straffe Ankerkette reibt am Bootsrumpf, und es gibt kein Licht ausser dem bleichen Schein des Lämpchens an der Bilgepumpe, kein Geräusch abgesehen vom Kratzen seiner Bartstoppeln in deinem Nacken und seinen Händen, die sich in den Gurten deiner Schwimmweste verkrallt haben.

 

In den folgenden Nächten kümmere ich mich nicht um meinen Garten, sondern fahre abends den PC hoch. Darauf befindet sich meine gesamte Kollektion. Die Bilder stimulieren, stark wie ein Muskel, der einen in die Knie zwingen kann. Sie haben nichts Erotisches an sich. Sie sind im Gegenteil sogar ziemlich verstörend. Aber sie stimulieren. Ich sehe mir Davor- und Danach-Bilder an, Hunderte nacheinander, direkt davor und direkt danach. Die Bilder zu bearbeiten hilft – aus einem grossen mehrere kleine Bilder zu machen –, eine Kinderhand, im Protest zur Faust geballt, ins Laken gekrallt, oder eine offene, kraftlose Hand, die sich völlig ergeben hat. Ein einziger Blick kann eine ganze Geschichte erzählen, deswegen schneide ich oft bis auf die Augen alles von einem Bild weg – niedergeschlagene Augen, ins Weite schauende Augen, geschlossene Augen, das Windrädchen einer Iris, das etwas ganz anderes sieht als das, was vor ihm ist, ein einziger, aufsässiger Blick nach oben.

Mit dem Unvermeidlichen lässt sich am besten umgehen, indem man sich eine Bilderserie rückwärts anschaut: Etwas Schreckliches geschieht mit einem Kind, dann wird es weniger schlimm, noch weniger, dann trennen sich Kind und Erwachsener und nach ein paar Worten gehen sie zu unterschiedlichen Türen hinaus.

Ich onaniere nicht am Computer, weil das eine Sitzung zu schnell beenden würde. Ich kann es nur so beschreiben, dass die Bilder mich bis an meine Grenzen treiben und mir dadurch helfen, meine Mitte wiederzufinden. Ich fühle mich irgendwie gereinigt. Ein paar Tage lang bin ich wie alle anderen.

 

Ich werde von einem Klopfen an der Tür wach. Es ist Mittag. Ich schlafe immer vollständig bekleidet und öffne daher sofort. Wenn man in seinen Kleidern schläft, braucht man nicht unter das Laken oder die Decke zu kriechen. Man bringt das perfekt gemachte Bett nicht durcheinander und muss am Morgen kein Schlafsofa zusammenklappen.

Als ich die Tür aufmache, steht ein Polizist vor mir.

«Blüht ja ganz mächtig bei Ihnen», sagt der Polizist und nickt in Richtung Rosen.

«Die hat die alte Dame gepflanzt, die früher hier gewohnt hat», antworte ich.

«Officer Hernandez», sagt er. «Jaime Hernandez. Mein Kollege Sergeant Rengsdorff hat mir gesagt, ich soll mal bei Ihnen vorbeischauen. Weil Sie uns vor einiger Zeit bei einem Kiddie-Fall geholfen haben, ein paar Laptops für uns geknackt und so.»

Ich nicke. «Ja, stimmt. Denis. Wie geht es ihm?»

«Sergeant Rengsdorff ist letztes Jahr pensioniert worden. Ich habe seine Stelle in der Soko ‹Gewalt gegen Minderjährige› übernommen.»

Sein Handy vibriert ständig, weil er eine SMS nach der anderen bekommt, aber er beachtet es nicht. Ich schätze mal, er ist der coole Cop, der besonders gefährdeten Kids seine Nummer gibt, damit sie das Gefühl haben, er sei für sie da.

In dem Augenblick geht Rhonza am Zaun vorbei. «Nehmen Sie diesen Freak endlich fest?», ruft sie Hernandez zu. «Hier in der Gegend treibt sich ein Spanner herum, und ich weiss ganz genau, dass es dieser Typ ist! Schauen Sie sich doch bloss mal seine Augen an, der Typ ist doch pervers!»

Der Polizist hebt eine Hand nachlässig zum Gruss an die Mütze: Alles klar, schönen Dank auch.

Aber Rhonza ist noch nicht fertig. «Gucken Sie ihn sich doch an!», keift sie. «Er hat Rikki-Tikki-Tavi-Augen.»

Als sie weg ist, sieht Officer Hernandez mich mit einem vielsagenden Lächeln an.

«So eine gibt’s in jeder Nachbarschaft», sagt er. Dabei blickt er mir forschend in die Augen.

«Bitte», sage ich. «Kommen Sie doch rein.»

Er tritt ein. «Gerade eingezogen?», fragt er, und ich erzähle ihm beinah, dass ich seit sieben Jahren hier wohne. Aber ich halte den Mund und sehe zu, wie er den Blick über die leeren weissen Wände und das ordentlich gemachte Sofabett schweifen lässt.

«Man kommt nie irgendwo richtig an», sage ich.

«Und wenn man sich endlich eingelebt hat, muss man schon wieder umziehen», erwidert er und starrt das Bücherregal mit meiner «National Geographic»-Sammlung an, die vielen Reihen gelber Zeitschriftenrücken.

Wir stehen am Tresen in der Küche.

«Kann ich Ihnen ein Glas Wasser anbieten? Milch?», frage ich.

«Das sind aber viele Zeitschriften», sagt er. «Ich wusste nicht, dass es ‹National Geographic› überhaupt noch gibt.»

«Ich habe ein Dauer-Abo.»

«Und was kostet so was?», fragt er ausdruckslos, weil er in Wirklichkeit damit beschäftigt ist, sich den Inhalt meines Kühlschranks genauer anzusehen, als ich die Tür aufmache.

«Das Abo habe ich als Preis bekommen, als ich ein Junge war, bei den Seepfadfindern. Ich war der Pfadfinder des Jahres in unserer Gruppe, auch wenn ich gar nichts Besonderes gemacht habe, um mir den Preis zu verdienen. Es war eher so eine Art Trostpreis.»

Officer Hernandez sieht mir ins Gesicht. «Seepfadfinder?»

«Wie die Pfadfinder, nur auf dem Wasser. Man lernt Navigation, Segeln und so weiter. Die Gruppe, in der ich war, existiert nicht mehr. Sie hat sich aufgelöst, nachdem sich unser Gruppenführer das Leben genommen hat. Er ist den Topanga Canyon raufgewandert und hat sich da erhängt.»

Er sieht mir zu, wie ich die Tülle des kleinen Milchkartons entfalte.

«Das tut mir leid. Aber in der Erinnerung lebt er ja weiter.»

Ich trinke einen Schluck Milch. «Na ja … Die Zeitschrift kommt jeden Monat.»

«Richtig», sagt Officer Hernandez. «Ich bin hier wegen einem Artikel, im Internet. Darin steht, dass ein Code an explizites pornografisches Fotomaterial angeheftet und dann irgendwie nachverfolgt werden kann. Ich würde lügen, wenn ich jetzt behaupte, ich würde das verstehen. Denis, Sergeant Rengsdorff, meinte, Sie hätten bei so was den Durchblick.»

«Ich weiss, welchen Artikel Sie meinen», antworte ich und erkläre ihm die Sache mit den Zählpixeln und den Pings und dass die Kinderpornografen nicht zu ahnen scheinen, dass etwas in ihre Dateien eingeschmuggelt worden ist. Das deutet darauf hin, dass eine staatliche Institution die Quelldateien der Pornografen gegen manipulierte ausgetauscht hat. Das FBI, wie ich vermute; es hat den Kinderpornoring also nicht hochgehen lassen, sondern baut lieber eine Datenbank mit den Daten aller User auf.

Nachdem ich Hernandez das alles erklärt habe, sieht er mich einen Augenblick lang durchdringend an. Dann beginnt er, mir Fragen zu stellen, die richtigen, über Erkennung und Verbreitung und woher ich mich so gut damit auskenne. Dann will er wissen: «Der Typ, der den Artikel geschrieben hat, hat sich ‹Dark Meadow› genannt. Hat das irgendeine Bedeutung in Hackerkreisen?»

«Nicht, dass ich wüsste.»

«Was ich immer noch nicht verstehe», sagt Officer Hernandez. «Wenn dieses Signal, dieser 256stellige Code, der Schlüssel ist, warum hat dieser Dark Meadow ihn dann nicht zusammen mit dem Artikel veröffentlicht?»

«Keine Ahnung», sage ich. «Vielleicht würde das eine gross angelegte FBI-Operation gefährden.»

«Aber hat nicht allein dieser Artikel das auch schon getan?», fragt er. «Ich meine: Haben wir’s hier mit einem Guten oder einem Bösen zu tun?»

«Ich verstehe die Frage nicht.»

«Die Frage ist ganz einfach. Will dieser Typ Kinder schützen, indem er den Gesetzesvollzug auf eine Methode hinweist, wie man Kinderschänder dingfest machen kann? Oder will er den Pädophilen helfen, indem er sie vor einer Schwachstelle warnt?»

Ich kapiere immer noch nicht, was er meint. «Informationen sind Informationen», sage ich.

Hernandez fragt mich: «Kennen Sie diesen Dark Meadow?»

Ich sage nichts.

«Vielleicht trinke ich doch eine Milch», sagt er.

Als ich den Kühlschrank aufmache, späht er wieder hinein. Aber darin gibt es nichts zu sehen, abgesehen von mehreren Fächern mit ordentlich aufgereihten Trinkpacks mit Milch.

«Wenn ich Sie recht verstanden habe», sagt er, «dann könnte man mit diesem Code alle Kinderporno-User in ganz L.A. ausfindig machen.»

«Wenn Sie den Code hätten, könnten Sie eine schöne Google-Map mit ihren Adressen anlegen.»

Ich reiche ihm eine Milchtüte. Er schüttelt sie, damit die Milch schäumt.

«Aber wen würden Sie damit schon fangen?», frage ich. «Ich durchforste ein halbes Dutzend Computer am Tag, und auf praktisch allen ist Porno. Da gibt es alle Sorten. Ich bekomme solches Zeug also öfter mal zu sehen. Und Sie können mir glauben – es macht keinen Spass, sich so etwas anschauen zu müssen. Es ist qualvoll. Aber sehen Sie, die meisten dieser Bilder sind zehn oder zwanzig Jahre alt. Die Opfer sind erwachsen, die Täter sind alt und hängen wahrscheinlich irgendwo an der Sauerstoffflasche.»

«Ach?»

«Man kann die Uhr nicht zurückdrehen», sage ich. «Das, was bereits geschehen ist, kann man nicht mehr verhindern. Man kann nur noch irgendwie damit umgehen.»

Hernandez trinkt aus der Tülle seiner Milchtüte. «Gibt’s übrigens auch im Vier-Liter-Kanister.»

«Ich nehme Dinge gern in kleinen Dosen zu mir», erwidere ich.

«Ich habe Kinder», sagt er. «Ich bin aus persönlichen Gründen bei der Soko. Für mich gibt es keinen Unterschied zwischen jemandem, der Kinder vergewaltigt, und jemandem, der sich Bilder anguckt, auf denen Kinder vergewaltigt werden. Die meisten meiner Kollegen finden, man sollte diese Typen einfangen und wie räudige Hunde auf der Strasse erschiessen. Über diesen Aspekt habe ich noch nicht weiter nachgedacht. Für mich geht es um die Kinder. Um die mache ich mir Sorgen. Und wie lange das her ist, dass sie missbraucht worden sind, das ist mir scheissegal.»

Fast traurig mustert er mich.

«Eigentlich glaube ich nicht, dass Sie einer von den Bösen sind», sagt er. «Ob Sie nun selbst glauben, dass Sie ein Guter sind oder nicht – Sie sollten sich auf jeden Fall mal mit der Frage beschäftigen. Und es gibt eine hervorragende Methode, wie Sie sich selbst beweisen können, dass Sie kein Böser sind. Sie können uns eine Menge Arbeit ersparen und uns den Code geben.»

Er lässt mir seine Karte da.

Ich folge dem Officer nach draussen und blicke ihm von der Veranda aus hinterher, als er wegfährt. Vor dem Nachbarhaus haben der Tiger und das Bärchen einen Limonadestand aufgebaut. Sie haben einen Tisch und zwei Klappstühle auf den Parkplatz geschleppt, sitzen da und warten auf Kundschaft. Auf dem Tisch stehen Zitronen, eine Zuckerdose und eine Kanne Eiswasser. Die Beine des Bärchens schwingen unter der Wachstuchdecke hin und her. Niemand kommt an ihren Limonadestand, und ich gehe auch nicht hin.

 

Als es dunkel wird, fahre ich meinen Computer hoch und bearbeite eine Weile Fotos. Der kontrollierte und systematische Arbeitsablauf beruhigt mich. Ich öffne die Bilder, die ich von den Festplatten anderer Leute kopiert habe, und dann schneide ich sämtliche Erektionen und Penetrationen und verzerrten Gesichter heraus. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie sehr ich Videos hasse. Ein Video kann man nicht beschneiden. Und wenn die Bilder erst einmal in Bewegung sind, ist es unmöglich, sie unter Kontrolle zu halten.

Ich öffne das Bild des Mädchens in der Küche. Ich speichere eine Kopie und zoome so weit hinein, bis nur noch ihre Augen zu sehen sind. Sichern. Dann schneide ich in einer neuen Kopie das Schattenspiel aus, das auf ihre Haut fällt. Sichern. Ich reduziere das Bild, bis einfach nur noch Gelb zu sehen ist – ein mit ihrem gelben T-Shirt-Stoff gefülltes Rechteck, sonst nichts; sichern. Und dann die Hand. Ich beschneide und beschneide, mache den Ausschnitt immer kleiner und zoome hinein, bis er aus reiner Bewegungsunschärfe besteht. Man hätte nicht einmal sagen können, dass es eine Hand ist. Dann lösche ich das Original. Auf diese Weise verkrüpple ich das Bild und nehme ihm die Macht wehzutun – es ist keine Kinderpornografie mehr, es ist keine Pornografie mehr, da ist nicht mal mehr ein Kind. Ich beseitige all das, was einen quält, wenn man auf dem untersten Schiffsboden liegen bleibt und es nicht schafft, wieder aufzustehen.

Draussen schneide ich ein paar Blumen, merke aber bald, dass ich im blassen, gleichförmigen Licht der Stirnlampe auf meine eigene Hand starre. Es ist ein seltsames Licht, wie bei einer Sonnenfinsternis, wenn der Mond sich vor die Sonne schiebt. An einem Wochenende segelte der Skipper mit uns hinaus zu Santa Cruz Island, damit wir uns dort die Sonnenfinsternis ansehen konnten. Auf der Hinfahrt zeigte er uns Tittenheftchen und erzählte Witze über Segler und Haie und Schwuchteln und Priester. Wir ankerten im Potato Harbor und ruderten dann in Grüppchen zum Strand. Als es losging, wurde das Licht ganz allmählich fahl. Die meisten Jungen starrten mit ihren blöden SoFi-Brillen hoch in die Sonne. Nur ich nahm das fahle Licht wahr, in das wir gebadet waren. Plötzlich lag die Hand des Skippers auf meiner Schulter.

Normalerweise blitzte sein Ring von der Handelsmarine aquamarin, aber jetzt leuchtete er königsblau.

Wie war er mir so nahe gekommen, ohne dass ich es bemerkt hatte?

«Die meisten Menschen glauben, bei Licht gebe es nur an oder aus», sagte der Skipper zu mir. «Doch der aufmerksame Pfadfinder erkennt, dass es hundert verschiedene Arten von Licht gibt. Genau wie es hundert Arten von Wasser gibt. Und jede hat ihre eigenen Gesetze.»

Er zog zwei Sixpacks heraus – ein Bier für jeden Pfadfinder in der Gruppe.

Wir stiessen auf den Mond und die Sonne und ihre vorübergehende Vereinigung an. Es war mein erster Schluck.

«Und keiner verpetzt uns», verkündete unser Skipper und wir johlten.

Wie er das sagte – es klang lustig und drohend zugleich, so ähnlich, wie wenn er einen Schwulenwitz erzählte. Und wir wussten alle, wie er über Schwule dachte.

Am nächsten Tag veranstalten der Tiger und das Bärchen einen Flohmarkt auf dem Parkplatz. Sie sitzen an einem Tisch, der mit allem möglichen Haushaltskram vollgestellt ist. Ich schaue vorbei.

Der Tiger trägt eine kurze Sporthose und eine Jeansjacke. Das Bärchen hat einen alten roten Kapuzenpulli an.

Als ich zum Tisch komme, frage ich sie: «Und warum seid ihr nicht in der Schule?»

Das Bärchen antwortet: «Es ist Samstag, Mister Roses.»

So nah war ich dem Bärchen noch nie. Sie stimuliert nicht wegen einer bestimmten Eigenschaft – es sind nicht die braunen Ringellöckchen oder der Babyspeck im Gesicht oder die übertriebenen Grimassen. Es ist einfach dieser Wendepunkt, an dem sie sich gerade befindet. Der Blick ihrer grossen Augen ist voller Vertrauen und Offenheit auf eine Welt gerichtet, deren dunkle Gnadenlosigkeit sich ihr noch nicht offenbart hat. Ein Teil von mir will den Menschen umbringen, der ihr diesen Blick stehlen wird. Und ein hassenswerter, unergründlicher Teil denkt, es wäre nur natürlich, der Dieb zu sein.

Als ich meinen Blick auf einen Power Juicer richte, sagt der Tiger: «Der ist so gut wie neu. Wir haben ihn noch nie benutzt.» Und als ich ein Waffeleisen begutachte, zieht das Bärchen hoffnungslos die Augenbrauen hoch und sagt nur: «Waffeln.»

«Spart ihr zwei auf irgendwas Bestimmtes?», frage ich.

«Nein, aber wir müssen irgendwie klarkommen», antwortet der Tiger.

Sie essen gefrorene Arme Ritter direkt aus der Tiefkühlpackung.

Ich blicke hinüber zu ihrer Wohnung, wo die Tür offen steht. «Schläft eure Mom?», frage ich.

Das Bärchen sagt: «Sie ist auf Tour mit einer Band.»

«Und wie heisst die Band?», will ich wissen.

«Haben wir vergessen», sagt der Tiger. «Und auf Moms Blog können wir auch nicht nachgucken. Das Internet geht nicht.»

«Kabelfernsehen auch nicht», fügt das Bärchen hinzu.

«Geht Ihr Internet?», fragt der Tiger.

«Ich habe kein Internet», antworte ich.

Der Tiger nickt mitfühlend.

«Na jedenfalls wird die Band mal so berühmt wie Nirvana», sagt sie.

«Wisst ihr, wann eure Mutter zurückkommt?», frage ich. «Seid ihr in Kontakt mit ihr?»

«Ja», antwortet der Tiger. «Wir haben ihr eine SMS geschickt, und sie hat zurückgeschrieben. Sie hat geschrieben, es geht ihr gut und wir sollen uns keine Sorgen um sie machen.»

Das Bärchen hält einen Radiowecker hoch. «Fünf Dollar», sagt sie. «Man kann die Uhrzeit an der Decke ablesen.»

«Nein, danke», sage ich.

«Das Deprimierende ist», sagt der Tiger, «dass unsere Wohnung voll mit wertvollen Erinnerungsstücken von Rockmusikern ist.»

«Die sind unbezahlbar», sagt das Bärchen.

«Aber wir dürfen sie nicht verkaufen», sagt der Tiger.

«Weil sie unbezahlbar sind», sagt das Bärchen. «Mein Dad ist ein Rockstar.»

«Meiner auch», ergänzt der Tiger. «Aber ihr Dad ist echt berühmt. So berühmt, dass er ausverkaufte Konzerte im Stadion hat. Er schickt uns jeden Monat einen Scheck, deswegen brauchen wir nicht arbeiten zu gehen.»

Ich schaue mir ein paar von ihren Sachen an – eine Personenwaage, eine zusammenfaltbare Polaroidkamera, eine Tischlampe. Ich versuche mich zu erinnern, wann ich ihre Mutter zum letzten Mal gesehen habe.

«Habt ihr denn irgendwelche Verwandten, die sich um euch kümmern?», will ich wissen. «Irgendjemanden, den ihr anrufen könnt?»

Beide schütteln den Kopf, und ich nicke.

«Ich muss bei jedem Flohmarkt was kaufen», behaupte ich. «Eine richtige Sucht.»

«Wie wär’s mit einem Bild?», fragt das Bärchen. Sie hebt ein Gemälde hoch, das hinter dem Tisch steht: ein Segelboot auf einer mondbeschienenen, samtigen See in einem dunkel gebeizten, handgeschnitzten Rahmen. An den Ampeln auf dem Sepulveda Boulevard stehen öfter Mexikaner, die solche Gemälde verticken.

Der Tiger sagt: «Ich glaube, das ist ein Klipper-Schiff.»

«Nein, das ist eine Slup», berichtige ich sie. «Eine Slup mit Bermuda-Takelung für das Einhandsegeln.»

«Sind Sie Segler?», fragt das Bärchen.

«Früher habe ich mal gesegelt», antworte ich. «Ich war schon lange nicht mehr draussen. Aber Schiffe auseinanderzuhalten ist ganz einfach – man braucht sich bloss die Segel und Masten anzusehen. Die Bootstypen heissen Slup, Kutter, Ketsch, Schoner, Klipper.»

Der Tiger sagt: «Jetzt müssen Sie’s auch kaufen.»

«Es ist ein schönes Gemälde.» Ich kratze mich am Kinn. «Wahrscheinlich mehr wert, als ich mir leisten kann.»

Die Mädchen sehen einander an. «Machen Sie uns ein Angebot», sagt der Tiger.

Ich öffne meine Brieftasche und sehe hinein. Ich ziehe die drei Hundertdollarscheine heraus.

«Mehr habe ich leider nicht», sage ich.

Als es Abend wird, setze ich mich auf meine kleine Veranda und lese die neue «National Geographic». Als ich aufblicke, stehen auf einmal der Tiger und das Bärchen vor mir, der Tiger in seinem gestreiften Tigermaskottchenkostüm und das Bärchen in einem mit Regenbogen und Einhörnern bedruckten Schlafanzug.

Der Tiger sagt: «Ein Typ hat bei uns ins Fenster geguckt.»

«Es war gruselig», sagt das Bärchen.

«Wir haben ein Geräusch gehört», sagt der Tiger. «Wir haben hochgeguckt, und da haben wir ihn gesehen.»

«Ich will nicht zurück nach Hause», sagt das Bärchen.

«Jetzt ist alles wieder gut», beruhige ich sie. «Na kommt, wir sehen uns die Sache mal an.»

Wir gehen durch meinen Garten, überqueren den Parkplatz und gehen durch den kleinen Hof in ihre Zweizimmerwohnung.

An den Wänden hängen überall Gitarren, Plattenhüllen und Crash Cymbals mit Autogrammen in schwarzem Edding darauf. Die Mom der beiden hat das Schlafzimmer, die Mädchen schlafen vor dem Fernseher auf dem Boden. Im Wohnzimmer liegen Berge schmutziger Wäsche, Pappkartons und umgekippte Fahrräder. Klebeband, das die Tanzschritte des Maskottchens markiert, ist mit dem Teppichboden verschmolzen.

«Wo habt ihr ihn gesehen?», frage ich.

Sie zeigen auf das Fenster über dem kleinen Frühstückstisch.

«Ich habe gehört, in der Gegend soll ein Spanner unterwegs sein.»

«Was ist ein Spanner?», fragt das Bärchen.

«Das ist ein Mann», sage ich. «Ein Mann, der gern –»

«Der guckt bei anderen Leuten ins Fenster», klärt der Tiger sie auf.

«Oh», sagt das Bärchen. «Aber warum?»

Der Tiger sieht mich fragend an, ob sie es erklären soll, aber ich schüttle den Kopf.

«Wartet hier», sage ich zu ihnen. Ich gehe hinaus und um das Gebäude herum, drücke mich zwischen den Mülltonnen und Entlüftungsschächten hindurch und gehe hinten am Apartment vorbei. Ich wölbe die Hände um die Augen und spähe so hinein, wie ein Spanner das tun würde. Als das Bärchen in meine Richtung blickt, schreit sie los, dann schreit der Tiger, und dann merken sie, dass nur ich es bin.

Ich inspiziere das Schlafzimmerfenster. Das Gras unter dem Fensterrahmen ist zertrampelt und irgendjemand hat viele Male auf den rosa Putz ejakuliert. Ich gehe dichter an die Scheibe und luge ins Schlafzimmer. Da liegt die Matratze, auf der die Mom der Mädchen in den zusammengeknüllten Laken ihren Rausch ausschläft, wo sie völlig weggeschossen im weit aufklaffenden Morgenmantel den Tag verdämmert.

Ich sage den Mädchen, dass der Typ wahrscheinlich einfach nur ins falsche Fenster geguckt hat. Trotzdem hängen wir Handtücher über beide Fensterflügel. Die Mädchen finden es toll, dass sie Besuch haben. Der Tiger führt mir den Tigertanz vor. Sie kneift die Augen zu finsteren Schlitzen zusammen und ist so sehr bei der Sache, als stehe sie im vierten Viertel auf dem heimischen Basketballcourt und sei persönlich dafür verantwortlich, dass das Spiel noch gewonnen wird.

Das Bärchen will auch meine Aufmerksamkeit. Sie fängt an, wie ein Delfin durch die Wohnung zu schwimmen. Ihre angewinkelten Arme sind die Flossen. Sie bläst die Backen auf und hält die Luft an. Wenn sie den Kopf hebt, durchstösst sie die Wasseroberfläche, und wenn sie den Nacken wieder beugt, taucht sie tief hinab und stürmt nicht durch schmutzige Klamotten, sondern durchschwimmt den offenen Ozean. In diesem weit entfernten Meer gibt es keinen Alkohol und keine abgeranzten North-Hollywood-Apartments. Dort ficken Männer keine Groupies und onanieren nicht, während eine Mutter träumt. Ich sehe dem Bärchen zu, wie sie ihre Bahnen um mich zieht, den lautlosen Kreisen dieses geschmeidigen jungen Körpers.

Als sie mir um Beifall heischend in die Augen blickt, sage ich, dass jetzt Schluss ist mit der Tanzerei und Schwimmerei. Ich gehe zu ihrem Kühlschrank, der mit Flyern von Clubevents vollhängt. Er ist völlig leer, noch nicht mal Milch steht darin.

«Haben Sie Hunger, Mister Roses?», fragt das Bärchen.

Auch das Gefrierfach ist leer. «Was habt ihr mit dem Geld gemacht, das ich euch für das Bild gegeben habe?»

Der Tiger antwortet: «Wir mussten eine Rechnung bezahlen.»

«Was für eine Rechnung denn?»

Der Tiger sagt: «Ein Mann war hier. Er kennt unsere Mom, sie hat anscheinend vergessen, eine Rechnung zu bezahlen.»

«Wartet hier», sage ich und gehe zum «7-Eleven» an der Ecke, wo ich Müsli, Bananen, eine Gallone Milch und ein paar fragwürdig aussehende Taquitos kaufe, aber wenigstens sind sie warm.

Hinter dem Ladentisch hängen Tittenheftchen. Ich wende den Blick ab. Ich fühle mich wie ein guter Mensch, wie ein normaler Mensch, der normalen Umgang mit anderen hat. Das Bärchen übt eine enorme Kraft aus. Sie stimuliert. Aber ich fühle mich stark und gut. Ich liefere die Lebensmittel bei den Mädchen ab, und als ich mich von ihnen verabschiede, bleibe ich draussen auf der Treppe stehen und weise sie an, die Tür zuzumachen und abzuschliessen.

«Ich will hören, wie das Schloss zuschnappt», sage ich.

Die beiden machen die Tür zwar zu, aber statt abzuschliessen, fragen sie: «Und was sollen wir jetzt machen?»

«Lest ein Buch», sage ich durch die Tür. «Oder, noch besser: geht einfach schlafen. Und jetzt schliesst ab.»

Einen Augenblick lang höre ich nichts. Dann wird das Bolzenschloss verriegelt.

 

In meiner Wohnung hänge ich das Segelbootbild so auf, dass ich es vom Bett aus sehen kann. Ich liege auf dem Bettzeug und denke an den Mann, der allein segelt. Ich habe alle Lampen ausgeschaltet, aber durchs Fenster dringt so viel Licht herein, dass ich das Gewicht und die Grösse der Ozeanwogen sehen kann und wie der Wind an der Takelage zerrt. Der Segler blickt ins Weite, dem dunklen Horizont entgegen, so dass der Betrachter sein Gesicht nicht sehen kann, aber seine Geschichte ist die altvertraute: Ein Seemann hat etwas weit draussen auf dem Meer verloren. Und jetzt holt er es sich zurück.

Es ist ein billiges Gemälde, aber ich frage mich stundenlang, ob der Seemann es wohl zurückbekommt, ob er die Stelle wiederfindet, an der er es verloren hat. Dazu muss er in der Zeit zurücksegeln, zu dem, was vorher war. Die Reise ist unmöglich, aber er hat die Segel richtig gesetzt und die Schot in der Hand. Der Wind weht ihm ins Gesicht und der Bug durchschneidet die Wellen. Aber das Wichtigste ist: Der Seemann hat sich entschieden. Er ist in See gestochen.

Ich beschliesse, Officer Hernandez eine SMS zu schicken. 256 Zeichen.

 

Am Morgen bekomme ich eine Reparaturanfrage in Sun Valley. Sun Valley ist noch beschissener als Pacoima, Chatsworth, Reseda oder mein eigener Stadtteil North Hollywood. Ich nehme die Tujunga nach Norden zur La Tuna Canyon Road. Ich halte vor einer geschlossenen Hundepension, die zwischen einer Zementfabrik und einem Bauhof eingeklemmt ist. Der Parkplatz ist mit einer Kette abgesperrt, also stelle ich den Wagen an der Strasse ab.

Ich überprüfe noch einmal die Adresse und schicke eine SMS – Hundepension?

Die Antwort kommt umgehend – Ja, DM14 097. Einfach klopfen, wir sind da.

Noch nie hat jemand mein wahres Ich mit DM14 097 in Verbindung gebracht. Das bin ich nicht mehr. Ich benutze keine Usernamen mehr. Ich treibe mich in keinen Foren, Chatrooms oder P2P-Netzwerken mehr herum. Ich benutze Tor, eDonkey und Fetch nicht mehr. Ich tausche nicht, handle nicht, gebe keine Gebote ab und brenne keine CDs mehr. Ich habe dem Internet komplett abgeschworen. Ich habe nichts als meine kleine Sammlung, und die höhle ich systematisch aus.

Ich sehe noch mal nach, aber der Absender weiss ebenfalls, wie man seine SIM-Daten unterdrückt.

In dem Augenblick textet er zurück – Hier ist übrigens Dodger6636.

In der Welt, in der ich nicht mehr unterwegs bin, in der Menschen nur online existieren, sind die Grenzen zwischen Phantasie und Tat aufgehoben. Doch es gab einen Mann, der war für seine Taten bekannt. Das war Dodger6636, eine Legende in seinen Kreisen. Er muss alle anderen überlebt haben.

Ich betrachte die geschlossene Hundepension, bemerke die improvisierten Satellitenschüsseln auf dem Dach und die mit Alufolie verklebten Schaufenster vorn. Ein Gefühl durchschiesst mich, ein Stromstoss von innen, wie früher, wenn eine Lieferung von Dodger in meiner Fetch-Dropbox ankam: Ein Zeichentrickdackel wies mich darauf hin, indem er erst über den Bildschirm tanzte und dann den Knochen in seinem Maul unten am Bildschirm ablegte. Wenn man etwas von Dodger bekam, wusste man, dass der Knochen etwas Besonderes war, ein Leckerbissen, nach dem man lange gesucht, den man noch nie gesehen hatte.

Ich steige über die Kette in die Einfahrt. Glasscherben und Schotter knirschen unter meinen Füssen.

Dodger macht die Tür auf, bevor ich klopfen kann.

«Dark Meadow», sagt er und mustert mich. «Da bist du ja.»

«Und du offensichtlich auch», gebe ich zurück.

Er ist älter als ich, mit Bauchansatz. Auf der Stirn und Kopfhaut hat er Flecken, vielleicht Überbleibsel von längst entferntem Hautkrebs. Wir haben uns noch nie gesehen – ich habe noch nie jemanden aus dieser Welt persönlich kennengelernt –, aber er sagt: «Ich erinnere mich gut an dich. Ich hatte mir dich anders vorgestellt, aber der Geschmack ändert sich ja nicht. Nur Fotos, wenn ich mich nicht irre. Und du stehst auf Vintage, richtig, du magst die Klassiker?»

Ein Blick in Dodgers Augen und man sieht sofort, von welcher Sorte er ist: von der Sorte, die dazu geboren wird.

«Ich habe ein neues Leben angefangen», antworte ich.

«Na klar», sagt er. «Verstehe.» Er zieht einen USB-Stick aus der Tasche. «Dann brauchst du das hier ja nicht. Aber ich schenk’s dir trotzdem, nur den guten alten Zeiten zuliebe. Alles extra für dich zusammengestellt.»

Er hält mir den Stick hin, und ich nehme ihn entgegen, warm aus seiner Hosentasche.

«Hast du eine Ahnung, wie schwer es ist, neues Vintagematerial zu finden?», fragt er mich. «Wie sagte Wordsworth doch so schön: Was man im Frühjahr verlor, gewinnt man im Herbst? Denk dran: Ich habe mich angestrengt, habe mich richtig ins Zeug gelegt für dich. Es ist verschlüsselt, aber der Code ist Dark Meadow.»

Als ich die Finger um den Stick schliesse, winkt Dodger mich hinein.

«Du warst nicht gerade leicht aufzuspüren», erzählt er. «Aber wir brauchen dich.»

Ich folge Dodger durch das leere Wartezimmer und einen mit blinkenden Serverstapeln vollgestellten Flur – mehrere tragbare Ventilatoren propellern Fullspeed, um sie zu kühlen. Wir betreten einen grossen Raum, in dem früher vermutlich die Hunde gebadet und gekämmt wurden – überall Edelstahlarbeitsflächen und -tische und -spülen. Die Spülbecken sind tief. Eines ist mit schmutzigen Kaffeetassen gefüllt, auf der anderen Spüle stehen Schminkutensilien. An einem Stahltisch schneidet ein Mann ein Video. Vor ihm stehen zwei Cinema Displays, Tastatur und Maus.

Dodger sagt zu ihm: «Bert, das ist Dark Meadow. Er steht nicht auf Video. Er will nur Bilder.»

Ohne sich zu mir umzudrehen, sagt Bert: «Old School.»

«Dark Meadow hat den Artikel gepostet», sagt Dodger. «Er guckt mal auf unseren Servern nach dem Rechten. Schaut nach, ob sie sauber sind.»

Die Tische sind hoch, um sie herum stehen Regiestühle. Als wir uns setzen, sagt Dodger: «Du ahnst ja nicht, wie sehr ich mich freue, dich zu sehen, alter Kumpel. Dein Artikel hat eine ganze Reihe schwerwiegender Probleme angesprochen, mit denen wir uns momentan herumschlagen. Du kannst uns bestimmt mit deinem Fachwissen weiterhelfen.»

«Du hast ja eine richtige Serverfarm hier», sage ich. «Hast du eine T1-Leitung?»

Dodger zuckt die Achseln.

«Darum kommt man in unserem Geschäft nicht herum», sagt er und fängt an, mir seine gesamte Hardwarekonfiguration zu beschreiben.

Man spürt, dass hinter einem kurzen Gang noch andere Räume kommen, vielleicht veterinärmedizinische Untersuchungsräume oder Räume voller Tierkäfige. Mein Blick fällt auf Berts Monitore und ich sehe Aufnahmen von einem Mädchen. Sie ist nackt abgesehen von den Strümpfen. Sie kommt mit dem Rücken zum Betrachter ins Bild und geht auf einen Tisch zu. Bert springt im Videomaterial zurück, so dass sie wieder hereinkommt, wieder auf den Tisch zugeht, sich ein wenig vorbeugt und sich mit den Handflächen nach unten darauf stützt.

«Das kriege ich schon in den Griff», versichere ich Dodger, obwohl ich ihm nicht richtig zugehört habe. Das ist die Macht, die Videos ausüben. «Ich hole nur gerade meine Diagnostiklaufwerke aus dem Van.»

Ich werfe noch einen Blick auf den Bildschirm.

Dodger bemerkt meinen Blick und lächelt. «Und er hat behauptet, er steht nicht auf Videos», sagt er zu Bert.

«Hab’s mitbekommen», sagt Bert.

«Wer sollte es dir verdenken?», sagt Dodger. «Sie ist frisch, was ganz Besonderes. Sieh dir das an, die wackeligen X-Beinchen! Sie weiss nicht mal, wo sie hingucken soll. Ich sag den Kleinen, dass sie die Strümpfe anlassen sollen. Für das gewisse Extra.»

Auf dem Bildschirm kommt ein nackter Mann mit bleicher Haut dazu. Er nähert sich dem Mädchen von hinten.

«Sie braucht einen Namen», sagt Dodger. «Die guten sind schon alle belegt – Dazzle, Sparkle, Crush, Taffy, Daphne, Tumble, Twist.»

«Wie wär’s mit Trampel?», fragt Bert.

«Mach du weiter mit deinem Schnitt», meint Dodger nur. Zu mir sagt er: «Bert hat kein Gefühl für Schönheit, er weiss das einfach nicht zu schätzen.»

Auf dem Bildschirm kommt der Mann dem Mädchen immer näher. Er fasst um sie herum und legt seine Hände über ihre und pinnt sie fest. Sie verschwindet hinter seinem massigen Körper, das kleine Mädchen ist plötzlich nicht mehr zu sehen, und ich bin stimuliert. Es geht so schnell, dass ein Schauder durch meinen Körper rast und ich zusammenzucke. Der Männerkörper bewegt sich ruckweise und von dem Mädchen ist nichts mehr übrig.

«Wow», sagt Dodger, als er meinen Gesichtsausdruck sieht. «Sieht so aus, als hätten wir einen neuen Fan. Bert, brenn eine Extrakopie für unsern Dark Meadow hier, der steht drauf.»

Bert dreht sich zu mir um und wirft mir einen säuerlichen Blick zu. Er sieht so aus, als hätte er seit langem nicht mehr geschlafen.

«Man sieht das Mädchen noch nicht mal», sagt er. «Das hier ist der Teil, den ich rausschneide.»

«Was zieht, zieht», sagt Dodger. «Auf Videos stehst du nicht, aber das macht dich dann doch an, ja? Hilf uns, und du kannst sie haben. Mach unsere Server schön sauber, und sie gehört dir.»

Mit einem Mal sehe ich, dass der Tisch in dem Video aus Edelstahl ist. Und gerade, als ich bemerke, dass ich ebenfalls an einem Edelstahltisch sitze, kommt ein Mädchen ins Zimmer und geht ganz dicht an mir vorbei. Sie trägt eine Schale mit Frühstücksflocken in beiden Händen. Es ist die Sorte mit knallbunten Marshmallows darin, die Schale ist randvoll, bei jedem Schritt droht Milch überzuschwappen, deswegen bewegt sie sich ganz langsam, den Blick konzentriert auf den Rand der Müslischale gerichtet. Ich sehe, dass ihre Haare nass sind, dass sie einen Bademantel anhat, und das ist sie, das ist das Mädchen aus dem Video, und mir ist schlagartig klar, dass Dodger nicht das Video gemeint hat, als er sie mir anbot.

Ich reisse die Arme wie zur Abwehr hoch und springe so schnell auf, dass der Regiestuhl umkippt. Das Mädchen dreht sich zu mir um, die Milch schwappt über ihre Hände. Wir sehen uns in die Augen, einen Moment nur, dann renne ich. Ich lasse den USB-Stick fallen und renne. Ich stolpere gegen Berts Tisch, seine Monitore drohen umzukippen, und ich mähe beinahe einen Serverturm um, als ich zu meinem Van stürze.

Zu Hause schleppe ich meinen Rechner nach draussen, nach vorn in die betonierte Einfahrt, und schwinge den Hammer. Mit der spitzen Seite spalte ich das Aluminiumgehäuse und reisse die Grafikkarte, das CD-Laufwerk und den Arbeitsspeicher heraus. Ich kratze sämtliche Schaltkreise von der Platine. Ich ziehe die Festplatte aus dem Käfig und denke: Ich bin schlecht. Ich bin krank. Ich schlage mit dem Hammer auf die Laufwerke ein, so dass der Schreib-Lese-Kopf davonfliegt und die Spindeln zerbrechen. «Ich bin schlecht», murmle ich vor mich hin. «Ich bin krank.» Immer und immer wieder lasse ich den Hammer heruntersausen, bis ausser zersplittertem Plastik und zermalmtem Aluminium nichts mehr übrig ist. Ich zertrümmere die Datenscheiben in den Festplatten.

Mit dem Hammer in der Hand erhebe ich mich und drehe mich zu meinem Haus um. Was für ein Mensch lebt da, frage ich mich. Ich weiss, dass es diejenigen gibt, die dazu geboren sind. Aber was ist mit denen, die gemacht werden? Haben sie die Wahl? Dürfen sie selbst entscheiden?

 

Ziellos fahre ich den ganzen Tag mit dem Auto herum. Ich fahre zum Yachthafen und halte auf dem grell sonnigen Parkplatz. Ich laufe an den Schwimmdocks vorbei, und alles wirkt vertraut – Eis wird in Kühlboxen geschaufelt, ein Charterkapitän reinigt Angelruten vom Salzwasser. Aber als ich an den Liegeplatz komme, an dem ein Segelboot namens Ketchfire für immer in meinem Kopf festgemacht hat, ist da nichts. Nur ein Regenbogenschillern von ausgelaufenem Diesel auf dem Wasser. Gab es auch andere Jungen, frage ich mich. War ich der einzige? Mein Kopf lässt keine Erinnerung an den Skipper zu, nur kleine Ausschnitte: Segelschuhe mit weissen Sohlen, braungebrannte Unterarme, graue Stoppeln.

Am La Cienega Boulevard gab es eine Pizzeria, in die der Skipper gern mit uns ging, ich fahre hin, und sie hat immer noch geöffnet. Hier ging Skipper mit uns Pizza essen, als unsere Gruppe sich zusammengefunden hatte und wir zum ersten Mal mit der Ketchfire gesegelt waren. Hier gab er uns unsere Spitznamen. Die anderen Jungs nannte er Nav und Crusher und Sparks und Cutter. Dann sah er mich an. Er muss etwas in mir gesehen haben. Ich muss etwas Besonderes an mir gehabt haben. Er sagte: «Und du bist Dark Meadow.»

 

Ich fahre die Old Topanga Canyon Road hoch, vorbei an der Ranch von Charles Manson und der Stelle, wo Jim Morrison den «Roadhouse Blues» schrieb. Ich sollte wohl erwähnen, dass es unten im Bauch des Boots noch ein weiteres Geräusch gab. Der Skipper hatte eine Kamera, so eine Einwegkamera, wie sie früher viele Leute hatten. Es war noch echter Film darin, und um den Film zur nächsten Aufnahme vorzuspulen, musste man dreimal an einem Plastikrad drehen – skritsch, skritsch, skritsch. Wenn der Blitz sich auflud, gab er ein Sirren von sich. Der Skipper wählte den Bildausschnitt sorgfältig, liess sich Zeit, und man wusste nie, wann einen das grelle Licht blenden würde.

Ich parke am Wanderparkplatz San Ynez und gehe bergauf, durch das Hundefreilaufgelände mit den Mülltonnen voller Hundekot in biologisch abbaubaren Plastikbeuteln über die Fusswege, wo bunte Kondomverpackungen in den Dornenbüschen flattern. Gelbes Gras wächst um eine riesige Eiche. Dem Zeitungsartikel zufolge ist es an dieser Stelle passiert. Hier oben herrscht immer eine steife Brise. Blick nach Westen: Meerespanorama. Ich betrachte die immergrüne Eiche, deren dickem Stamm man die Last der Jahre ansieht, und frage mich, über welchen der knorrigen Äste Skipper Stevenson wohl sein Seil geworfen haben mag.

 

Als ich zurück nach Hause komme, ist es schon dunkel. Der Tiger und das Bärchen sitzen auf meiner Veranda.

Als ich auf sie zugehe, sagt der Tiger: «Da war wieder jemand an unserem Fenster.»

«Wir haben ihn gehört», bestätigt das Bärchen.

«Echt jetzt», sagt der Tiger. «Es war super gruselig.»

«War da wirklich jemand?», frage ich.

Die beiden werden still.

«Ich will nicht nach Hause», sagt das Bärchen, und der Tiger nickt.

«Na kommt», sage ich und schliesse die Tür auf.

Ich schalte überall das Licht an und hole drei Milchpacks aus dem Kühlschrank.

Die Mädchen rennen durch die Wohnung und sehen sich alles an.

Als sie in mein Schlafzimmer flitzen, finden sie nur Pappkartons mit Computerbauteilen.

Enttäuscht kommen sie zurück.

«Wo ist Ihr Bett?», fragen sie. «Wo schlafen Sie?»

Ich drücke ihnen die Milchpacks in die Hände und zeige auf das ausgeklappte Sofa direkt vor ihnen.

Das Bärchen meint teilnahmsvoll: «Sie schlafen auch im Wohnzimmer.»

Der Tiger fragt: «Und wo ist der Esstisch?»

«Ich esse meine Brote an der Anrichte in der Küche.»

«Aber haben Sie denn gar keine Stühle?», will das Bärchen wissen.

«Doch, einen», antworte ich. «Auf der Veranda. Du hast gerade darauf gesessen.»

«Wo ist der Fernseher?», fragt das Bärchen.

«Ihr zwei trinkt jetzt einfach eure Milch und dann geht ihr ins Bett.»

Sie sind aufgekratzt und zu zappelig zum Schlafen, gehorchen aber trotzdem; sie kriechen unter die Bettdecke und versuchen still zu liegen.

Der Tiger betrachtet die Bermuda-Slup.

Sie sagt: «Als das Bild noch bei uns an der Wand gehangen hat, habe ich es mir eigentlich nie angeguckt.»

Ich werfe einen Blick auf den Seemann, der die Schoten in der Hand hält. Er hat abgelegt und sich auf die allentscheidende Reise begeben. Er hat eine Richtung eingeschlagen. Er brauchte nichts weiter zu tun, als sich für den richtigen Kurs zu entscheiden.

«Jetzt versucht mal einzuschlafen, ihr zwei.»

Ich setze mich auf die Veranda und schlage einen Artikel über den Mars-Rover auf, kann mich aber nicht konzentrieren. Officer Hernandez schickt mir eine SMS nach der anderen, Dodger auch. Ich denke nicht oft zurück an damals bei den Seepfadfindern, aber der Junge, der ich damals war, ist heute abend überall, sein vertrauensseliges Gesicht, so still und hoffnungsvoll. Auch das Mädchen mit den Händen auf dem Edelstahltisch will mir nicht aus dem Kopf. Und Dodgers Stick – ich höre immer wieder das befriedigende Klicken, das er machen würde, wenn ich ihn in den USB-Port meines Rechners stecken würde. Mein Kopf füllt den verlorengegangenen Stick mit tausend Bildern. Ich vermisse meinen PC schon, die Ruhe und Ordnung, die er mir beschert hat; die Bilder würden aufhören, sich fortwährend in meinem Kopf zu drehen, wenn ich ihn nur hochfahren könnte. Die Brösel seines Skeletts glitzern in der Einfahrt, wenn ein Auto vorbeifährt.

Als ich glaube, dass die Mädchen eingeschlafen sein müssen, gehe ich hinein.

Sie sind hellwach.

«Mach das Licht aus», sagt das Bärchen. «Ich kann nicht schlafen, wenn das Licht an ist.»

«Wir versuchen es noch ein bisschen länger mit Licht an», sage ich.

Ich setze mich auf die Bettkante, ziehe die Schuhe aus und knöpfe meinen Kragen auf.

Dann lege ich mich neben sie – ich auf der Decke, die beiden darunter.

Wir starren zu dritt an die Decke.

Das Bärchen fragt: «Sind Sie der Sohn von Missus Roses?»

«Nein, ich habe das Haus nur von ihr gekauft.»

«Ich will auch einen Spitznamen», sagt das Bärchen.

«Nein, das willst du nicht», antworte ich. «Glaub’s mir.»

Der Tiger liegt zwischen uns, aber die Energie vom Bärchen strahlt stark zu mir herüber. Ich kann die Kleine spüren. Ihren völlig offenen Blick. Wie sie neugierig die Augenbrauen hochzieht. Die dunkle Höhle am Ärmelaufschlag ihres Schlafanzugs.

«Habt ihr schon mal was Schlimmes gemacht?», frage ich die Mädchen.

Das Bärchen starrt ins Leere. Sie sagt ganz langsam «Jaah», als sehe sie den Friedhof schlechter Entscheidungen vor sich, die sie mit ihren zehn Jahren schon getroffen hat, die Wüste der Konsequenzen.

«Jeder macht mal was Schlimmes», sagt der Tiger. «Und Sie?»

«Ich habe auch schon schlimme Sachen gemacht», antworte ich. «Aber ich habe nie jemandem wehgetan. Jedenfalls nicht direkt, nicht ich selbst.»

«Hat Ihnen mal jemand was Schlimmes getan?», fragt sie. «Haben Sie deswegen gefragt?»

«Ja, vor ganz langer Zeit mal. Da ist etwas Schlimmes mit mir passiert.»

Der Tiger wendet mir das Gesicht zu. Unsere Köpfe sind sich ziemlich nah.

«Was denn?», fragt sie.

«Wahrscheinlich gibt es irgendwo Fotos davon», sage ich.

«Fotos?», fragt sie. «Wie sehen die denn aus?»

Ich schüttle den Kopf. «Irgendwo schwirren sie herum», sage ich zum Tiger. «Aber ich habe sie nicht gesehen. Weil ich mir keine Bilder von Jungen anschaue.»

Sie verengt die Augen und versucht, das zu verstehen.

Sie ist die Ältere, deswegen sage ich ihr die Wahrheit.

«Ich sehe mir Bilder von Mädchen an.»

Der Tiger denkt darüber nach. Sie sagt: «Ein paar von den Mädchen in unserem Cheerleader-Team, die haben Bilder von Jungs auf ihrem Handy. Die schicken sie sich gegenseitig. Sie interessieren sich für nichts anderes.»

Und sie erzählt mir alles darüber – von ihren Freundinnen, in wen sie verknallt sind und wie leichtsinnig es ist, ein Foto weiterzuschicken.

«Kann bitte mal jemand das Licht ausmachen?», fleht das Bärchen.

Der Tiger singt dem Bärchen etwas vor. Es ist ein Lied über ein Mädchen, das alleine in den Wald geht.

«My girl, my girl», singt der Tiger. «Don’t lie to me.»

Das Bärchen singt: «Tell me, where did you sleep last night?»

Zusammen singen sie: «In the pines, in the pines, where the sun don’t ever shine –.»

Ich unterbreche sie: «Das ist ein ziemlich ungewöhnliches Schlaflied.»

Sie ignorieren mich und singen zusammen den Refrain zu Ende: «I would shiver the whole night through.»

Der Tiger wirft mir einen Blick zu: «Erzähl das Kurt Cobain», sagt sie.

Wegen meiner Erektion stehe ich etwas unbeholfen auf und gehe zum Lichtschalter. Ich betrachte die Mädchen noch einen Augenblick, ihre Umrisse unter der Decke, die kleinen Münder, wie der Tiger das Bärchen durch die letzten Zeilen führt, in denen es um kalte Winde geht. Vielleicht war ich etwas zu voreilig. Vielleicht habe ich mein Urteil über den Tiger zu früh gefällt. Sie hat etwas Süsses, Unschuldiges an sich. Auf ihre eigene Art stimuliert auch sie.

Dann knipse ich das Licht aus.

Draussen gehe ich durch den Garten und trete zwischen meine Rosenbüsche. Ich befeuchte meine Hand mit der Zunge. Ich lecke von unten nach oben über Handfläche und Finger. Ich stelle mich hinter die Blueskies und die Bourbons, damit man mich von der Strasse aus weniger gut sieht, und fange an zu onanieren. Es bereitet mir keine Lust. Es geht um Sicherheit und Kontrolle und Selbstbeherrschung. Ich tue es für die Mädchen. Sie brauchen meinen Schutz, das ist mir jetzt klar. Ich kann eine Macht des Guten in ihrem Leben sein. Ich habe das Ping! gehört. Ich kenne den Code. Wenn erst einmal etwas Schlimmes passiert ist, dann passiert es in jeder Minute des Lebens und kann nicht mehr rückgängig gemacht werden, das versteht Officer Hernandez nicht. Nicht durch eine Rettungsmannschaft oder eine Razzia oder ein Seil oder hundertvierzigtausend Dollar. Nicht nachher – vorher muss man handeln. Jetzt. Und an einem Tropfen Sperma, der im Mondlicht auf eine Rose fällt, ist nichts Schönes. Es ist eine Pflicht. Es ist einfach etwas, das getan werden muss, wenn die Unschuldigen schlafen.


Der vorliegende Text ist eine von Adam Johnson für diese Veröffentlichung leicht gekürzte Version der Kurzgeschichte «Dark Meadow», die in diesem Monat im Kurzgeschichtenband «Nirvana» bei Suhrkamp erscheint. Wir danken dem Autor, der Übersetzerin, der Illustratorin und dem Verlag für die hervorragende Zusammenarbeit.


Adam Johnson (Text)
ist Schriftsteller und lehrt Creative Writing an der Stanford University. 2012 erschien in den USA sein Roman «The Orphan Master´s Son» (Random House, deutsch: «Das geraubte Leben des Waisen Jun Do», Suhrkamp, 2013), der mit dem Pulitzerpreis für den besten Roman ausgezeichnet wurde. Diesen Monat erscheint Adam Johnsons neue Kurzgeschichtensammlung «Fortune Smiles: Stories» (Random House) auf Deutsch unter dem Titel «Nirvana» (Suhrkamp). Johnson lebt in San Francisco.


Anke Caroline Burger (Übersetzung)
ist Übersetzerin und lebt in Montreal und Berlin. Sie übersetzt das Werk Adam Johnsons ins Deutsche


Christina Baeriswyl (Illustration)
ist Illustratorin und Art Directrice. Sie lebt in Zürich. Gemeinsam mit Niko Stoifberg entwirft und zeichnet sie in der Rubrik «Stoifberg/Baeriswyl» monatlich einen Cartoon für diese Zeitschrift.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»