Verzicht gibt
«Der Verzicht nimmt nicht. Der Verzicht gibt. Er gibt die unerschöpfliche Kraft des Einfachen.»
Diese Worte aus dem kurzen Text «Der Feldweg» von Martin Heidegger passen wunderbar zur Zeitenwende, die wir in den nächsten zehn Jahren durchmachen dürften.
Auch wenn heutige Institutionen und Strukturen kollabieren sollten und wir unweigerlich in unruhiges Fahrwasser steuern, so führt die Reise doch in ein Zeitalter des Überflusses hinein. Die Industrien werden sich mit allen Mitteln bemühen, offene Ohren, Augen, Münder, Hände zu bespielen und zu bedienen, und die Träger dieser zu Kunden zu machen, die zurückkehren. Weil sie wollen. Oder weil sie müssen.
Sie müssen, weil sie nicht verzichten können. Sie sind süchtig nach Candy Crush, Chupa Chups und Cheerios. Sie machen Dinge mit, die sie eigentlich ablehnen, weil sie familiäre und finanzielle Verpflichtungen haben und sich nach Sicherheit und Komfort sehnen. Um nichts davon aufgeben zu müssen, nehmen sie Abhängigkeit, Überwachung, Unfreiheit in Kauf. Nicht mal eine ruinierte Gesundheit im digitalen Gefängnis schreckt sie.
Wer aber künftig selbstbestimmt und frei leben will, wird sich aktiv für den einen Weg und aktiv gegen viele andere Möglichkeiten entscheiden müssen. Free To Choose bedeutet auch Free To Say No.
Wer Nein sagt, sagt Ja zur Alternative. Verzichten die Schweizer Bürger etwa auf die EU-Integration per Vertrag, müssen sie mutmasslich pro Jahr mit ganzen 2500 Franken (!) Einkommen weniger auskommen – dafür dürfen sie weiterhin in einem Land leben, das (weit über EU-Niveau) die Weltranglisten des guten Lebens anführt: demokratische Rechte, Wettbewerbsfähigkeit, Lebensqualität. Ein Nein zu offenen Grenzen ist ein Ja zu gezielter Migration. Sie können wählen, auf welche Ausländer sie nicht verzichten wollen – erst recht, wenn der Zuwanderungsdruck wieder so gross wird wie zuletzt während des Zweiten Weltkriegs.
Selbst bestimmen und entscheiden müssen ist furchtbar anstrengend, aber eben auch erwachsenes Verhalten. Viel bequemer ist es, alles den EU-Funktionären und EU-Richtern zu überlassen. Doch nicht nur der EuGH drängt sich als Schiedsrichter und Entscheidungsträger auf, sondern zunehmend auch die KI; schon heute schlägt sie auf X selber Community Notes vor, deren Wahrhaftigkeit dann Menschen beurteilen. Gewinnt die KI weiter an Glaubwürdigkeit, wird sie bald alleine festlegen dürfen, was Fakt, was Wahrheit ist. Journalisten, Schriftsteller und Wissenschaftler, die das bisher in einer freien Debatte entschieden, werden von ihr abgelöst. Der «Überschall-Tsunami» KI katapultiert uns aus der Welt, wie wir sie kennen.
In der neuen Welt werden immer neue Verlockungen und Ablenkungen es teuflisch schwer machen, den Fokus zu halten. Ja, es war noch nie leicht, ein Ziel konsequent zu verfolgen. Doch wer sich künftig nicht aktiv diszipliniert und in Impulskontrolle übt, wird untergehen.
«Wir haben das Gehirn unserer Vorfahren, sind jedoch Versuchungen ausgesetzt, mit denen sie niemals konfrontiert waren», schreibt James Clear in seinem Bestseller «Die 1%-Methode». In der Tat werden die Belohnungen in den künstlich geschaffenen Welten immer mächtiger, die Reize immer verlockender. Reichte einst das Essen eines Apfels für einen Zuckerschock, verfüttert die Lebensmittelindustrie heute konzentrierten Zucker in allen Formen. Wer nie Lob erhält oder nie Sex hat in seinem Leben, für den ist die Ersatzbefriedigung mit Social-Media-Likes oder Pornos immer nur einen Klick weg. Das wahre Glück, überhaupt die Wahrheit, verbirgt sich immer tiefer in der Flut der künstlichen Inhalte.
Cyborgs sind wir noch nicht. Doch zu degenerierten Figuren, die vornübergebeugt ständig in ein kleines Gerät starren, sind die meisten von uns schon geworden. Bald kommen die KI-Brillen und dann die Implantate. Und das Leben ohne Smartphone wird immer mehr zur Unmöglichkeit – erst gestern haben die Zürcher Stimmbürger dem Recht auf ein Offline-Leben eine Absage erteilt.
Mein Motto ändert sich nicht: Weniger ist mehr. Darum lesen Sie hier die vorerst letzte Ausgabe von «Grob Gesagt». Nach intensiven Jahren des Schreibens, Diskutierens und Debattierens will ich 2026 etwas innehalten, um Fragen nachzugehen, die mehr Stille und Tiefe brauchen. Wir lesen uns wieder.