James Garfield wollte nie US-Präsident werden – und bleibt vielleicht gerade deshalb als einer der grössten in Erinnerung
Er wuchs in einer Blockhütte auf, kämpfte gegen Sklaverei und Korruption in der eigenen Partei. Eine neue Netflix-Serie porträtiert einen Mann, der zeigt, was Charakter in der Politik wirklich bedeutet.
Mit der kürzlich erschienenen Netflix-Miniserie «Death by Lightning» wird die Geschichte des US-Präsidenten James A. Garfield (1831‒1881) endlich einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Ich bin durch Candice Millards grossartiges Buch «Destiny of the Republic» auf Garfield aufmerksam geworden. Das Buch berührte mich unerwartet tief. Auf diesen Seiten entfaltete sich ein Charakter, den man in der modernen Politik vergeblich sucht: furchtlos, gütig, gebildet – und integer bis in die Knochen.
Die Serie zeigt nicht alle Nuancen seines Lebens, aber genug, um zu ahnen, was für ein Mensch er war. Ein Republikaner alter Schule, ein radikaler Gegner der Sklaverei, der sich freiwillig für den Bürgerkrieg meldete und zum General aufstieg. Ein Mann, der gleichzeitig gegen die rassistischen Demokraten kämpfte und gegen die mächtigste korrupte Maschinerie seiner eigenen Partei: die New Yorker Patronage-Seilschaften der Stalwarts. Das braucht Mut, Rückgrat – und eine moralische Klarheit, die heute fast fremd wirkt.
Garfield war zudem der letzte US-Präsident, der in einer Blockhütte aufwuchs – als Sohn einer alleinerziehenden Mutter, die trotz Armut ihren Kindern Bildung und Würde vermittelte. Diese Herkunft ist kein biografisches Detail, sondern prägte seine Haltung: Er wusste, wie es ist, sich hochzuarbeiten, ohne Privilegien, ohne Netzwerke, nur mit Willen, Neugier und unerschütterlicher Arbeitsethik.
«Garfield war der letzte US-Präsident, der in einer Blockhütte aufwuchs.»
1880 steckte der Parteitag der Republikaner in Chicago in einer hoffnungslosen Blockade fest. Nach 35 (!) erfolglosen Wahlgängen zur Nominierung eines Präsidentschaftskandidaten waren alle erschöpft – und plötzlich richteten sich alle Augen auf Garfield. Er flehte die Delegierten an, seinen Namen nicht auf den Wahlzettel zu schreiben. Und doch wählten sie ihn im 36. Wahlgang. Nicht, weil er laut war, sondern weil er glaubwürdig war. Weil er der Einzige war, der die verfeindeten Flügel der Partei miteinander versöhnen konnte.
Dass er später einen Wahlkampf verweigerte, wirkt heute fast surreal. Während heutige Kandidaten Millionen in Selbstdarstellung investieren, blieb Garfield zu Hause. «Wenn die Menschen wissen wollen, wer ich bin, sollen sie mich besuchen.» So stand er auf seiner Veranda und erzählte über Bildung, Gerechtigkeit und Verantwortung.
Prinzipientreu bis in den Tod
Garfield war nur 200 Tage Präsident. Dann fiel er einem Attentat zum Opfer – und vor allem der Unwissenheit seiner Ärzte. Die Tragik dieser Geschichte brachte mich zum Nachdenken. Was hätte dieser Mann bewirken können? Doch vielleicht liegt seine Bedeutung gerade darin, dass er nicht lange genug lebte, um seine Ideale verwässern zu müssen.
Obwohl sein Leben viel zu früh endete, bleibt Garfields Vermächtnis relevant. Er verkörperte Prinzipien, die heute eine Renaissance verdienen:
- Bescheidenheit: Er suchte das Amt nicht. Und vielleicht war er gerade deshalb der Position würdig.
- Dienst statt Selbstvermarktung: Politik war für ihn kein Vehikel persönlicher Ambition, sondern ein Auftrag.
- Integrität: Er stellte sich gegen die korrupten Parteibosse – obwohl er wusste, dass sie ihn zerstören könnten.
- Intellektuelle Neugier: Vom Waisenjungen zum Collegepräsidenten – Bildung war seine Befreiung.
- Mut – im Krieg wie in der Politik: Er sagte, was richtig war, nicht, was opportun war.
- Brückenbauen: Er vereinte verfeindete Republikaner – etwas, das heute wie eine ausgestorbene Kunst erscheint.
- Ausdauer: Garfields Lebensweg widerlegt jede moderne Opferhaltung.
- Grossmut: Er nannte sich einen «schlechten Hasser». Und lebte genau so.
«Vielleicht liegt seine Bedeutung gerade darin, dass er nicht lange genug lebte, um seine Ideale verwässern zu müssen.»
Garfield war ein Mann, der mit dem Herzen eines Kriegers und der Seele eines Humanisten führte. Kaum jemand hat diese innere Spannung so präzise formuliert wie er selbst: «I deprecate war, but if it is brought to my door, the bringer will find me at home.» Der Satz offenbart die ganze Tiefe seines Charakters: ein Mann, der den Krieg verabscheute, aber dem Unrecht niemals wich. Einer, der für das Richtige kämpfte, ohne sich vom Hass vergiften zu lassen.
In einer Zeit moralischer Selbsterhöhung, schneller Empörung und politischer Eitelkeit steht seine Geschichte im Raum wie eine stille, aber unüberhörbare Mahnung: Wahre Führung beginnt nicht mit dem Willen zur Macht, sondern mit dem Willen zum Dienst.
Vielleicht ist das der Grund, weshalb Garfield – der Mann, der nie Präsident sein wollte – gerade jetzt wieder sichtbar wird. Vielleicht erinnert er uns daran, was Führung sein könnte, wenn sie wieder Charakter hätte.