Mythos: Gleichgewicht

Ob im Wald, im Leben oder in bezug auf das Klima: die Natur kennt keine Dauerhaftigkeit. Das Verharren in Gleichgewichten ist eine Illusion. Die Alternative besteht darin, sich dem Wandel zu stellen und auf stabile, gleichwohl aber produktive Ungleichgewichte zu setzen.

Mythos: Gleichgewicht
Bild: Fotolia

Der Naturhaushalt ist massiv gestört! Die natürlichen Gleichgewichte brechen zusammen! Ihre Wiederherstellung kostet mehr Geld, als die Zerstörung Gewinn gebracht hat! Wenn sie überhaupt noch gelingt! So oder so ähnlich geht heute die Klage, und die Forderung folgt auf dem Fuss: Wir sollten nach den Gleichgewichten streben, solange es noch nicht zu spät ist! Um im Einklang mit der Natur zu leben!

Das alles ist so schön und gut wie unrealistisch, denn: die angestrebten Gleichgewichte und Harmonie gibt es nicht. Das zeigt sich, sobald man anfängt, nach ihnen zu suchen – wo wollte man da überhaupt beginnen? Man stösst mit dieser Frage auf ein Referenzproblem: Worauf soll die heutige «Störung des Gleichgewichts» bezogen werden? Auf den Zustand der Schweiz, als diese menschenleer war, weil sie Gletscher bedeckten, aus denen nur einige Bergspitzen herausragten? Oder auf die Zeit der Pfahlbauer, die an den Seeufern siedelten? Wobei, da war sie schon nicht mehr «Ur», die Natur. Oder soll das 19. Jahrhundert mit seinen Schlechtwetterphasen und Hungersnöten als Mass für das Gleichgewicht im Haushalt der (Schweizer) Natur gelten? Besonders reich an Pflanzen- und Tierarten war sie damals gewiss, das zeigen die Aufzeichnungen aus dieser Zeit. Aber im Gleichgewicht? Die Menschen hungerten und die Natur war übernutzt!

Kurz: jeder neue Eingriff trifft eine Natur, die sich als offenes System geradezu dadurch auszeichnet, dass sie keine Dauerhaftigkeit kennt.

 

Die Natur ist kein Körper

Vor diesem Hintergrund ist die Annahme eines austarierten Zustandes erklärungsbedürftig – wie kommen wir überhaupt darauf, uns an einer solchen Vorstellung zu orientieren? Das Konzept vom Gleichgewicht im Naturhaushalt stammt aus der wissenschaftlichen Ökologie. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts prägte der Biologe Ernst Haeckel, Darwins eifrigster Vorkämpfer im deutschsprachigen Europa, den Begriff «Ökologie». Vom griechischen oikos, Haus, abgeleitet, meinte er damit das Gleiche für den Naturhaushalt wie «Ökonomie» für die Wirtschaft. Dem Zeitgeist des scheinbar noch ganz stabilen Zeitalters der Kaiser- und Kolonialreiche verhaftet, wurde die Natur als ein geregelter Haushalt verstanden, in dem alles seinen Platz und seine Ordnung hat. Wie von einem unsichtbaren «Hausvater» geleitet, gleichen sich in dieser Vorstellung Zu- und Abgänge aus und halten Balance wie die Einkommen und Ausgaben unter der «unsichtbaren Hand des Marktes». Werden die Ausgaben grösser als die Einnahmen, gerät dieser (Natur-)Haushalt aus dem Gleichgewicht. Und kann zusammenbrechen. Auch zu viel Input tut nicht gut, weil sich ungenutzte Überschüsse anhäufen. Der Haushalt der Natur puffert wie ein balanciertes Mobile all die normalen Störungen ab. Allerdings fehlt diesem Mobile etwas, das es (er)hält. Die «Hand» bleibt unsichtbar!

Nicht nur mit der Wirtschaft wurde die Natur gerne verglichen, sondern auch mit dem menschlichen Körper. Dieser aber ist anders. Er reguliert seinen «Haushalt» und hält sich im Gleichgewicht; kleine Abweichungen davon bedeuten Erkrankung. Das innere Gleichgewicht zu halten, ist daher lebensnotwendig. Auch für die äussere Natur gälte dies – das nimmt die Ökologiebewegung an und überträgt die Vorstellung von geregelter Innenwelt auf die Umwelt. Sie sieht diese erfüllt von Superorganismen, sogenannten «Ökosystemen», die durch unsere Eingriffe «bedroht», «gestört» oder «vernichtet» werden, und warnt vor ihrem Zusammenbruch. Offenbar zu Recht, denn tatsächlich sind Zerstörungen nicht zu übersehen.

 

Ökosysteme als Momentaufnahmen

Wenn der Schutz der Natur angemahnt wird, ist das folglich als Anliegen sicher gut und unterstützenswert, schliesslich geht es um Lebensqualität und um die Erhaltung der lebendigen Vielfalt, die Biodiversität für Gegenwart und Zukunft. Beispielsweise wird durch die Umwandlung von Tropenwäldern für die Erzeugung von Soja und von Ölpalmplantagen Biodiversität vernichtet, um bei uns «billiges Fleisch» erzeugen und «grüne Energie» einsetzen zu können. Deutsches Stallvieh frisst tropische Lebensvielfalt auf – und die Überreste davon werden als Gülle übers Land ausgebracht, so dass dieses zum…

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