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Kinder sind keine Privatsache

Wer den Nachwuchs grosszieht, sichert die Zukunft, trägt die Kosten jedoch weitgehend allein. Zeit für einen Systemwechsel: Wir müssen die Familien spürbar entlasten – dazu sollten auch die Kinderlosen einen Beitrag leisten.

Kinder sind keine Privatsache
Keine Kinder finanzieren keine Renten. Bild: Keystone/Gaëtan Bally.

 

Die Schweiz hat die Individualbesteuerung an der Urne angenommen. Damit sagt sie Ja zu einer steuerlichen Entlastung von Doppelverdiener-Ehepaaren ohne Kinder. Gleichzeitig bedeutet der Entscheid eine Mehrbelastung für Ehepaare, bei denen ein Partner – meist die Partnerin – die Kinder betreut und allenfalls ehrenamtliche Arbeit leistet. In diesen Fällen verzichtet sie ganz oder weitgehend auf ein Erwerbseinkommen. Ob dies den bewussten Auftakt zu einem gesellschaftlichen Umbau nach sozialistischem Muster markiert oder lediglich ein unglücklicher Kollateralschaden ist, bleibt offen.

Das Abstimmungsergebnis zeigt, dass es höchste Zeit ist für ein breiteres Bewusstsein darüber, welche Gesellschaft wir haben wollen – und welche Bedeutung den Kindern (und den Frauen) darin zukommen soll. Der Liberalismus hat die heutige Schweiz begründet und damit ein beispielloses Erfolgsmodell geschaffen. Er hatte eine klare Vorstellung vom Individuum: Es sollte frei sein und die Verantwortung für sein Tun und Lassen selbst tragen. Eine ebenso klare Zielvorstellung von der Gesellschaft fehlte jedoch offenbar. Vielleicht, weil der Gemeinsinn und der Ausgleich zwischen den Generationen in der damals mehrheitlich bäuerlichen Struktur mit Grossfamilien bereits verankert waren. Man war aufeinander angewiesen – und trug einander Sorge.

Der blinde Fleck des Liberalismus

Die Stärkung des Individuums war eine grossartige Sache und machte die Menschen freier und unabhängiger; gleichzeitig verlor die Gemeinschaft zunehmend an Bedeutung. Heute stehen wir am Punkt, an dem die individuelle Selbstoptimierung die Gesellschaft zu marginalisieren droht. Mehr noch: Die Zukunft unserer Gesellschaft steht auf dem Spiel, wenn immer weniger (Schweizer) Kinder geboren werden. Doch warum ist das schlimm, da Kinder doch Privatsache sind?

«Kinder sind mehr als Statussymbole ihrer Eltern – mehr als zwei
schicke Autos, ein Ferienhaus im Bündnerland oder
Ferien in der Karibik. Sie sind unsere Zukunft.»

Kinder sind mehr als Statussymbole ihrer Eltern – mehr als zwei schicke Autos, ein Ferienhaus im Bündnerland oder Ferien in der Karibik. Sie sind unsere Zukunft. Wir sehen das jetzt schon bei der AHV: Keine Kinder finanzieren keine Renten. Aber es geht noch weiter: Keine Kinder brauchen keine Wohnungen und keine Güter. Was wir uns als Wert geschaffen haben, wird wertlos, wenn es uns später niemand abkauft. Und keine Kinder pflegen und unterstützen uns nicht, wenn wir im Alter ebendies nötig haben. Das betrifft Eltern und Kinderlose gleichermassen. Kinder sind keine Privatsache, sondern überlebenswichtig für unsere Gesellschaft. Sie sind die Fachkräfte von morgen, die uns heute schon fehlen.

Warum hatten frühere Generationen mehr Kinder als heute? Nicht nur wegen fehlender Verhütungsmittel – und auch nicht, weil unsere Grosseltern Kinder mehr liebten als wir. Kinder hatten auch einen ökonomischen Wert für ihre Eltern, insbesondere in der erwähnten bäuerlichen Struktur: Sie halfen bereits in sehr jungen Jahren bei der Arbeit. Die älteren Geschwister erzogen die Jüngeren mit, wodurch die Mutter einen höheren Anteil an der Erwerbsarbeit übernehmen konnte. Im betagten Alter konnten sich die Eltern auf die Unterstützung der Kinder verlassen.

Dann trat der Staat auf den Plan und entzog den Eltern mit der Einführung der Schulpflicht die Arbeitskraft ihrer Kinder. Diese Bildungsoffensive war selbstverständlich eine gute Sache, minderte jedoch zugleich den ökonomischen Nutzen der Kinder für ihre Eltern. Mit dem Ausbau des Sozialstaats liess sich zudem auch ohne Kinder ein materiell abgesichertes Alter erreichen. Mehr noch: War früher Kinderlosigkeit ein Armuts- und Verwahrlosungsrisiko, wurden Kinder zunehmend selbst zum Armutsrisiko – weil ihr ökonomischer Wert verstaatlicht, die Kosten jedoch privatisiert wurden.

Familien zahlen den Preis

Ein Kind kostet seine Eltern rund eine halbe Million Franken. Um den Bevölkerungsstand ohne Migration zu halten, müsste eine Frau im Schnitt mindestens 2,1 Kinder gebären. Sie und ihr Partner verzichten also auf eine Million. Hinzu kommt der Erwerbsausfall. Entsprechend geringer fällt das Kapital der Altersvorsorge aus, wodurch sich der Verzicht bis ins Alter fortsetzt. Natürlich sind Kinder nicht nur auf ihren ökonomischen Wert zu reduzieren, sondern eine Bereicherung des Lebens. Doch sie sind auch eine sehr kostspielige, die sich immer weniger Menschen leisten wollen oder können.

Wenn es uns gelingt, aus diesem Dilemma auszubrechen, lösen wir mehrere drängende Probleme gleichzeitig: Finanzierung der Altersvorsorge, Überalterung der Gesellschaft, Fachkräftemangel, Migrationsdruck. Zugleich stärken wir die Freiheit und finanzielle Sicherheit der Frauen. Was ist also zu tun? Die freie Entscheidung für oder gegen eigene Kinder soll bleiben. Wer aber darauf verzichtet, diesen überlebenswichtigen Beitrag für unsere Gesellschaft zu leisten, soll sich substanziell stärker an der Finanzierung beteiligen, sodass Familien mit Kindern einen Wertausgleich erhalten für die höheren Kosten und den allfälligen Erwerbsausfall. Ebenso sollte es Eltern frei stehen zu entscheiden, ob sie ihre Kinder selbst betreuen oder betreuen lassen – ohne dass die eine oder andere Wahl mit erheblichen finanziellen Nachteilen verbunden ist.

«Wer keine Kinder hat – ob freiwillig oder unfreiwillig –,
verfügt über mehr Einkommen und Vermögen, aus dem sich
die Altersvorsorge eigenverantwortlich sichern lässt.»

Da unsere AHV-Renten von den heutigen Kindern bezahlt werden, wäre eine Abstufung gerechtfertigt: Wer zwei oder mehr Kinder hat, erhält die volle Rente; wer ein Kind hat, bekommt zwei Drittel; wer keine Kinder hat, noch ein Drittel. Die AHV-Finanzierung dürfte damit weitgehend gesichert sein. Das ist nicht asozial gegenüber Menschen, die gerne Kinder hätten, aber keine bekommen konnten. Wer keine Kinder hat – ob freiwillig oder unfreiwillig –, verfügt über mehr Einkommen und Vermögen, aus dem sich die Altersvorsorge eigenverantwortlich sichern lässt. Geben wir den Kindern endlich den Wert, der ihnen für unsere Gesellschaft zukommt – und erfreuen wir uns am Immateriellen, das sie uns darüber hinaus schenken!

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