Produktion von Sicherheit

Produktion von Sicherheit

Die Auseinandersetzung mit Katastrophen, Notlagen und Worst-Case-Szenarien gehört zum Wesenskern meiner Aufgabe. Obwohl mein Arbeitsalltag – die Führung eines Amtes mit rund 300 Mitarbeitern – oft von anderem dominiert wird. Die Zeit ist ausgefüllt mit Sitzungen und Besprechungen; Berichte und Protokolle müssen gelesen, Entscheidungen über strategische Ziele gefällt, Budgetvorgaben umgesetzt werden. Kurz: Routineaufgaben, wie sie auch der CEO einer Unternehmung in der Konsumgüterindustrie oder im Dienstleistungssektor wahrzunehmen hat.

Sinn und Zweck jedoch sind anders. Die Produktion von Konsumgütern und Dienstleistungen ist volkswirtschaftlich wichtig – sie schafft Arbeit und Einkommen. Dafür müssen Rahmenbedingungen gegeben sein. Eine wichtige ist die Sicherheit. Gemeinsam mit anderen Bereichen unseres Departements, des Eidgenössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS), produzieren wir jeden Tag Sicherheit – Sicherheit für die Bevölkerung und damit für jeden einzelnen Menschen in unserem Land. Sicherheit gehört zu den fundamentalen Bedürfnissen des Menschen – genauso wie die Freiheit. Sicherheit ist eine unerlässliche Voraussetzung für eine funktionierende Gesellschaft. Sicherheit ist, so gesehen, ein wichtiges öffentliches Gut, eine Kernaufgabe staatlichen Handelns. Der Staat hat dafür zu sorgen, dass der worst case nach Möglichkeit nicht eintritt. Und wenn doch, muss er helfen, zumindest die Auswirkungen zu begrenzen und zu bewältigen.

Mit Katastrophen und Notlagen mussten sich die Menschen aller Epochen auseinandersetzen, mit Überschwemmungen, Erdbeben, verheerenden Seuchen, Hungersnöten oder Kriegen. In historischen Zeiten wurden solch schlimme Ereignisse jedoch anders wahrgenommen und gedeutet. Sie wurden als göttliche Strafe für menschliche Lasterhaftigkeit interpretiert. Solange Katastrophen als göttliche Fügung aufgefasst wurden, war es weitgehend sinnlos oder sogar widersinnig, sich dagegen zu wehren. «Vor Pest, Hunger und Krieg bewahre uns, o Herr» – so lautete denn auch eine verbreitete Gebetsformel.

In unserer modernen Gesellschaft ist der schicksalhafte Glaube und der Aberglaube weitgehend vom Glauben an naturwissenschaftliche Erklärungsmodelle, an die technische Machbarkeit abgelöst worden. Wir setzen unser Vertrauen in ausgeklügelte Technologien und effizientes Krisenmanagement. Wir studieren und modellieren akribisch Katastrophenszenarien. Wir berechnen Eintretenswahrscheinlichkeiten, statistische Schadenerwartungswerte und berücksichtigen Aversionsfaktoren. Und wir bauen Schutzräume, beschaffen Schutzmaterial und entwickeln Impfstoffe.

Dabei können wir aber nicht übersehen, dass unsere Möglichkeiten zur Vorhersage, zur Verhinderung und zur Bewältigung von Katastrophen und Notlagen immer noch begrenzt sind. Zudem müssen wir uns mit neuartigen Bedrohungen auseinanderzusetzen. Die drei alten Geisseln der Menschheit – Pest, Hunger und Krieg – haben inzwischen bei uns zwar vordergründig ihren Schrecken verloren. Latent lauern sie aber in anderer Form. Die Vogelgrippe hat die Gefahr einer verheerenden Pandemie wieder in unser Bewusstsein gerückt. An die Stelle eines Kriegs sind asymmetrische Konflikte und terroristische Attacken getreten. Und der Hunger hat sich – in den industrialisierten Ländern – ins Gegenteil verkehrt; lebensverkürzend sind heute Fehlernährung und Übergewicht.

Wir werden uns auch künftig mit denkbaren – und undenkbaren – Katastrophen und Notlagen auseinanderzusetzen haben. Dabei immer in der Hoffnung, dass sie nie eintreten. Darin liegt eine gewisse Ambivalenz unserer Tätigkeit.

Willi Scholl ist Direktor des Bundesamts für Bevölkerungsschutz (BABS).

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